Tötungsdelikt in Chemnitz Verdächtiger kommt frei

Das Amtsgericht Chemnitz hat den Haftbefehl gegen Yousif A. aufgehoben. Der Tatverdächtige im Fall des in Chemnitz erstochenen 35-Jährigen kommt frei. Ein zweiter Verdächtiger bleibt in U-Haft.

Blumen und Kerzen am Tatort
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Blumen und Kerzen am Tatort


Yousif A. kommt aus der Untersuchungshaft frei. Das ist das Ergebnis des Haftprüfungstermins am Chemnitzer Amtsgericht, wie A.s Anwalt Ulrich Dost-Roxin und die Staatsanwaltschaft dem SPIEGEL bestätigten. In einer Mitteilung auf seiner Webseite bezeichnete der Anwalt die Aufhebung des Haftbefehls als überfällig. "Seit über drei Wochen musste mein Mandant Yousif A. ohne jeden Tatverdacht in Untersuchungshaft verbringen."

Es sei ein "Fantasiegebilde der Staatsanwaltschaft" gewesen, dass Yousif A. einer der Mittäter gewesen sein könnte. "Die im Haftbefehlsantrag vom Staatsanwalt benannten Beweise waren Fake-Beweise." Das Handeln des Untersuchungsrichters, der den Haftbefehl erlassen hatte, sei "zweifellos rechtswidrig".

Die Staatsanwaltschaft teilte mit, nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen bestehe kein dringender Tatverdacht gegen A. "Es gibt keine Zeugen, die gesehen haben, dass er mit einem Messer zugestochen hat. Weiterhin konnten objektive Spuren zu seiner Beteiligung an einem Tötungsdelikt bislang nicht festgestellt werden", heiß es. Es werde aber weiter gegen ihn ermittelt.

A., 22, saß wegen des Todes von Daniel H. in U-Haft. H. war am 26. August in Chemnitz am Rande des Stadtfests tödlich verwundet worden. Zuvor soll es einen Streit gegeben haben. Zum Hergang machen die Behörden bislang keine genauen Angaben. Der Tatvorwurf lautet auf gemeinschaftlichen Totschlag.

Dost-Roxin hatte bereits in der vergangenen Woche dem SPIEGEL gesagt, sein Mandant sei vor allem aus einem Grund in Haft: Weil er nach der Tat vor den Polizisten zunächst weggelaufen war. "Der Mann wurde wider besseres Wissen in Haft genommen", sagte Dost-Roxin. Ihm zufolge gibt es mindestens einen Zeugen, der Yousif A. explizit entlastet. Dieser habe bei der Auseinandersetzung, die für Daniel H. tödlich endete, abseits gestanden.

Yousif A. bekommt nach Angaben von Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) wohl keinen besonderen Polizeischutz. "Personenschutz für mutmaßliche Straftäter ist aus meiner Sicht nicht vorgesehen", sagte der Politiker. Anwalt Dost-Roxin sagte dagegen, dass die Staatsanwaltschaft auf Anregung der Verteidigung Sicherheitsmaßnahmen ergriffen habe. "Die halte ich für verhältnismäßig und für gut."

Krawalle nach Daniel H.s Tod

Neben einem anderen Inhaftierten soll es einen weiteren Tatverdächtigen geben. Nach ihm wird international gefahndet. Der zweite inhaftierte Tatverdächtige forderte am vergangenen Freitag ein Ende seiner U-Haft - anders als Yousif A. bleibt er allerdings inhaftiert.

Daniel H.s Tod löste Krawalle aus. Gewalttäter marodierten nach Demonstrationen der AfD und der rechtsgerichteten Bewegung Pro Chemnitz durch die Stadt. In einem internen Polizeibericht ist von vermummten Personen die Rede, die "Ausländer suchen".

Video: Gewalt in Chemnitz - Krawalle von Rechtsextremisten

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An den Kundgebungen gegen die Migrationspolitik der Bundesregierung hatten Rechtsradikale aus dem gesamten Bundesgebiet teilgenommen. Gegen mehrere Personen laufen Ermittlungsverfahren unter anderem wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Zwei Männer sind wegen des Zeigens des Hitlergrußes bereits zu fünf Monaten Haft beziehungsweise acht Monaten auf Bewährung verurteilt worden.

Auch politisch hatte die Tat Folgen. Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen geriet unter Druck. Er hatte der "Bild"-Zeitung gesagt, seinem Dienst lägen keine belastbaren Informationen darüber vor, dass in Chemnitz Hetzjagden stattgefunden hätten. Über ein Video, das Übergriffe am 26. August nahe dem Johannisplatz in Chemnitz zeigen soll, sagte Maaßen: "Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist."

An dieser Aussage gab es massive Kritik, SPD, Linke und Grüne fordern seine Entlassung. Anwalt Dost-Roxin schreibt über den Verfassungsschutzchef, Maaßen habe sich angemaßt, "von Mord in Chemnitz zu sprechen und verunglimpfte so auch meinen ohne Tatverdacht im Gefängnis sitzenden Mandanten, ein Verbrecher zu sein".

Im Video: Die Hintermänner der Chemnitz-Krawalle

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ulz/bbr/dpa/AFP

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