Ausschreitungen bei Demos Vor Chemnitzer Krawallen - Polizei ignorierte Warnungen

Die Chemnitzer Polizei war Ende August vor Ausschreitungen gewarnt - ließ die Hinweise aber offenbar stundenlang unbearbeitet liegen. Nach SPIEGEL-Informationen wurde zudem versäumt, Verstärkung anzufordern.

Ausschreitungen in Chemnitz
Getty Images

Ausschreitungen in Chemnitz


Die Eskalation der Gewalt in Chemnitz im August hätte nach SPIEGEL-Recherchen verhindert werden können. Demnach hat der sächsische Verfassungsschutz die Polizei im Vorfeld einer Demo am 27. August eindrücklich vor gewaltbereiten Rechtsextremisten gewarnt; am Tag zuvor war der Chemnitzer Daniel Hillig erstochen worden, mutmaßlich von Asylbewerbern (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL+).

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 52/2018
In eigener Sache: Wie einer unserer Reporter seine Geschichten fälschte und warum er damit durchkam

Nach Informationen des SPIEGEL wies der Inlandsgeheimdienst in einem drei Seiten langen internen Schreiben auf anreisende rechte Fußballfan- und Kampfsportgruppen hin und auf einen "sehr hohen Emotionalisierungsgrad". Der Totschlag von Chemnitz werde als "ein willkommener Anlass für erneute körperliche Auseinandersetzungen und gezielte Konfrontationen mit Flüchtlingen, Asylbewerbern und politischen Gegnern gesehen". Die schriftliche Warnung blieb aber offenbar zunächst mehrere Stunden unbearbeitet in der Polizeidirektion Chemnitz liegen.

Warnungen gab es auch von Polizeibehörden aus dem Bundesgebiet, wie aus einem internen Lagefilm der Polizei hervorgeht. Beamte in Thüringen berichteten von einem Mann, der für Chemnitz mobilisiere und angeblich Zugriff auf 6000 Skinheads habe. Die Polizei in Baden-Württemberg registrierte Anreisen aus der Schweiz und Frankreich.

Trotzdem forderte die Chemnitzer Polizei zunächst keine Verstärkung an. Als die Lage eskalierte, waren keine zusätzlichen Polizisten mehr verfügbar. Wie SPIEGEL-Recherchen zudem zeigen, gab es offenbar auch Verbindungen zwischen der mutmaßlichen Terrorgruppe "Revolution Chemnitz" und den Protesten der "Bürgerbewegung Pro Chemnitz".

Einer der vom Generalbundesanwalt Beschuldigten soll am 14. September als Ordner bei einer von Pro Chemnitz angemeldeten Demo aktiv gewesen sein; so hat er es in einer Vernehmung ausgesagt. In Polizeiakten wird er als "politisch motivierter Straftäter rechts" geführt. Pro Chemnitz bezweifelt das auf Nachfrage; Ordner würden von der Polizei überprüft und Vorbestrafte nicht zugelassen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.

kno/stw/wow



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.