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Massaker in Charleston: Das rassistische Fanal

Von , New York

Platz nahe der Emanuel AME Church in Charleston: Trauer um Opfer des Attentats Zur Großansicht
AFP

Platz nahe der Emanuel AME Church in Charleston: Trauer um Opfer des Attentats

Der Attentäter soll mit seinen Opfern zuerst gebetet haben, dann eröffnete er das Feuer: Neun Menschen starben bei einem Anschlag auf eine afroamerikanische Kirche in Charleston - eine rassistische Tat, die einen Einschnitt markiert.

Es war Bibelstunde in der Emanuel African Methodist Episcopal Church, der ältesten afroamerikanischen Kirche in den Südstaaten der USA: Jeden Mittwochabend lesen die Gläubigen gemeinsam mit ihrem Pastor, Reverend Clementa Pinckney, die Heilige Schrift - auch diese Woche.

Erst zum Ende sei der junge Weiße aufgestanden, habe eine Waffe gezückt und zu schießen begonnen, sagte Sylvia Johnson, eine Cousine Pinckneys, die das Massaker überlebte, dem TV-Sender NBC. "Ich muss es tun", habe er gesagt, während er seine Waffe fünfmal hintereinander neu geladen habe. "Ihr vergewaltigt unsere Frauen und ergreift die Macht in unserem Land - und ihr müsst weg."

Der rassistische Terroranschlag auf die Emanuel AME Church in Charleston, South Carolina, hat Amerika aufgerüttelt: Neun Schwarze kamen dabei um, darunter Pastor Pinckney, eine spirituelle und politische Leitfigur in der Stadt. Kaum zwölf Stunden später war der mutmaßliche Täter festgenommen - der Weiße Dylann R., 21.

"Heiliger Ort in der Geschichte Amerikas"

Die Todesschüsse trafen in das historische Herz des schwarzen Amerikas: die Kirche - Zuflucht der Sklaven, Wiege der Bürgerrechte, Obdach der Armen. Mehr noch: Dies war der heftigste in einer langen Reihe von Anschlägen auf afroamerikanische Gemeinden - ein geschichtlicher Schandfleck, der die USA bis heute nicht loslassen will.

In den Neunzigerjahren wurden die afroamerikanischen Kirchen in den Südstaaten mit einer Welle von Brandanschlägen terrorisiert. Seit der Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA mehren sich solche Fälle nach Angaben der Watchdog-Gruppe SPLC nun wieder. Am Tag seiner Vereidigung wurde eine afroamerikanische Kirche in Massachusetts angesteckt.

Kaum eine Kirche ist mit dieser Geschichte enger verwoben als die Emanuel AME Church, die sie in Charleston nur "Mutter Emanuel" nennen. "Mutter Emanuel ist mehr als eine Kirche", sagte Obama bei einem emotionalen Auftritt im Weißen Haus. "Sie ist ein heiliger Ort in der Geschichte von Charleston und in der Geschichte Amerikas."

US-Präsident Obama: "Es ist besonders herzzerreißend, wenn der Tod an einem Ort passiert, an dem wir Trost suchen, an dem wir Frieden suchen" Zur Großansicht
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US-Präsident Obama: "Es ist besonders herzzerreißend, wenn der Tod an einem Ort passiert, an dem wir Trost suchen, an dem wir Frieden suchen"

Seit fast zweihundert Jahren ist die Emanuel AME Church ein Mittelpunkt des Widerstands gegen die Unterdrückung. 1816 als erste unabhängige schwarze Gemeinde Amerikas gegründet, war sie lange ein Treffpunkt für ehemalige Sklaven. Bald hatte die Gemeinde rund viertausend Mitglieder - mehr als drei Viertel der schwarzen Bevölkerung von Charleston.

Im 19. Jahrhundert niedergebrannt

Einer der Kirchengründer war der Ex-Sklave Denmark Vesey, der sich freigekauft hatte, doch dessen Frau und Kinder weiter versklavt waren. Gemeinsam mit einer Gruppe Leidensgenossen plante er eine Revolte: Sie wollten die Sklavenhalter töten, die Sklaven befreien und dann nach Haiti flüchten. Der Aufstand sollte am 17. Juni 1822 stattfinden - auf den Tag genau 193 Jahre vor dem Attentat am Mittwochabend.

Doch ein Sklave verriet das Komplott. 35 Männer wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und hingerichtet. Andere wurden verbannt oder deportiert, darunter Veseys Familie. Er selbst wurde am 2. Juli 1822 gehängt. Heute erinnert eine Bronzestatue in North Charleston an ihn.

Der Fall bot den weißen Machthabern damals einen Vorwand, drakonische Maßnahmen gegen afroamerikanische Kirchen zu erlassen. Gottesdienste waren nur noch erlaubt, wenn eine weiße Person zugegen war. Die Emanuel AME Church wurde niedergebrannt.

Die Gemeinde gab nicht auf. Sie errichtete eine neue Holzkirche und dann, als ein Erdbeben diese 1886 zerstörte, den jetzigen neugotischen Bau. Der Aktivist Booker T. Washington, ein Berater von Präsident Theodore Roosevelt, trat 1909 dort auf. Martin Luther King Jr. predigte 1962 von der Kanzel herab. Seine Witwe Coretta Scott King führte 1969 eine Demonstration an, die auf den Stufen der Kirche begann.

Die turbulente Geschichte der "Mutter Emanuel" ist kein Einzelfall. Seit Generationen haben die US-Rassisten ihren Hass an den Kirchen ausgelassen. Am historisch folgenschwersten war 1963 der Brandanschlag des Ku-Klux-Klans auf die 16th Street Baptist Church in Birmingham, bei dem vier Mädchen starben: Die grauenhafte Tat traumatisierte die US-Bürgerrechtsbewegung.

"Sie starben einen noblen Tod", sagte Martin Luther King Jr. 1963 in seiner Grabrede auf die in Birmingham ermordeten Mädchen - Worte, die Obama am Donnerstag zitierte. "Sie sind die Märtyrerheldinnen eines heiligen Kreuzzugs für Freiheit und Menschenwürde."

Im Video: Festnahme des mutmaßlichen Täters

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