Charleston-Morde Das rassistische Manifest im Netz

Der mutmaßliche Neunfachmörder von Charleston ging offenbar davon aus, seine Tat nicht zu überleben. Im Netz hinterließ er ein Manifest, in dem er seine rassistische Ideologie beschrieb und seine Tat ankündigte.

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Mutmaßlicher Charleston-Täter Dylann R.: Rassistisches Manifest im Netz
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Mutmaßlicher Charleston-Täter Dylann R.: Rassistisches Manifest im Netz


Der Text lässt einen erschaudern. Er stammt von Dylann R., dem Mann, der in Charleston, South Carolina, neun Menschen getötet haben soll. Da wird in gemessenen Worten und im Duktus eines besonnenen Denkers tiefer Hass formuliert, Verachtung und Aggression nicht nur gegenüber Schwarzen, sondern auch gegen Juden und Latinos. Da schreibt einer, der sich und seinesgleichen als Opfer wahrnimmt, als Unterdrückte, obwohl sie doch eigentlich über allen anderen zu stehen haben. Von Natur aus.

Die Behörden haben mittlerweile bestätigt, dass der Text und die Website, auf dem er erschienen ist, von R. erstellt worden sind.

Die Startseite des Manifestes des mutmaßlichen Vielfachmörders von Charleston ziert ein Szenenbild aus einem Film. Ein Mann mit einem Hakenkreuzanstecker liegt am Boden, blutend, offenbar tot. Der Mann ist der Schauspieler Russell Crowe, das Bild stammt aus dem australischen Film "Romper Stomper", in dem er 1992 einen gewalttätigen Neonazi-Skinhead spielte. Neonazis mögen den Film angeblich bis heute. Und R., das kann man nach Durchsicht des Textes, den er offenbar hinterlassen wollte, sagen, ist ein Neonazi, ein menschenverachtender Rassist.

"Sie sind trotzdem unsere Feinde"

Der Text auf der Website beginnt mit dem Satz: "Ich bin nicht in einem rassistischen Heim oder einer rassistischen Umwelt großgeworden." Dann folgt eine verquere Erweckungsgeschichte, in deren Verlauf der Erzähler seine eigene Bewusstwerdung als Rassist beschreibt. Erst spät habe er begriffen, heißt es da beispielsweise, dass "die Situation" in Europa "noch schlimmer sei", "obwohl Europa doch das Heimatland der Weißen ist".

Der Autor des Textes betrachtet sich und seinesgleichen als Opfer eines Meinungs-Mainstreams, der einfach nicht akzeptieren will, dass Weiße "tatsächlich überlegen sind". Die Argumentation erinnert vielerorts an die von Holocaust-Leugnern, die sich ebenfalls gern als Opfer einer Kampagne stilisieren, die nur geführt werde, um sie kleinzuhalten.

Es hätten doch gar nicht alle Einwohner des Südens Sklaven gehalten, heißt es da zum Beispiel, und viele der weißen Sklavenhalter hätten "ja auf ihren Plantagen nicht einmal das Auspeitschen erlaubt". Über Menschen aus Lateinamerika schreibt er, es gäbe darunter zwar auch solche mit "gutem weißem Blut", aber "sie sind trotzdem unsere Feinde". Über Juden: "Wenn wir irgendwie die jüdische Identität zerstören könnten, wären sie wahrscheinlich kein großes Problem mehr." Über Asiaten: "Sie sind von Natur aus sehr rassistisch und könnten großartige Verbündete für die weiße Rasse sein."

"Ich hasse den Anblick der amerikanischen Flagge"

Zum Thema "Patriotismus" heißt es in dem Text: "Ich hasse den Anblick der amerikanischen Flagge. Die Leute tun so, als ob es etwas gäbe, auf das man stolz sein kann, während tägliche weiße Menschen auf den Straßen umgebracht werden."

Am Ende des Textes spricht der Autor von Charleston, begründet, warum er die Stadt "ausgewählt" habe: "Es ist die historischste Stadt in meinem Staat und hatte einmal das extremste Mengenverhältnis von Schwarzen zu Weißen im ganzen Land."

Ein zweiter Link auf der Website führt zu einer komprimierten Archivdatei, darin 60 Fotos. Die Bilder zeigen einen jungen Mann, der eindeutig als Dylann R. zu erkennen ist, auf manchen hat er die mutmaßliche Tatwaffe in der Hand. Einige davon wurden den Metadaten der Fotos zufolge direkt vor dem Mordanschlag in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston aufgenommen. Sie zeigen R., wie er vor Mangrovenbäumen posiert, in einem Bild hat er sich in einem Toilettenraum mit einer Kamera vor dem Spiegel selbst fotografiert, angetan mit der Jacke mit zwei Flaggen darauf.

Ein Bild R.'s mit dieser Jacke ging in den vergangenen Tagen schon durch die US-Medien - die beiden Flaggen verweisen auf Südafrika zur Hoch-Zeit der Apartheid und auf den auf einer rassistischen Ideologie aufgebauten, nie offiziell anerkannten afrikanischen Staat Rhodesien (1968 bis 1979) auf dem Gebiet des heutigen Simbabwe. Die Website trägt die Überschrift "Der letzte Rhodesier".

Brennende US-Fahne in der Hand

Einige Bilder zeigen R., wie er eine US-Fahne bespuckt, auf einem anderen hält er eine brennende in der Hand, direkt gefolgt von einem Bild mit einer unbeschädigten "Konföderierten"-Flagge der US-Südstaaten zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Eine solche Flagge zierte auch das Auto, in dem er schließlich verhaftet wurde. Auch dieses Auto ist auf einem der Fotos zu sehen. Auf anderen Bildern posiert er auf dem Gelände einer ehemaligen Plantage und vor einem Konföderierten-Museum.

Die Website existiert schon seit Februar 2015, registriert wurde sie über einen Anonymisierungsdienst. Der Screenshot aus dem Skinhead-Film mit Russell Crowe datiert auf den Tag vor der Registrierung der Seite.

Das Gesamtpaket lässt kaum einen Zweifel daran zu, dass R. seine Tat schon seit Monaten geplant hatte. Wenn es sich als wahr herausstellt, dass er der Neunfachmörder von Charleston ist, folgte er einem ähnlichen Muster wie andere Vielfachmörder in den vergangenen Jahren: online ein Manifest zu hinterlassen, offenbar in der Annahme, die Tat nicht zu überleben.

R. aber wurde von der Polizei gefasst. Er wird sich für das, was in Charleston geschah, vor Gericht verantworten müssen. Und vor den Augen der Gesellschaft, die er selbst augenscheinlich so sehr verachtet.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hatten wir Charleston nach North Carolina verlegt. Die Hafenstadt gehört jedoch nach wie vor zu South Carolina. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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Atheist_Crusader 20.06.2015
1.
Meine Güte, Hautfarbe oder "Rasse" ist nichts weiter als das Resultat der Anpassung des Körpers an bestimmten Mengen an Sonnenlicht. Und das bloße Konzept von Rassenreinheit ist sowieso so dämlich, dass man jeden Verfechter davon mit einem Geschichtsbuch verprügeln sollte. Entweder bis das Wissen einsickert oder der Schädel bricht. Rasse ist ein fließendes Konzept. Was sind denn zum Beispiel wir Deutschen? Goten, Kimbern, Teutonen, Sachsen, Preußen... an welchem Punkt ist da jetzt irgendeine Rasse erreicht? Und überhaupt, wer gehört jetzt eigentlich zur weißen Rasse? Kann mir das mal Jemand erklären? Die vor allem von Spaniern und Portugiesen abstammenden Latinos wohl nicht, obwohl es damit ja eigentlich Europäer wären. Iren und Italiener sind auch nicht sehr beliebt. Im Ernst, gibt es da sowas wie eine Richtlinie? Veilleicht ein paar Farbkarten zum Vergleichen? Wenn man schon Leute hassen will, dann bitte mit einem Minimum an Konsistenz und innerer Logik. Man kann sich zum Beispiel völlig legitim an Ghetto-Kultur stören. Die Glorifizierung von Gewalt und Verbrechen, samt freudigem Suhlen im Opferstatus und die Ausgrenzung von allen die sich anders verhalten als "acting white". Das ist eine negative Attitüde, die man durchaus kritisieren darf - und es auch tut, allen voran schwarze Bürgerrechtler und andere prominente Figuren. Aber das ist eben bloß eine (Sub-)Kultur und nicht an die Hautfarbe gekoppelt. Nicht jeder der dazugehört ist schwarz und nicht jeder der schwarz ist gehört dazu. Aber ich schätze, wenn man nicht auf den ersten Blick sieht warum man Jemanden hassen soll, wird es zu kompliziert. Da ist ein einfaches Feindbild besser. Weiß = gut, schwarz = böse. Ich hoffe, der Knabe fühlt sich nicht zu sehr von seiner Rasse verraten, falls es ein weißer Richter sein wird, der ihn zum Tode verurteilt...
mielforte 20.06.2015
2. Rassismus ist ein Hass-Verbrechen
und ist strafrechtlich relevant? Wie soll das in der Praxis umgesetzt werden? Gibt es dann neuerdings Gesinnungs-Verbrecher, die sonst strafrechtlich nie in Erscheinung treten würden? Zum Beispiel Pegida-Demonstranten? Solche Verbrechen wie in Charleston werden nicht verhindert, wenn nicht an deren Wurzeln und Ursachen gegangen wird. Das Symptom wird bekämpft, mehr nicht.
schorsch_kluni 20.06.2015
3.
Was ist mit diesem jungen Menschen passiert, dass er diese Tat begangen hat? Warum erschießt ein Mensch aus rassistischen Motiven Menschen in einer Kirche? Wie hat sich so ein gewaltiger Hass aufbauen können? Wieviel Hass muss ein Mensch aufgebaut haben um tatsächlich den Abzug zu drücken? Warum? Ich kann mir vorstellen, dass in den nächsten Tagen ans Licht kommt, dass der Attentäter psychisch labil ist. Ein Einzelgänger. Keine Freunde. Durchschnitt in der Schule. Etc Aber es gehört mehr dazu eine Waffe auf einen Menschen zu richten und abzudrücken.
mohsensalakh 20.06.2015
4. Dieses mal hat in USA niemand über Waffenverbot nachgedacht!
Anders als in den vorigen Amokläufe in USA, nach denen ein Streit über Waffenverbot ausbrachte - meldete sich dieses Mal kein Parlamentarier zu Wort mit der Bitte für ein strengeres Waffengesetz - Hat das auch mit der Hautfarbe der Opfer zu tun? USA hat ein allgemeines Problem mit Rassismus: George Zimmermann läuft immer noch unbestraft herum und hat viel Schulterschluss und sogar Beifall von seinen rassistischen Kumpanen, Verteidigern und Richtern bekommen - in allen anderen Fällen, in denen Afro-Amerikaner von den Polizisten exekutiert wurden (12 years of age!), wurden die Täter sogar mit zusätzlichen Urlaubstagen belohnt.
Newspeak 20.06.2015
5. ...
Bei solchen Vorfällen könnte man direkt selbst zum "Rassisten" werden, aber nicht gegen Hautfarbe o.ä. gerichtet, sondern gegen Dummheit. Dumme Menschen sind das Problem, immer und überall. Der Mensch an sich jedenfalls könnte ruhig öfter mal beweisen, warum die Spezies eigentlich erhaltenswert sein soll. Es ist alles nur deprimierend. Und die Ausnahmen, gute Menschen, die etwas Sinnvolles tun, anderen helfen, sich nicht gegenseitig auf die Nerven gehen mit Religion, Rasse oder sonstigem Schwachsinn usw. sind leider viel zu selten.
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