Carlos DeLunas Hinrichtung: Giftspritze für einen Unschuldigen

Der Bericht umfasst Hunderte Seiten, er listet drastische Ermittlungspannen auf: Eine Untersuchung zeigt, dass der US-Staat Texas Carlos DeLuna für einen Mord hinrichtete, den er nie begangen hat.

Der Fall Carlos DeLuna: Hingerichtet für das Verbrechen eines anderen Fotos
Corpus Christi Police Department

Corpus Christi - Musste Carlos DeLuna für eine Tat sterben, die ein anderer begangen hatte? Mehr als 20 Jahre nach DeLunas Exekution in Texas lautet die Antwort auf diese Frage aller Wahrscheinlichkeit nach: ja. Das geht aus einem Bericht hervor, den Professor James Liebman von der renommierten Columbia Universität mit zwölf Studenten verfasst hat.

Der Report über die "Anatomie einer unrechtmäßigen Hinrichtung" zeigt, dass DeLuna 1989 im Alter von 27 Jahren durch eine Giftspritze exekutiert wurde, obwohl er mit dem Tod der 1983 erstochenen Wanda Lopez höchstwahrscheinlich nichts zu tun hatte. Seit 2004 widmete sich das Forscherteam dem Fall, sprach mit mehr als hundert Zeugen, sichtete zahlreiche Akten. "Alles, was schiefgehen konnte, ging schief", sagte Liebman laut "Guardian" über den Fall.

Schon vor Jahren hatten sich verschiedene US-Medien mit dem Fall DeLuna beschäftigt und grobe Fehler bei den Ermittlungen nachgewiesen. Die gesamte aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift "Columbia Human Rights Law Review" widmet sich dem Fall. Liebman hat mit seinem Team eine fast endlose Reihe schwerer Ermittlungspannen und Fahrlässigkeiten der Justiz aufgedeckt - und Gegnern der Todesstrafe ein machtvolles Argument geliefert. "Wenn ein neues Verfahren heute stattfinden könnte, würde eine Jury DeLuna freisprechen", sagte Richard Dieter vom Death Penalty Information Center.

Schlampige Spurensicherung, nachlässige Ermittler

Carlos DeLuna wurde am 4. Februar 1983 wegen des Mordes an Wanda Lopez verhaftet. Die Frau war etwa 40 Minuten zuvor in einem Laden erstochen worden. Schon hier beginnen die Ungereimtheiten. Dem Liebman-Bericht zufolge hatte Lopez vor der Tat zweimal vergeblich die Polizei angerufen, um Schutz vor einem Mann mit einem Messer zu verlangen. Die Beamten reagierten nicht. Um ihr fehlendes Eingreifen zu überspielen, habe die Polizei schnellstmöglich jemanden festgenommen, heißt es in dem neuen Bericht.

Hinzu kommen weitere Fehler. Dem Bericht zufolge war DeLuna bei der Festnahme rasiert und trug ein weißes Hemd. Der einzige Augenzeuge der Tat - aufgrund dessen Aussage DeLuna später verurteilt wurde - habe aber von einem Schnurrbartträger in grauem Hemd als Täter gesprochen. Womöglich war es DeLunas Pech, dass er und der wahre Täter, Carlos Hernandez, sich zum Verwechseln ähnlich sahen. Die beiden Männer kannten sich und waren direkt vor der Tat gemeinsam unterwegs gewesen.

Zwei Jahrzehnte später sagte der Augenzeuge, er sei bei der Identität des Mörders unsicher gewesen, weil er Schwierigkeiten habe, Latinos voneinander zu unterscheiden. Hätte ihm die Polizei nicht gesagt, DeLuna sei in der Nähe gefasst worden, wäre er sich nur zu 50 Prozent sicher gewesen, sagte der Zeuge laut dem "San Antonio Express".

Auch sagten Zeugen aus, der Mörder sei in Richtung Norden geflohen. DeLuna aber wurde östlich des Tatorts gefasst. DeLuna hatte damals gesagt, er sei vor der Polizei geflohen, weil er auf Bewährung war und getrunken hatte.

Hinzu kamen dem Bericht zufolge zahlreiche weitere Pannen. Am Tatort wurden keine Blutproben genommen, um den Mörder zu identifizieren. Die Mordwaffe wurde nicht gründlich untersucht. Die Spurensicherung arbeitete so schlampig, dass keine Fingerabdrücke genommen werden konnten. Viele Gegenstände am Tatort wurden erst gar nicht untersucht.

"Der Mörder ließ seine Visitenkarte zurück"

Ein Bild vom Tatort zeigt einen Schuhabdruck in Lopez' Blutlache - er wurde nie mit DeLunas Schuhen abgeglichen. "Der Mörder ließ seine Visitenkarte zurück, aber sie wurde nie benutzt", sagt Liebman. Selbst der Umstand, dass DeLunas Kleidung nicht einen einzigen Blutspritzer aufwies, machte die Ermittler damals nicht stutzig. Die Staatsanwaltschaft sagte, das Blut sei vom Regen weggewaschen worden. Nach kurzer Zeit gab die Polizei den Tatort frei, Angestellte des Ladens reinigten alles und zerstörten damit unwiederbringlich wertvolle Spuren.

Beim Prozess plädierte DeLuna auf unschuldig und nannte Hernandez als Mörder. Die Staatsanwaltschaft nahm das nicht ernst, Hernandez sei ein Hirngespinst DeLunas. Es gebe keinerlei Hinweise darauf, so die Behörden, dass es einen Mann namens Carlos Hernandez tatsächlich gebe.

Noch heute zeigen sich damalige Staatsanwälte uneinsichtig. Steve Schiwetz, der in dem Fall führender Anklagevertreter war, sagte dem "Houston Chronicle", er bestreite die Schlussfolgerungen von Liebmans Team. Die Wissenschaftler führten einen Kreuzzug, sagte er der Zeitung. Er sei zwar offen für das Argument, jemand namens Carlos Hernandez habe die Tat begangen, "aber alles, was ich weiß, bestätigt den ersten Eindruck, dass DeLuna es tat", so Schiwetz.

Auch Olivia Escobedo, die leitende Mordermittlerin in dem Fall, verteidigt ihre Arbeit. Sie sagte laut "San Antonio Express", sie sei von dem Urteil überzeugt, schließlich habe es durch die Instanzen Bestand gehabt.

Auf Geheiß von Liebman beschäftigte sich ein Privatdetektiv einen Tag lang mit dem Fall. Innerhalb weniger Stunden hatte er dem Bericht zufolge mehr über Hernandez herausgefunden als die Ermittler in Jahren: Geburtsdatum und Hinweise auf Hernandez' kriminelle Vergangenheit.

"Wenn ich hierfür hingerichtet werde, ist das nicht richtig"

Demnach war Hernandez ein Alkoholiker mit einem Hang zu Gewalt, der stets ein Messer bei sich trug und sein gesamtes Erwachsenenleben Bewährungsstrafen hatte. Im Gefängnis saß er trotzdem kaum, weil er Informant der Polizei war. "Es ist schwierig, das Geschehene ohne dieses Puzzlestück zu verstehen", sagte Liebman laut "Guardian".

Spätestens im Oktober 1989, zwei Monate vor DeLunas Hinrichtung, hätten die Behörden aufhorchen müssen. Hernandez wurde wegen versuchten Mordes zu zehn Jahren Haft verurteilt: Vielfach brüstete er sich damit, er sei der Mörder von Wanda Lopez. Das hatte er auch schon wenige Wochen nach der Tat gesagt, wovon laut "Guardian" auch Polizisten wussten. Carlos Hernandez starb 1999 in Haft.

Zehn Jahre zuvor, am 8. Dezember 1989, musste Carlos DeLuna mit seinem Leben für die Fehler und Untätigkeit der Behörden bezahlen. Als Häftling in der Todeszelle hatte er ein Interview gegeben. "Vielleicht kommt eines Tages die Wahrheit ans Licht. Ich hoffe es. Wenn ich hierfür hingerichtet werde, ist das nicht richtig", sagte er damals.

Nun, durch den Liebman-Bericht, haben DeLunas Worte eine traurige Aktualität bekommen - und bergen gewaltige politische Brisanz: Der Fall, kommentierte "The Atlantic", widerlege endgültig die Behauptung, niemals sei ein unschuldiger Mann oder eine unschuldige Frau in Amerika exekutiert worden.

ulz

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Wie Menschen hingerichtet werden
Giftspritze
AP
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten in der Regel drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.
Elektrischer Stuhl
AP
Die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wurde 1888 in den USA mit der Begründung eingeführt, sie sei humaner als das Erhängen. Das Opfer wird auf einen eigens dafür gebauten Stuhl geschnallt. Am Kopf und an den Beinen des Häftlings befestigen die Vollstrecker die Elektroden. Der Verurteilte wurde an diesen Stellen zuvor rasiert, damit ein optimaler Kontakt zwischen Elektroden und Körper besteht. Anschließend löst der Henker starke Stromstöße aus. Das Opfer stirbt durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege.

Die Stromschläge haben Verbrennungen der inneren Organe des Opfers zur Folge. "Oft werfen die Stromstöße den Gefangenen nach vorn in die angelegten Haltegurte; er uriniert, entleert den Darm oder erbricht Blut", berichtet Amnesty International. Die Luft sei vom Geruch verbrannten Fleisches erfüllt.
Gaskammer
Das Opfer wird in einer luftdichten Kammer an einen Stuhl geschnallt. Anschließend leiten Vollstreckungsbeamte Giftgas in den Raum, zum Beispiel Zyanid. Weil Zyanid ein Enzym in der Zellatmungskette hemmt, verhindert es die Sauerstoffversorgung des Körpers, der Betroffene erstickt.

Wenn der Todeskandidat das Zyanid jedoch nicht einatmet, weil er die Luft anhält, verzögert sich das Verfahren. Er kann auch langsamer atmen. Laut Amnesty International können lebenswichtige Organe noch für kurze Zeit weiter funktionieren, unabhängig davon, ob der Gefangene bereits bewusstlos ist oder nicht.
Strang
Der Gefangene bekommt eine Schlinge um den Hals gelegt und fällt anschließend in die Tiefe. Durch den Ruck des Stranges bricht das Genick, das Opfer wird bewusstlos. Diese Art der Hinrichtung erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Der Henker muss die Länge des Strickes so berechnen, dass der Fall des Körpers zu einem Genickbruch und damit zu einem schnellen Tod führt. Ansonsten kann der Kopf beim Fall auch abgetrennt werden - oder aber der Verurteilte erleidet einen grausamen Erdrosselungstod.

Nach Informationen von Amnesty International starben manche Opfer erst, nachdem die Wärter sie an den Beinen nach unten gezogen hatten.
Erschießen
DPA
Entweder eine Person oder ein ganzes Exekutionskommando schießen auf das Opfer. Dieses stirbt durch Verletzungen lebenswichtiger Organe wie beispielsweise des Herzens, durch Schädigung des zentralen Nervensystems oder durch Verbluten. Nach Angaben von Amnesty International ist der Kopfschuss in asiatischen und arabischen Ländern die am häufigsten angewandte Methode.

Bei gezielten Kopfschüssen wird das Opfer sofort bewusstlos. Treffen die Schützen jedoch stattdessen zuerst den Rumpf, ist es möglich, dass der Todgeweihte länger bei Bewusstsein bleibt.
Enthauptung/Guillotine
Diese Exekutionsmethode wird hauptsächlich in arabischen Ländern angewandt. Der Henker trennt mit einem Schwert den Kopf des Opfers ab. Wenn die scharfe Klinge die Wirbelsäule umgehend durchtrennt, wird der Verurteilte augenblicklich bewusstlos. Mitunter sind aber mehrere Hiebe notwendig, da das Schwert eine verhältnismäßig leichte Waffe ist. Die Dauer der Hinrichtung und damit auch der Qualen für den Hingerichteten hängt deshalb von der Kraft und Genauigkeit des Henkers ab.

Das Fallbeil, nach dem französischen Erfinder Guillotine genannt, wurde bereits im 18. Jahrhundert eingeführt - als "humane" Tötungsmaschine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen in Frankreich mit der Guillotine hingerichtet
Steinigung
Die Steinigung wird vor allem zum Vollzug von Todesstrafen auf Basis des islamischen Scharia-Rechts angewandt - etwa wegen Ehebruchs. In Iran ist die Steinigung als Hinrichtungsmethode gesetzlich vorgesehen. Das Opfer wird in der Regel vorher bis zum Hals in die Erde eingegraben. Der Tod tritt durch Ersticken oder durch Verletzungen am Kopf oder an anderen Körperteilen ein. Weil ein Mensch unter Umständen mehrere Steinwürfe übersteht, ohne das Bewusstsein zu verlieren, kann eine Steinigung ein langsames Sterben bewirken, konstatiert Amnesty International.