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Inhaftierter Ex-Gras-Großunternehmer: "Ich halte es mit diesen Kiffer-Typen nicht mehr aus"

Ein Interview von Rainer Schmidt

Hanf-Pflanze: Bioanbau mit "Fledermauskot statt Fertigdünger" Zur Großansicht
DPA

Hanf-Pflanze: Bioanbau mit "Fledermauskot statt Fertigdünger"

Lars G. betrieb eine riesige Cannabis-Plantage vor Hamburg, das Geschäft florierte, auch wenn er mit zugedröhnten Helfern zu kämpfen hatte. Nun sitzt er im Gefängnis - und zieht seine Lehren.

Zur Person
Lars G*, 43, verheiratet, Familienvater aus Hamburg. Bis zur Verurteilung nicht vorbestraft. Er baute mehrere Jahre in einer Großplantage nahe Hamburg Cannabis an. Derzeit verbüßt er seine mehrjährige Freiheitsstrafe.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mehrere Jahre im großem Stil Cannabis angebaut, wir reden über rund 1500 Pflanzen. Sind Sie reich geworden?

Lars G.: Denkt man, klar. Aber ich habe nie gespart, sondern alles rausgeballert. Mein Lebensmotto war: Rock'n'Roll. Party, Familie, Fußball, Verschwendung für alle. Außerdem fressen die Kosten einem Unternehmer auch in dieser Branche die Haare vom Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Verzeihung, das klingt ein bisschen albern.

Lars G.: Ach ja? Es gab die hohen Mieten für Plantage, Nebenhaus und Stadtwohnung, dazu gewaltige Stromrechnungen und der Gärtnerbedarf. Die Illegalität kostete zudem extra. Bei einem Kurzschluss in der Anlage konnte ich ja keinen normalen Elektriker anrufen: "Hallo, wir haben hier ein Problem auf unserer illegalen Hanfplantage." Nein, da musste der Mann unseres Vertrauens mit einer Tüte über dem Kopf, damit er nicht sieht, wohin die Reise geht, in den Wagen gelegt und eine Stunde raus gefahren werden. Dafür gab es 5000 Euro cash. Das nenne ich teure Handwerker! So ging das in einem fort.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie auch Helfer, die wussten, wo die Plantage ist?

Lars G.: Aber was für welche! Einer hat zu viel gekifft, ein anderer heimlich Zeug abgezweigt, der dritte merkte nicht, wenn die Pflanzen absoffen oder verdorrten, ich hätte permanent Amok laufen können. Wie oft habe ich mir gedacht, ich halte das mit diesen Kiffer-Typen nicht mehr aus, wieso kann ich nicht beim Arbeitsamt Altona nach ein paar Fachkräften fragen?

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet Sie ziehen über Kiffer her?

Lars G.: Zu viele normale Kiffer dröhnen sich einfach weg. Denen geht es nicht um Genuss, Hauptsache es knallt und ist billig. Das ist öde und deprimierend. Bei mir gab es nur Top-Qualität - und entsprechende Abnehmer. Das waren ordentliche Leute, die arbeiten gingen und nicht nur am Bong hingen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, sie wollten das beste Öko-Gras der Welt herstellen. Wie das?

Lars G.: Ich habe ätzenden Brennnesselsud angerührt und statt Pestiziden verwendet, eine Art Fledermauskot statt Fertigdünger und Käfer gegen Käfer eingesetzt, eine anstrengende biologische Kriegsführung. Und am besten noch mit jeder Pflanze nett reden - irgendwann konnte ich nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Lars G.: Das Gras-Ergebnis wurde selbst mir zu hart, und können Sie sich den Stress vorstellen ab einer gewissen Größenordnung? Also gab es doch ordentlichen Dünger aus dem Fachladen und Chemie in feinen Dosen, außerdem keine Streicheltherapie mehr für einzelne Pflanzen. Trotzdem war mein Gras noch tausendmal reiner als der Durchschnittskram aus Holland.

SPIEGEL ONLINE: Genervt hat Sie auch Ihr Alibi und die Verwandtschaft Ihrer Frau. Warum?

Lars G.: Die dachten, ich sei ein sehr erfolgreicher Grafiker eines Baumarkts in Nordrhein-Westfalen. Alles komplett erlogen. Ich war denen erst auch nicht geheuer, aber...

SPIEGEL ONLINE: … dann sahen sie, dass Sie Geld hatten.

Lars G.: Exakt, mit Geld finden dich alle toll, niemand fragt, wo es herkommt. Leider sagten die Verwandten irgendwann: Moment, als verdienter Mitarbeiter kriegst du doch bestimmt Prozente. Ich Trottel wollte denen gefallen. Also habe ich gesagt: Klar, Spitzenprozente von 30 Prozent auf alles, was ihr wollt. Das wurde der teuerste Satz meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Lars G.: Weil die mich danach genervt haben mit Aufträgen: Hier ein Rasenmäher, da ein Plastikteich, Wahnsinn. Die Lüge hat mich viel Stress und ein paar Kilogramm gekostet.

SPIEGEL ONLINE: Wie und warum wird man überhaupt Grasanbauer mit einer Großplantage?

Lars G.: Aus Leidenschaft und Geldnot. Ich hatte mein Leben lang gekifft, dann wurde es mal sehr eng mit der Kohle, da dachte ich mir: Jetzt baust du mal richtig an. Also habe ich eine riesige Halle angemietet, sie befindet sich auf dem Land, eine Stunde vor Hamburg, an einem Fluss.

Damit es niemand merkt, habe ich die Anlage mit Booten zugestellt. Das fiel nicht auf, viele hatten da so Bootshallen.

SPIEGEL ONLINE: An wen haben Sie verkauft?

Lars G.: Ich war Produzent, kein Dealer. Ich hatte nur wenige Großabnehmer, von denen ich annehmen konnte, dass sie nichts an Kids verkaufen. Ich will nicht wie ein Moralapostel klingen, schließlich habe ich selbst ab meinem 14. Lebensjahr geraucht, was das Zeug hielt, aber Verkauf an Jugendliche? Niemals!

SPIEGEL ONLINE: Wie präsent war Ihnen, dass Sie Ihre Freiheit riskieren?

Lars G.: Ich habe eine mögliche Haftstrafte konsequent verdrängt. Ich habe gedacht, wenn überhaupt, kriegst du Bewährung. Du bist doch so ein netter und fleißiger Kerl, du tust niemand weh und liegst niemandem auf der Tasche, was soll passieren? Tja.

SPIEGEL ONLINE: Tja: Sie wurden erwischt und zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Fühlen Sie sich als Krimineller?

Lars G.: Fühlen sich Bierbrauer oder Schnapsbrenner wie Kriminelle? Ich habe ein Genussmittel angebaut und meines Wissens nach niemandem geschadet. Aber wenn ich jemals Verbrecher hätte werden wollen, bin ich jetzt auf der besten Uni der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Was soll das heißen?

Lars G.: Im Gefängnis treffe ich teilweise auf harte Jungs, solche kannte ich vorher überhaupt nicht. Alle brennen darauf, dir ihren Geschäftszweig genau zu erklären. Betrug oder lieber Diebstahl, Einbrüche oder lieber Heroin, Nutten oder lieber Schutzgeld? Wenn man wollte, könnte man das als eine Art staatlich geförderten Fortbildungskurs nutzen. Als harmloser Kiffer rein, als Krimineller raus. Auch nicht im Sinne der Erfinders, oder?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst im Gefängnis?

Lars G.: Nein, ich nicht, andere schon. Es ist wie in einem schlechten Film. Alle wittern, ob du schwach bist. Die Mitgefangenen provozieren dich, drohen körperlich, wenn du nicht spurst. Man fühlt sich leicht sehr ungeschützt. Am schlimmsten ist, dass man rund um die Uhr fremdbestimmt ist und keine Privatsphäre hat. Man stumpft ab - meine Familie beschwert sich auch schon.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben seit frühester Jugend intensiv gekifft, wie lebt es sich jetzt ohne Joint?

Lars G.: Ich habe das Gras wirklich geliebt und vermisse es gelegentlich, den Geschmack, das Gefühl. Aber für mich herrscht absolutes Drogenverbot - und alle naselang habe ich morgens um vier Tests in der Zelle. Auch wenn ich mal einen Tag Freigang habe, ich fasse nichts mehr an, das ist es nicht wert.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Legalisierungsdebatte? In den USA ist Cannabis in einigen Bundesstaaten mittlerweile praktisch legal, in Deutschland träumen viele davon.

Lars G.: Ich bin aufgeflogen, kurz bevor ich sowieso aufhören wollte. Aber ich hätte gerne legal produziert, ich hätte auch gerne Steuern gezahlt, wirklich. Der Staat sollte den Markt so kontrollieren wie den Alkoholmarkt. Mit effektivem Jugendschutz, Verbraucherschutz, dem ganzen Programm. Dann bräuchte niemand mit irgendwelchen Kriminellen dealen und es gäbe riesige Steuereinnahmen. Außerdem würden Justiz und Gerichte nicht mit zehntausenden sinnlosen Verfahren verstopft. Und die Gefängnisse nicht mit Leuten wie mir.

*Name von der Redaktion geändert

Rainer Schmidt ist Journalist und Schriftsteller. Er hat mehr als ein Jahr in der Gras-Szene recherchiert. Die Geschichte von Lars G. hat ihn zu seinem Roman "Die Cannabis GmbH" inspiriert, der am 1. Oktober im Verlag Rogner & Bernhard erscheint.

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