Mordanklage gegen weißen US-Polizisten Kaltblütig in den Rücken geschossen

Erneut ist in den USA ein unbewaffneter Schwarzer von einem weißen Polizisten erschossen worden. Doch diesmal existiert ein Video der Szene - und es widerspricht den Aussagen des Polizisten. Er wurde wegen Mordes angeklagt.

Von , New York

REUTERS

Walter Scott war kein unbeschriebenes Blatt. Mit den Alimenten im Rückstand, verpasste Gerichtstermine, Waffenbesitz, Körperverletzung: Der 50-Jährige hatte eine lange Justizakte. Zuletzt aber habe er sein Leben in den Griff bekommen, hielten Angehörige in der Lokalzeitung "Post and Courier" dagegen: "Scott war ein frisch verlobter Familienvater."

So oder so, sein Leben endete nun auf denkbar brutalste Weise. Am Samstag wurde Scott in North Charleston, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat South Carolina, von einem Polizisten angehalten. Das Vergehen: Sein Mercedes hatte ein kaputtes Rücklicht. Minuten später lag Scott tot im Gras - niedergestreckt von mehreren Schüssen aus der Polizeiwaffe.

Der Polizist berief sich auf Notwehr: Scott habe versucht, ihn zu überwältigen, und ihm seinen Taser entrissen, seine Elektroschockpistole.

Scott war schwarz, der Polizist weiß: Ein weiteres Beispiel rassistischer Polizeigewalt, so schien es. Empörend, entsetzlich - und doch eine tägliche Routine, die wieder ungesühnt bleiben würde.

Aber jetzt ist alles anders.

Am Dienstag, drei Tage nach Scotts Tod, tauchte ein Handy-Video des Vorfalls auf. Wacklig und verschwommen, dennoch deutlich genug: Es entlarvte den Cop Michael S., 33, als Lügner - und eiskalten Killer.

Die Behörden zogen sofort Konsequenzen und klagten Michael S. wegen Mordes an. "Wenn man falsch liegt, liegt man falsch", sagte North Charlestons Bürgermeister Keith Summey. Wer eine "schlechte Entscheidung" fälle, "der muss mit dieser Entscheidung leben".

So takt- und pietätlos das auch klang: Es war ein markanter Unterschied zu den jüngsten, vergleichbaren Fällen, in denen die - weiße - Justiz zögerte und mauerte, insbesondere beim Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown in Ferguson bei St. Louis.

Das dreiminütige Video, das unter anderem CNN, der "New York Times" und dem "Post and Courier" zugespielt wurde, zeigt, wie Michael S. und Scott - in einem türkisen T-Shirt - kurz miteinander raufen. Dann läuft Scott davon, nicht besonders schnell, sondern fast lässig.

Der Polizist hebt die Waffe und schießt auf den fliehenden Mann. Schießt auf seinen Rücken - hinterrücks, buchstäblich. Siebenmal, Pause, ein achtes Mal. Beim letzten Schuss stolpert Scott, fällt vornüber ins Gras.

Gemächlich schlendert Michael S. auf den Getroffenen zu: "Hände auf den Rücken!" Legt ihm Handschellen an. Scott bewegt sich, dann nicht mehr. Der Polizist geht dorthin zurück, wo die Konfrontation begonnen hat, hebt etwas auf und platziert es neben Scott im Gras - womöglich der Taser, den Scott ihm angeblich entrissen hat, wie Michael S. später sagt.

Ein zweiter - schwarzer - Polizist kommt dazu, durchsucht Scott mit Handschuhen. Keiner ruft den Notarzt. Keiner macht Anstalten, dem Sterbenden zu helfen. Am Ende fühlt Michael S. ihm einmal kurz den Puls.

Wer das Video aufnahm, blieb in der Nacht zum Mittwoch unbekannt. Dem Polizeibericht zufolge hielt sich Scotts Bruder Anthony "in der Nähe" auf, sein Handy wurde als Beweismittel konfisziert. "Alles, was wir wollten, ist die Wahrheit", sagte Anthony Scott am Dienstagabend.

"Schüsse gefeuert, und das Subjekt ist getroffen", rief Michael S. laut Polizeibericht nach der Schießerei in sein Funkgerät. "Er hat mir meinen Taser abgenommen." Das Video offenbart das als Lüge.

Bestenfalls als Vertuschung entpuppt sich auch die erste Erklärung von Michael S. Anwalt David Aylor: "Dies ist ein sehr tragischer Vorfall für alle beteiligte Familien." Sein Mandant habe sich "bedroht gefühlt". Doch in dem Video scheint der unbewaffnete Scott zu keinem Moment eine Bedrohung zu sein. Michael S. erschießt ihn gezielt und kaltblütig.

Fünf Schusswunden

Der Gerichtsmediziner fand nach Angaben von Chris Stewart, dem Anwalt der Scott-Familie, fünf Schusswunden. Drei im Rücken, eine im Gesäß, eine im Ohr. Mindestens eine Kugel habe sein Herz durchbohrt.

Vieles erinnert äußerlich an Ferguson. North Charleston, ein ärmerer Nachbarort des Südstaaten-Juwels Charleston, hat rund 104.000 Einwohner. 47 Prozent sind Schwarze, 37 Prozent sind Weiße. Die Polizei dagegen bestand zuletzt zu 80 Prozent aus weißen Beamten.

Filmaufnahmen führten auch anderswo dazu, dass solche Fälle besser aufgeklärt wurden als in Ferguson. In Albuquerque, wo Polizisten einen Obdachlosen erschossen. In Cleveland, wo dem zwölfjährigen Tamir Rice sein Spielzeuggewehr zum Verhängnis wurde.

Wäre Michael S. ohne das Video davongekommen? Nicht nur das öffentliche Bewusstsein ist seit den Schüssen von Ferguson im August vergangenen Jahres ist gewachsen, auch die US-Regierung hat ein schärferes Auge auf solche Vorfälle. Das FBI - ein Arm des Washingtoner Justizministeriums - bot in North Charleston sofort seine Hilfe an.

Michael S. juristische Chancen, sich angesichts des Videos doch noch herauszureden, stehen schlecht. US-Polizisten dürfen auf fliehende Verdächtige schießen - aber nur, wenn sie "eine bedeutsame Gefahr für das Leben oder einer schweren physischen Verletzung" darstellen.

Sollte Michael S. verurteilt werden, droht ihm lebenslange Haft - oder die Todesstrafe.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 344 Beiträge
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Seite 1
dachristoph 08.04.2015
1. Typisch US-Polizist?
Wo ist das Problem? Ohne die Aufnahme würde der Mörder mit seiner Story durchkommen... Eigentlich müsste doch der Typ mit dem Handy kassiert werden...weil er die Realität offenbart. Wer glaubt das wäre jetzt aber eine krasse Ausnahme das ein Polizist einen schwarzen Bürger erschiesst...hat keine Ahnung wieviele Tote es im Jahr in den USA bei Polizeieinsätzen gibt und wieviele davon im Verhältnis Schwarze sind...
Badischer Revoluzzer 08.04.2015
2. Dieses angeblich
"legale" Erschießen ist wohl Teil der ursprünglichen Tradition der Amerikaner. Es hat bei der bezahlten Skalpjagd an den Indianern begonnen und findet heute immer noch im vermeintlichen Töten von anderen Rassen ihre Fortsetzung.
MeFFM 08.04.2015
3. Typisch Amerika
Wer einmal wie ich in den USA de Arbeit der Polizei miterleben durfte, der wird die deutsche Polizei mit einen anderen Auge sehen. Unsere Helfer sind höflich, i.d.R. freundlich und schießen nicht erst bevor sie fragen.
sponner_hoch2 08.04.2015
4.
"Kleinstadt" mit 104.000 Einwohnern? Lieber Herr Pitzke, wann hat sich denn die Definition geändert?
kurzschlussingenieur 08.04.2015
5. Auflistung
Eine Auflistung gefällig: http://www.killedbypolice.net/ Seit 2013 hat die US-Polizei immerhin fast so viele Bürger erschossen wie US-Soldaten in Afghanistan gefallen sind (seit 2001) http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72801/umfrage/kriege-der-usa-nach-anzahl-der-soldaten-und-toten/
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