Anschlag auf Mannschaftsbus Das rätselhafte Bekennerschreiben von Dortmund

Die Polizei hat nach dem Anschlag von Dortmund die islamistische Szene im Visier -auch, weil in einem Bekennerschreiben vom IS die Rede ist. Doch das Schriftstück steckt voller Ungereimtheiten.

Polizei in Dortmund
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In der Nähe des Tatorts fanden Ermittler kurz nach dem Anschlag auf Borussia Dortmund drei wortgleiche Bekennerschreiben. Wegen der zeitlichen und räumlichen Nähe zum Anschlagsort gilt als sicher, dass der oder die Täter das Schriftstück dort hinterließen.

Zwei Verdächtige hat die Bundesanwaltschaft inzwischen ausgemacht, ihre Wohnungen wurden durchsucht, einer der beiden wurde festgenommen. Die Ermittler sprechen von einem terroristischen Hintergrund und möglichen islamistischen Bezügen.

Vieles ist jedoch 20 Stunden nach dem Anschlag noch unklar - und das hängt auch mit dem Bekennerschreiben zusammen. Darin erwecken die Täter zwar den Eindruck, sie handelten im Auftrag der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Doch verschiedene Punkte an dem Schreiben sind äußerst ungewöhnlich.

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Sprengsätze am Mannschaftsbus: Der Anschlag von Dortmund

Bis dato hat es noch nie einen Attentäter gegeben, der im Namen des IS handelte und am Tatort ein Bekennerschreiben hinterließ. Also ist schon allein die bloße Existenz eines Bekennerschreibens ungewöhnlich. Einen ähnlichen Fall gab es bislang nur im vergangenen Jahr in Kenia. Damals griffen drei Frauen eine Polizeiwache in Mombasa an. In ihrer Wohnung fanden Ermittler später eine handschriftliche Notiz, in der sie sich zum IS bekannten und dem selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi die Treue schworen.

Jede religiöse Formel fehlt

Üblicherweise handelt der IS jedoch wie folgt: Wenige Stunden nach einem Anschlag veröffentlicht Amaq, die sogenannte Nachrichtenagentur der Terrormiliz, eine knappe Botschaft, in der sie den Angriff für sich reklamiert. Diese Mitteilung besteht in der Regel aus einem Satz und enthält keinerlei Täterwissen. Einige Tage später liefert der IS dann entweder ein ausführlicheres Bulletin oder veröffentlicht Details in einem seiner Online-Propagandamagazine.

In dem Schreiben von Dortmund fehlt nicht nur ein Eid auf Baghdadi, wie ihn etwa die Attentäter von Berlin, Würzburg und Ansbach in aufgezeichneten Videobotschaften gesprochen hatten. Es fehlt auch das IS-Logo. Das Schreiben besteht einfach nur aus 14 Zeilen Text, geschrieben in fehlerhaftem Deutsch auf einem Computer.

Der Text beginnt mit der Formel "Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen". So weit, so normal. So beginnen die meisten IS-Bekennerschreiben, aber nicht alle. Im Bekennerschreiben zum Anschlag von Paris am 13. November 2015 tauchte diese sogenannte Basmala auf. In den Bekennerschreiben zum Anschlag in Brüssel 2016 oder auch zu den Anschlägen auf ägyptische Kirchen am Palmsonntag fehlt sie.

In dem Bekennerschreiben von Dortmund fehlt jede weitere religiöse Formel. Üblicherweise enthalten IS-Mitteilungen Koranverse oder Aussprüche des Propheten Mohammed, die den Terror rechtfertigen sollen. Nicht so in Dortmund.

Ungewöhnlich ist auch, dass die Attentäter in dem Bekennerschreiben die Bundeskanzlerin direkt anreden: "Aber anscheinend scherst du dich Merkel nicht um deinen kleinen dreckigen Untertanen. Deine Tornados fliegen noch immer über dem Boden des Kalifats, um Muslime zu Ermorden", heißt es. Es ist üblich, dass IS-Anführer in ihren Audiobotschaften ausländische Staatschefs direkt anreden, für Bekennerschreiben nach Anschlägen ist dieses Muster bislang nicht bekannt.

Meinungskompass

Noch ein zweiter Punkt an diesem Satz ist seltsam. Üblicherweise bezeichnen IS-Anhänger auch im deutschen das selbst ernannte Kalifat bei der arabischen Bezeichnung als "Chilafa". Die Bezeichnung als Kalifat ist in der deutschsprachigen IS-Propaganda äußerst unüblich.

Ungewöhnliche Forderung

Was auch nicht ins Muster des IS passt: Am Ende des Schreibens nennen die Täter zwei konkrete politische Forderungen: den Abzug der Tornados aus Syrien und die Schließung der Ramstein Air Base. So lange dies nicht passiert sei, stünden "alle ungläubigen Schauspieler, Sänger, Sportler und Sämtliche prominente in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen" auf einer Todesliste des IS.

Zwar haben die Dschihadisten auch in der Vergangenheit ihre Taten mit den Angriffen der US-geführten Koalition auf den IS gerechtfertigt. Es war jedoch nie die Rede davon, dass die Anschläge eingestellt würden, wenn der Westen seinen Kampf gegen den IS einstelle. Der IS sieht sich selbst nämlich in einer Art Endzeitkampf, der erst endet, wenn die gesamte Welt erobert ist.

Unter dem Strich bleiben nach der Untersuchung des Bekennerschreibens nur zwei Möglichkeiten: Die Täter wollen eine falsche Fährte legen und die Tat Islamisten zuschreiben. Oder die Täter sind zwar islamistisch motiviert, haben aber keine direkten Verbindungen zum IS und auch keine Kenntnisse darüber, wie die Terrormiliz in der Regel vorgeht. Möglicherweise sind sie auf eigene Faust den Aufrufen des IS zu Anschlägen im Westen gefolgt, bei ihrer Tat aber vom üblichen Vorgehen der Terrormiliz abgewichen.

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