Der Retter von Ohio: Vom Tellerwäscher zum Helden

Von , New York

Er hörte die Hilferufe einer Nachbarin - und half dann, drei jahrelang vermisste Frauen aus den Fängen ihres mutmaßlichen Entführers zu retten: Der Tellerwäscher Charles Ramsey gilt als Held von Cleveland. Schnell wurde er zum YouTube-Star. Doch der Ruhm hat zwei Seiten.

picture alliance/ landov/ Plain Dealer

Das Restaurant Hodge's in Cleveland liegt voll im Trend. Die Speisekarte bietet eine populäre Mischung aus Fast Food und Gourmet-Kost: Mac'n'Cheese und Waldpilz-Gnocchi, Crab Cakes und Strip Steaks, und dienstags "zwei für 40 Dollar".

Ganz hinten in der Küche, fernab der langen, lauten Esstheken, schuftet der Tellerwäscher Charles Ramsey. Der Schwarze lacht viel, er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, er ist hilfsbereit. "Er ist die Ruhe selbst, wenn's verrückt und hektisch wird", lobt ihn Restaurantchef Chris Hodgson in der Lokalzeitung "Plain Dealer". "Er sagt nie nein. Er ist immer dabei."

Diese Qualitäten haben Ramsey jetzt zum neuesten Helden Amerikas gemacht. Zur Internetsensation - und einem Symbol dafür, dass es hier immer wieder auch mal gute Geschichten zu erzählen gibt, von guten Menschen im Angesicht des Bösen.

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Cleveland: Vermisste Frauen gefunden
Ramsey ist der Nachbar, der die Hilferufe der seit 2003 verschollenen Amanda Berry hört, als sie ihre Hand durch ein Loch in der Haustür ihres mutmaßlichen Entführers reckt. Ramsey weiß nicht, wer sie ist, warum sie schreit. Doch er zögert nicht und bricht gemeinsam mit einem weiteren Nachbarn, Angel Cordero, die Tür auf.

Am Ende werden drei Frauen aus dem "House of Horrors" an der Seymour Avenue gerettet, allesamt seit vielen Jahren vermisst - Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight. Sie wurden offenbar gemeinsam gefangen gehalten, misshandelt, vergewaltigt. Der Hausbesitzer und zwei Brüder sitzen in Haft.

"Mann, ich ahnte, dass da was nicht stimmte, als ein kleines, hübsches, weißes Mädchen in die Arme eines schwarzen Mannes rannte", sagt Ramsey dem TV-Lokalsender WEWS. "Entweder ist sie obdachlos oder hat Probleme. Denn das ist der einzige Grund, weswegen sie zu einem schwarzen Mann laufen würde."

"Lachen wir mit Ramsey?"

Ramseys lockere Authentizität, sein instinktiver Moralkompass, aber auch seine Zahnlücke und seine Vokuhila-Matte machen ihn schnell zum YouTube-Hit. Bald kursieren Tausende Versionen verschiedener Interviews, samt HipHop-Remixes. Sie erreichen schnell die virtuelle Schallmauer von einer Million Klicks.

Über Nacht ist der Mittvierziger zu einer Ikone geworden. Dank ihm lässt sich das Unfassbare fassen, lässt sich das Grauen mit distanziertem Wohlgefühl konterkarieren. "Eine dieser sofort unwiderstehlichen Figuren", schreibt Amy Davidson vom "New Yorker", "die inmitten einer amerikanischen Tragödie einfach zu reden beginnen - und wir können nicht aufhören, ihnen zuzuhören."

Zum Vorbild verklärt: Statt sich abzuwenden, hat Ramsey die Arme geöffnet - und damit all jene Lügen gestraft, die die US-Gesellschaft als immer kälter, herzloser sehen.

Eine zwiespältige Ehre. Ramsey erfüllt die gleichen stereotypen Voraussetzungen wie viele zuvor, die dergestalt berühmt - und ebenso schnell wieder vergessen wurden: "Sie waren arm", schreibt der schwarze Kolumnist Gene Demby auf der Website des Radiosenders NPR. "Sie waren schwarz. Ihr Haare waren irgendwie wirr. Und sie waren ungeniert."

Auch Ramsey ist so einer: arm, schwarz, zum Gernhaben. In Cleveland, ausgerechnet, wo die Rassentrennung bis heute ausgeprägter ist als in vielen anderen US-Großstädten. Das lässt er sie vergessen, vorübergehend.

"Lachen wir mit Ramsey?", fragt Demby. Oder über ihn?

"Wir brauchen keinen Batman"

Ramsey, der sprichwörtliche Mann auf der Straße: Erst seit einem Jahr wohnt er in der Seymour Avenue, direkt neben Ariel C., 52, dem das Haus gehört, aus dem Berry kroch.

"Ich grille mit dem Kerl", sagt Ramsey. C. sei ein ganz normaler Nachbar gewesen: "Nichts Aufregendes. Na ja, bis heute." Und jetzt? "Der hat ganz schön dicke Eier, so was zu machen."

Am Montagabend sitzt Ramsey auf seiner Veranda, "esse mein McDonald's", als er Berrys Schreie hört. Er rennt rüber, den Big Mac noch in der Hand. Erst später dämmert ihm das Ausmaß.

"Charles", sagt der Kriminalbeamte Gregory Cook, "weißt du, wen du da gerettet hast?"

Binnen Stunden wird Ramsey zum Top-Trend im Internet. Google, Twitter, Tumblr, Facebook-Seiten zu seinen Ehren. "Wir brauchen keinen Batman", schreiben sie. "Wir haben Charles Ramsey."

Das Restaurant Hodge's - wo Ramsey offiziell als "Geschirrtechniker" fungiert - beginnt, T-Shirts mit seinem Porträt zu verkaufen. Der Erlös soll den geretteten Frauen zukommen.

Auch McDonald's dankt für all die Gratis-Werbung. "Gut gemacht, Charles Ramsey", twittert der Burger-Konzern. "Wir melden uns." Big Macs auf Lebenszeit ist das Mindeste, das er verdient.

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