Chantals Pflegeeltern vor Gericht Zwei kaputte Leben

Chantal starb mit elf an einer Methadonvergiftung - in der Obhut ihrer drogensüchtigen Pflegeeltern. Vor Gericht haben Sylvia L. und Wolfgang A. nun ihren Werdegang geschildert. Warum machte das Jugendamt die beiden zu Ersatzeltern?

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Angeklagte Pflegeeltern Sylvia L. und Wolfgang A. (r.):  "Es hat lange gekriselt"
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Angeklagte Pflegeeltern Sylvia L. und Wolfgang A. (r.): "Es hat lange gekriselt"


Wer in Deutschland ein Kind adoptieren oder in Pflege nehmen will, muss sich auf einen langwierigen Prozess einstellen. Das bisherige Leben wird detailliert unter die Lupe genommen, zuweilen werden unangenehme Fragen gestellt, etwa nach Drogenkonsum oder der Stabilität der Partnerschaft.

Im Fall Chantal, die als Pflegekind bei einem drogensüchtigen Paar in Hamburg Wilhelmsburg in Obhut kam, scheint sich das Jugendamt nicht so viel Mühe gemacht zu haben. Die Elfjährige starb am 16. Januar 2012, weil sie versehentlich eine "Methaddict-Tablette" geschluckt hatte. Sylvia L., 50, und Wolfgang A., 54, wurden jahrelang mit dieser Heroin-Ersatzdroge substituiert. Sie sind wegen fahrlässiger Tötung und Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht angeklagt.

Vor dem Landgericht Hamburg schilderten die beiden nun ihr bisheriges Leben - und man wundert sich, wie das Jugendamt Personen mit einer derartigen Vita ein Kind anvertrauen konnte.

"Ich war ja auch ein Krimineller und abgeklärt", räumte Wolfgang A. bereits am zweiten Verhandlungstag ein. Er hat nicht übertrieben: Zehn Einträge aus dem Bundeszentralregister verliest der Vorsitzende Richter Rüdiger Göbel. Von schwerem Raubüberfall, Körperverletzung und Diebstahl ist die Rede und immer wieder von Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Mehrfach saß Wolfgang A. im Gefängnis.

Wäre er da nicht gelandet, wäre er heute kein gescheiterter Junkie. Davon ist Wolfgang A. überzeugt. Im Gefängnis komme man gar nicht umhin, sich mit Drogen zu betäuben. Er habe mit Kokain und Heroin erst in der Haft begonnen.

Als jüngstes von vier Kindern wuchs Wolfgang A. in Hamburg-Winterhude auf. Die Eltern, ein Bankkaufmann und eine Hausfrau, ließen sich kurz vor seiner Einschulung scheiden. Die Kinder blieben bei der Mutter, die sich in einen ehemaligen Boxer, Zuhälter und Alkoholiker verliebte, ihn heiratete und nochmal zwei Kinder mit ihm bekam.

Die Familie zog nach Hamburg-Lokstedt in eine Wohnung hinter einer Kneipe, die der Stiefvater und die Mutter führten. Der Ersatzvater ließ mehr Fäuste als Worte sprechen. Wolfgang A. mied sein Zuhause, eine Lehrerin kümmerte sich um ihn. "Sie war wie ein Mutterersatz", sagt der 54-Jährige nun vor Gericht.

Er verprügelte seinen Kunstlehrer

Sie förderte den haltlosen Jungen, bis er von der Haupt- auf die Realschule wechseln konnte. "Ab dann ging es bergab. Ich wurde verhaltensauffällig, habe rebelliert." Mit zwölf Jahren habe er angefangen zu rauchen und Alkohol zu trinken. Er verprügelte seinen Kunstlehrer, blieb sitzen und flog von der Schule.

Die Kneipe brannte ab, die Familie zog nach Wilhelmsburg. Wolfgang A. lernte Autoschlosser, verließ als Hauptgefreiter bei der Marine die Bundeswehr, fand eine feste Freundin und eine feste Anstellung im Hafen. Heute klingt es, als sei das die glücklichste Zeit in seinem Leben gewesen.

Die von ihm ausgelöste Trennung von seiner Freundin habe ihn aus der Bahn geworfen, sagt er vor Gericht. "Heute sehe ich vieles anders. Ich bereue vieles. Man hat aber nur ein Leben."

In einer Entzugstherapie lernte er Sylvia L. kennen. Auch sie ist gebürtige Hamburgerin, wuchs in Eimsbüttel auf. Mit 16 Jahren zog sie daheim aus, lernte bei der Post Dienstleistungsfachkraft, wurde mit 21 Jahren schwanger und begann sechs Wochen nach der Geburt wieder zu arbeiten. Die Doppelbelastung versuchte sie erst mit Aufputschmitteln auszugleichen, dann spritzte sie sich Heroin.

Ihre kleine Tochter überließ sie ihrer Mutter und ihrem Bruder. Ihr eigenes Leben konnte sie nicht stabilisieren: Entzug, Rückfall bis zur Überdosierung, wieder Entzug. Sylvia L. nennt es "Up and Downs".

Die Begegnung mit Wolfgang A. besiegelte ihr Schicksal. "Ich bin selbst sehr immun und stark - für mich", sagt Sylvia L. "Aber in einer Beziehung ist immer einer da, der den anderen runterzieht." Richter Göbel stimmt ihr zu: "Ja, das ist oft so in drogenabhängigen Beziehungen."

Das Paar bekam 1995 ein gemeinsames Kind. Alles sollte besser werden. Der Umzug aufs Land, ins schleswig-holsteinische Geesthacht, war eine kurze Verschnaufpause: keine Drogen, dafür nette Nachbarn, ein Blumenbeet vor der Tür und eine Werkbank im Keller.

Doch Wolfgang A. hatte nichts von der Idylle, er arbeitete von Sonntagnacht bis Freitagabend auf Montage. "Ich hab dem Druck nicht standgehalten." Er floh in die Drogenwelt, landete im Knast. Sylvia L. heiratete einen anderen, der sich aus dem Staub machte. Ihre Erstgeborene kehrte zu ihr zurück, L. war mit der alleinigen Erziehung der beiden Töchter überfordert.

"Innerlich wie festgefroren"

Die Geschichte wiederholte sich: Sylvia L.s ältere Tochter entglitt ihr, nahm Drogen, wurde schwanger. Sylvia L. nahm das Kind in ihre Obhut wie ihre Mutter einst ihre Tochter in Obhut genommen hatte.

2001 bekamen Sylvia L. und Wolfgang A. einen Sohn, doch auch dieses Kind rettete die Beziehung nicht. "Es hat lange gekriselt", sagt A. Er ging mit der Ex-Freundin fremd, wurde nach einem "One-Night-Stand", wie er es nennt, noch einmal Vater. Am Ende habe man "wie Bruder und Schwester" zusammengelebt.

Chantals Tod im Januar 2012 bedeutete das endgültige Ende der Beziehung. Im Jahr 2008 hatten Wolfgang A. und Sylvia L. die Pflegschaft für die damals Achtjährige übernommen.

"Ich bin innerlich zerrissen", sagt Sylvia L. weinend vor Gericht. "Ich kann die Tragik nicht rückgängig machen. Ich bin innerlich wie festgefroren." Sie selbst hat im März vergangenen Jahres wieder geheiratet. Ihr neuer Partner trage mit Verantwortung dafür, dass sie inzwischen "clean" sei.

Auch Wolfgang A. hat den Drogen abgeschworen. "Heute bin ich ganz clean", sagt er. "Aber ich habe dafür auch lange gebraucht."



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