Ceska-Morde FBI vermutete Ausländerhass als Tatmotiv

Bei den Ermittlungen zur Mordserie der Zwickauer Zelle baten die deutschen Behörden nach SPIEGEL-Informationen das FBI um Hilfe. Die Experten der US-Bundespolizei gingen stets davon aus, dass das Motiv für die Morde an acht Türken und einem Griechen Hass auf Ausländer war.

Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße (2004): Lokalzeitungsberichte gehortet
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Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße (2004): Lokalzeitungsberichte gehortet

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Düsseldorf/Berlin - Das Papier mit dem Titel "Serienmord-Analyse" umfasst sieben Seiten, auf der ersten prangt das Siegel der amerikanischen Bundespolizei FBI. Im Juni 2007 hatten die hochspezialisierten Fallanalytiker der US-Behörde auf Bitten deutscher Ermittler die Ceska-Morde untersucht. Den Taten waren bis dahin bereits acht Türken und ein Grieche zum Opfer gefallen.

Das Ergebnis der Profiler fiel nach SPIEGEL-Informationen eindeutig aus. Der Täter sei diszipliniert, er habe die Männer erschossen, weil diese aus der Türkei gekommen seien oder so ausgesehen hätten. Seine Motivation sei eine Mischung aus persönlicher Veranlassung und Nervenkitzel gewesen. Der Mörder hege aus unbekannten Gründen eine tief sitzende Animosität gegen türkischstämmige Menschen, heißt es in dem FBI-Bericht. Er sei zudem bereit, mit seinen am helllichten Tage begangenen Taten ein hohes Risiko einzugehen.

Die deutschen Ermittler hingegen waren weniger fokussiert und verfolgten zu diesem Zeitpunkt noch zwei gleichrangige Theorien, wie SPIEGEL ONLINE im Juli 2008 berichtete: Sie gingen davon aus, dass es sich bei dem Todesschützen entweder um einen Einzeltäter handelte, der seine Opfer zufällig auswählte und Ausländer hasste. Oder es gebe eine kriminelle Organisation, mit der die Getöteten in irgendeiner Beziehung standen und die ihnen einen Auftragskiller auf den Hals hetzte - so dachten die Polizisten damals. Leider jedoch spreche "gegen beide Hypothesen so einiges", sagte seinerzeit der Leiter der Nürnberger Sonderkommission "Bosporus".

Risiko am größten

Berufskriminelle etwa, die für ihre Verbrechen bezahlt würden, täten nur das, was sie tun müssten, so der Ermittler vor Jahren. Sie hätten ihre Opfer wohl kaum in der Hauptgeschäftszeit erschossen, wenn das Risiko, gesehen und gestellt zu werden, am größten sei. Auch waren in Kassel, Nürnberg und Rostock die Getöteten nur zufällig am Tatort. Ein Auftragskiller hätte sie daher zuvor mit großem Aufwand beschatten müssen. Unwahrscheinlich.

Irre Einzelgänger also, Ausländerfeinde? Auch gegen diese Annahme gab es gute Argumente. Serienmörder töteten, meinten die Fallanalytiker des Bundeskriminalamts noch 2008, zumeist aus sexuellen Motiven und schlügen fast immer in der Nähe ihres Heimatorts zu. Die Ceska-Mordserie erstreckte sich hingegen über ganz Deutschland. Und im Falle des in Kassel erschossenen Halit Y. sei von außen gar nicht erkennbar gewesen - etwa durch Schilder oder Plakate -, dass der Internet-Laden von einem Türken betrieben worden sei, so der Nürnberger Kriminalist damals.

Das FBI indes empfahl den Ermittlern bereits im Frühsommer 2007, öffentlichkeitswirksam nach Personen zu suchen, die einen "Groll gegen Türken" hegten und zu den fraglichen Zeitpunkten an den Tatorten gewesen sein könnten.

Merkwürdiges Kaliber

Darüber hinaus fiel den US-Fallanalytikern das merkwürdige Kaliber der zweiten Tatwaffe auf: Neben der Ceska 83 hatten die Killer bei ihrem ersten Mord in Nürnberg sowie bei ihrem dritten Mord in Hamburg zusätzlich eine Pistole des antiquierten Kalibers 6.35 Millimeter verwendet. Die Profiler schlussfolgerten daraus, dass es sich wahrscheinlich um eine "alte Waffe" handele, auf die "der Angreifer sehr stolz" sein könnte. Sie rieten den deutschen Kollegen, öffentlich nach Besitzern solcher Waffen zu fahnden.

Tatsächlich wurde später im Brandschutt des NSU-Verstecks in der Zwickauer Frühlingsstraße die gesuchte Pistole entdeckt: Es war eine italienische Waffe des Typs Bruni Mod. 315, mit eingeführtem Magazin, gespanntem Hahn und einer Patrone in der Abschusskammer. Ursprünglich war sie als Schreckschusswaffe gebaut, später aber zur Verwendung von scharfer Munition umgerüstet worden.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen fanden die Ermittler in der ausgebrannten Wohnung, in der Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelebt haben sollen, zudem zahlreiche Zeitungsausschnitte. Besonders auffällig dabei war, dass der "Nationalsozialistische Untergrund" deutlich mehr Artikel aus dem "Express" und dem "Kölner Stadtanzeiger" zu dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße gehortet hatte als zu allen anderen Taten.

Es stellt sich daher die Frage, ob das Trio tatsächlich monatelang die beiden Lokalblätter auswertete, sofern diese in Zwickau überhaupt erhältlich waren. Anderenfalls müsste jemand, der vermutlich im Rheinland lebt oder gelebt hat, die Zelle mit entsprechendem Pressematerial versorgt haben. Es gäbe in diesem Fall also einen möglichen Mitwisser, der bislang noch unbekannt ist.

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