Clanchef Abou-Chaker In Handschellen

Er kam als freier Mann ins Gericht und verließ es in Handschellen: Arafat Abou-Chaker muss wegen mutmaßlicher Entführungspläne in Untersuchungshaft. Hintergrund ist seine Fehde mit dem Rapper Bushido.

imago/ Mauersberger

Von , Claas Meyer-Heuer und


Saal 101 im Amtsgericht Berlin-Tiergarten. Arafat Abou-Chaker schlendert an den Journalisten vorbei, nickt den Zivilbeamten des Landeskriminalamtes zu. Der Clanchef ist wegen einer Körperverletzung angeklagt. Er soll den Hausmeister einer Physiotherapiepraxis angegriffen haben. Gegen Mittag kommt das Urteil, Abou-Chaker bekommt eine Bewährungsstrafe. Die Verhandlung ist vorbei.

Doch dann geht es erst richtig los.

Denn kurz nach der Urteilsverkündung betritt Staatsanwältin Petra Leister den Saal. Sie hält einen Haftbefehl in den Händen. Leister verliest das Dokument, das für Arafat Abou-Chaker weitreichende Folgen haben wird. Eben noch ein freier Mann auf Bewährung, werden ihm nun Handschellen angelegt.

Es geht um ein anderes Verfahren, um schwerwiegende Vorwürfe, um Entführung.

Die Festnahme des Clanchefs ist das nächste Kapitel der Geschichte zweier Männer, die wie Brüder waren: Bushido und Abou-Chaker. Der Rapper und der Clanchef. Einst verband sie eine Freundschaft, eine enge Geschäftsbeziehung. Heute ist davon nichts mehr übrig. Im Gegenteil: Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, so macht Abou-Chaker in dem Streit offenbar nicht einmal vor Bushidos Kindern halt.

Arafat Abou-Chaker soll die Entführung von Bushidos Frau und Kindern vorbereitet, Leute dafür gesucht haben. Und er soll geplant haben, Bushidos Frau Anna-Maria Ferchichi mit Säure zu attackieren. Die Staatsanwaltschaft sieht einen dringenden Tatverdacht.

Abou-Chaker wird gegen 15 Uhr in einem kleinen Raum dem Haftrichter vorgeführt. Nach einer Stunde entscheidet der Richter, dass Abou-Chaker in Untersuchungshaft muss. Es bestehe Verdunklungsgefahr.

Jahrelang waren Bushido und Abou-Chaker unzertrennlich. Sie zeigten sich auf dem roten Teppich, waren Nachbarn, Bushido nannte ihn in einem Song "Bruder". 2013 wurde bekannt, dass Bushido seinem Kompagnon eine Generalvollmacht ausgestellt hatte. Sie erlaubte es Abou-Chaker, frei über das Vermögen des Künstlers zu verfügen. Bushido soll stets die Hälfte seiner Einnahmen abgeführt haben.

Wie groß die Abhängigkeit von Abou-Chaker war, erzählten Bushido, bürgerlich Anis Ferchichi, und seine Frau Anna-Maria kürzlich dem "Stern". Der Clan-Pate schrieb dem Paar demnach vor, wie es die vier gemeinsamen Kinder zu erziehen hatte. Welche Küche es kaufen sollte. Welche Auftritte Bushido zu absolvieren hatte.

Im März 2018 erfolgte der Bruch. Danach versuchte Bushido vergeblich, sich mit 2,5 Millionen Euro freizukaufen. Ein Zivilverfahren läuft, die Männer streiten vor Gericht ums Geschäft. Unklar ist, wie sich die Verflechtungen lösen lassen - und wie viel Geld Abou-Chaker beanspruchen kann.

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Bushido und Abou-Chaker: Brutaler Bruch

Seit dem Bruch, so stellte es Anna-Maria Ferchichi dar, dominiert Furcht den Alltag der Familie. "Natürlich haben wir Angst, dass jemand aus Rache auf mich oder meinen Mann schießt", sagte sie in dem Interview. "Wir rechnen eigentlich jeden Tag damit." Bushido hat sich mit seiner Familie in die Obhut des Rammo-Clans begeben, der mit den Abou-Chakers auf den Straßen der Hauptstadt konkurriert.

Eine Razzia im November 2018 machte deutlich, wie ernst Ermittler die mutmaßlichen Entführungspläne nehmen. Mehr als hundert Beamte durchsuchten Abou-Chakers Anwesen in Kleinmachnow bei Berlin.

Die Razzia ging auf eine Zeugenaussage aus Bushidos Umfeld zurück. Demnach erhielten die Ermittler den Hinweis, Abou-Chaker sei illegal im Besitz einer scharfen Waffe. Außerdem soll er Entführungen geplant haben.

Arafat Abou-Chaker dementierte die Vorwürfe kurz nach der Razzia. "Ich hätte Kinder auslöschen wollen, Morde beauftragt und würde Menschen entführen lassen wollen - so was kann ich in der Welt nicht stehen lassen. So bin ich nicht", heißt es darin.

Die Festnahme und die Unterbringung in U-Haft zeigen nun, dass die Staatsanwaltschaft handfeste Gründe hat, an eine Verwicklung Abou-Chakers zu glauben. Er soll nicht nur die Entführung von Bushidos Kindern geplant haben. Die Kinder seines Bruders Yasser soll er mit einem weiteren Bruder selbst entführt haben. Hintergrund ist ein Streit zwischen Yasser und seiner Frau. Diese hatte sich mit den Kindern nach Dänemark abgesetzt. Von dort aus wurden die Kinder nach Deutschland entführt.

Zumindest äußerlich bleibt Arafat Abou-Chaker ruhig, als ihm im Gerichtssaal Handschellen angelegt werden. Er wird abgeführt und durch die unterirdischen Gänge des Amtsgerichtes weggebracht. Der Clanchef verschwindet im Untergrund. Vorerst.

Im Video: "Sag mir, wo Du wohnst!" - Arafat A. vor Gericht (SPIEGEL TV 2012)

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