Waffengewalt in Chicago Der Kampf gegen das alltägliche Sterben

Chicago gilt als US-Hauptstadt der Waffengewalt: Auch diesen Sommer kamen Dutzende Menschen bei Schießereien um. Politik und Behörden sind machtlos. Jetzt greifen die Bürger zur Selbstverteidigung.

Aus Chicago berichtet

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Diane Latiker kennt die Wahrscheinlichkeit des Todes. "Wir können nicht jeden retten", sagt sie. "Aber wir tun verdammt noch mal alles, um es zu versuchen." Ein rostiger Dodge rollt heran, lauter Rap schallt durchs offene Fenster. "Ruhe!", brüllt Latiker. Die Musik verstummt sofort.

Latiker, 57, ist die inoffizielle Bürgermeisterin von Roseland, einem Armenviertel in Chicago. Sie sitzt auf ihrem Thron, einem Klappstuhl an der South Michigan Avenue. Die Michigan zieht sich einmal längs durch Chicago, im Zentrum hat sie Luxusläden und heißt "Magificent Mile". Doch hier in Roseland, auf der berüchtigten South Side, ist sie die Meile der vernagelten Fenster und Graffiti-Fassaden. Die Meile der Vergessenen.

Früher war's mal schön hier. Latiker erinnert sich, wie sie 1971 herzog: "Ein Paradies, so viele Blumen."

Dann machten die Fabriken dicht, Weiße flohen, Schwarze blieben, Gangs folgten. In den letzten zwölf Monaten erlebte Roseland 686 Überfälle, 45 sexuelle Übergriffe und 16 Morde.

Ein tödlicher Mikrokosmos, repräsentativ für die ganze Millionenmetropole, die auch dieses Jahr einen brutalen Sommer der Gang- und Waffengewalt erlebte. Höhepunkt war das Wochenende um den US-Nationalfeiertag am 4. Juli, mit 14 Toten und 68 Verletzten. Drei Viertel der Opfer sind, wie Diane Latiker, Afroamerikaner - und viele sind Kinder.

Während die Nation über Polizeigewalt gegen Schwarze debattiert, macht das alltägliche Sterben in Chicago kaum noch Schlagzeilen. Seit Jahren geht das so, auch der neue Bürgermeister Rahm Emanuel, Ex-Stabschef von US-Präsident Barack Obama, hat hartes Durchgreifen geschworen, auch diesmal blieb es bei Worten. Weshalb nun immer mehr Leute hier zur Selbstverteidigung greifen.

Schießereien 2014 | Morde 2013/2014
Stand: 24.7.2014 | Quelle: www.chicagotribune.com
Zum Beispiel Latiker. "Genug ist genug", sagt die 13-fache Großmutter. Sie will dem Morden Einhalt gebieten - allein: "Ich glaube fest an die Kraft des Einzelnen."

Dazu wagte Latiker schon vor einigen Jahren etwas Radikales: Sie lud die jungen Gangmitglieder aus ihrer Nachbarschaft zu sich nach Hause ein. Plötzlich saßen die harten Boys mit ihren Girlfriends in Latikers Wohnzimmer, spielten Computerspiele, guckten fern, rappten - Teenager eben. "Die Jungs", sagt Latiker, "wollten den Gangs davonrennen."

Seitdem treffen sie sich jeden Freitag. Bald waren es 75 Jugendliche, dann mehr als hundert. Kids Off The Block (KOB) nennt Latiker sie: Kinder, die sie von der Straße holt. Latiker ist ihre Wahlmutter, die Gruppe ersetzt die Familie, die sie nie hatten - und die sie bei den Gangs suchten.

Die Tricks der Statistiker

Mit Hilfe von Privatspenden bauten sie ein Ladenlokal zum Klubhaus um, mit PC, einem Kickertisch, sogar einem Tonstudio für Rap-Aufnahmen. Bisher durchliefen mehr als 2000 Kids das Programm. "Vorher waren sie ziellos, hoffnungslos", sagt Latiker. "Dann bekamen sie Jobs." Besser noch: "Die Gangs zogen weg."

Dass aber nicht alles gut ist, zeigt sich auf der anderen Straßenseite. Da hat Latiker ein Mahnmal für die toten Kinder Chicagos gebaut, aus Ziegelblöcken vom Baumarkt. Ein Kind, ein Stein: Kendrick Pitts, 17; sein Bruder Carnell Pitts, 18; Jesus Morreal, 16; Theo Thomas, 18. Bald waren es 450 Steine, auf einem liegt ein Plüschbär. Nachts kommen manchmal die Eltern und weinen laut.

Emanuel und sein Polizeichef Garry McCarthy beharren, dass Chicagos Mordrate trotz der Schlagzeilen inzwischen falle. In der Tat lag sie 2012 mit 503 auf fast der Hälfte dessen, was sie exakt 20 Jahre zuvor betrug (943) - und sank dann 2013 auf 415, den niedrigsten Stand seit 1965.

Doch Kritiker halten die Zahlen für geschönt: In einer großen Recherche ermittelte das "Chicago Magazine", dass voriges Jahr mindestens 18 Morde klammheimlich in "nicht-kriminelle Todesfälle" umklassifiziert wurden - und so aus den offiziellen Statistiken herausfielen.

"Eine falsche Entscheidung kann ein ganzes Leben zerstören"

Chicago hat eine Tradition der Gewalt: Al Capone, Gangs, Drogenkartelle. "Chicago", sagen sie, "liegt an der US-mexikanischen Grenze." Doch heute sind die Gangs zersplitterter denn je - manchmal kämpft eine Straße gegen die nächste. Es geht nicht mehr nur ums Geschäft, es geht um Rivalitäten, Ressentiments, Kleinigkeiten. Die Gewalt wird beliebiger.

"Unsere Mittel sind beschränkt", klagt ein Fahndungsbeamter in seinem Büro im Zentrum. Terrorismus, Korruption, Finanzkriminalität: So viel anderes hält sie auf Trab, da bleiben die Gangs schnell unbeachtet.

Im Team gegen den Tod: Schüler bei der Rugby-Therapie
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Im Team gegen den Tod: Schüler bei der Rugby-Therapie

Ivan ist zum Glück noch kein Gangmitglied, doch er könnte es bald werden. Der 17-jährige Sohn mexikanischer Einwanderer hat, was sie "anger issues" nennen: Bereits als Kind tobte in ihm diese unerklärliche, innere Wut - und sie entlädt sich in irregeführtem Rebellionsdrang.

Ivan will die Schule hinschmeißen. Er wurde nicht versetzt, weil er sich weigerte, am Unterricht teilzunehmen. "Mir egal", sagt er, sein Lieblingsausdruck. Will heißen: Das Leben ist kaputt - warum lernen?

Ivan hockt im Tanzstudio der Little Village Lawndale High School im Westen Chicagos. 86 Prozent der Schüler sind Latinos, die anderen Schwarze. Die Reviergrenze zweier Gangs führt am Campus vorbei. Ivan lebt mit seiner Mutter, ihm fehlen männliche Vorbilder. Er trägt nur schwarz, auf den Vorderarm hat er sich das Batman-Zeichen tätowiert.

Dan Heiniger, ein Football-Coach und Jugendberater, nimmt Ivan ins Gebet. "Lass deine Wut nicht an dir selbst aus", rät er. Heiniger arbeitet für Become A Man (B.A.M.), ein städtisches Hilfsprogramm, das versucht, Ivan und andere, die von Gangs fasziniert sind, auf dem rechten Weg zu halten.

Ivan spielt mit seinen Kopfhörern. Die Gang scheint lukrativer als Schule. "Aber du willst doch mal eine Familie haben", appelliert Heiniger an ihn. Schließlich verspricht Ivan, nach den Sommerferien wiederzukommen.

Rugby mit Vorbildfunktion: "Wenn ihr verliert, nicht wütend werden!"
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Rugby mit Vorbildfunktion: "Wenn ihr verliert, nicht wütend werden!"

Jeden Tag versammelt Heiniger die Schüler zur Gesprächsrunde. Diesmal sind samt Ivan sieben da. Gruppentherapie für gefährdete Kids: Sie hocken im Kreis und müssen über das reden, was ihnen am fernsten liegt - Gefühle.

Feixend beschreiben sie ihren emotionalen Zustand, auf einer Skala von 1 bis 10. "Heute bin ich eine 9", sagt einer. Ein anderer sieht sich als "eine 2", er hat am Vorabend eine Schießerei miterlebt. Alle klagen über Schlafmangel. "Danke fürs Einchecken", murmeln sie nach jeder Gefühlsbekundung und starren dann wieder auf ihre Smartphones.

Heiniger gibt ihnen Fragebögen. Ja, nein, ein bisschen: Stehen sie für sich ein? Halten sie sich von Drogen fern? Verarbeiten sie Frust auf positive Weise? Schaden sie anderen, um voranzukommen? "Ja klar!", grölen sie da.

"Wir hoffen, ihnen wenigstens ein paar Werte zu vermitteln", sagt Scott Myers, Heinigers Boss. "Eine falsche Entscheidung kann ein ganzes Leben zerstören."

Bloß keine Wut

Myers, vormals Partner beim Management-Dienstleister Accenture, ist Geschäftsführer von World Sport Chicago. Gemeinsam mit B.A.M. versucht die Organisation, Teenager explizit durch Sportaktivitäten von den Gangs fernzuhalten. Bevorzugte Sportarten: Ringen und Rugby.

Dazu versammeln sich an diesem Nachmittag zwei Dutzend Kids von drei High Schools auf einem Feld im Westen der Stadt. "Die meisten Eltern sind illegale Einwanderer", sagt ihr Trainer Matt Pinson, 24. "Die Kinder driften automatisch zu den Gangs. Wir bieten ihnen eine Alternative."

Sie spielen Tag-Rugby - eine kontaktlose Variante, bei der sie sich Klettbänder abreißen statt einander umzuhauen. "Wenn ihr verliert", ruft Pinson, "nicht wütend werden!"

"Rugby zeigt uns, wie man Aggressionen auf gute Weise ablässt", sagt der 15-jährige Alex. "Wir wachsen zusammen als Team." Sein Freund Gerardo sekundiert: "Rugby ist das Highlight meiner Schulwoche." Die Sonne geht unter. Die Kids strömen vom Feld, vor Einbruch der Dunkelheit sollen sie zu Hause sein.

Am Abend fallen erneut Schüsse, im Nachbarviertel Fuller Park. Zwei Männer werden getroffen, einer stirbt, ein Priester. Er war gerade aus dem Supermarkt gekommen.

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Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
and_over 05.09.2014
1. und bevor
jetzt gleich das Geschrei ob der US-Waffengesetze losgeht: die Gangs und sonstige Kriminellen benutzen ILLEGALE Waffen. Legal bekommen die nämlich auch in den USA keine.
Tevsa 05.09.2014
2. Solange die Waffen-Lobby
So stark in den USA ist, wird sich da nichts ändern. Aber da scheint die Meisten der Bevölkerung nicht zu verstehen.
schienbeinschoner 05.09.2014
3.
Jaja, die Amerikaner. Die US -Gesellschaft hat bei dem Versuch, ihren Traum eines freiheitlichen und glücklichen Zusammenlebens am Leben zu erhalten, den Blick für die Realitäten verloren. Das Land ist hochgerüstet und entgegnete jeder Gefahr durch weitere Aufrüstung – mit dem Ergebnis, dass das Leben in so manchen Teilen der USA gefährlicher ist als in Bürgerkriegsländern der dritten Welt. Die Verzweiflung, mit der die eigene Sicherheit verteidigt wird, mündet am Ende im völligen Verlust dergleichen. Der Niedergang dieser Weltmacht in allen Bereichen beschleunigt sich zusehends.
galbraith-leser 05.09.2014
4. Der Schmelztiegel USA
ist ein abschreckendes Beispiel dafür was passiert, wenn eine Gesellschaft unkontrollierte Einwanderung gepaart mit dem Wegschauen vor sozialen Problemen zulässt. Die weiße Mittelschicht zieht aus bestimmten Stadtvierteln weg, die dann unter den sozial Schwachen verkommen. Kriminialität, Gewalt und sonstige Probleme halten Einzug. Die Ansätze dafür sind auch in unsere Großstädten schon seit längerem in unterschiedlicher Ausprägung zu erkennen. Das hat bedingt mit Rassismus zu tun, zum anderen aber auch mit Konfliktvermeidung. Die Menschen möchten nunmal lieber in einem sprachlich und kulturell homogenen Umfeld leben. Ein paar Fremde hält ein Viertel aus, aber es gibt keine Viertel, in denen die Bevölkerungsgruppen paritätisch vertreten wären. Warum das so ist, dafür hätte ich von den Multi-Kulti-Fans gerne mal eine vernünftige Erklärung.
schienbeinschoner 05.09.2014
5.
Zitat von and_overjetzt gleich das Geschrei ob der US-Waffengesetze losgeht: die Gangs und sonstige Kriminellen benutzen ILLEGALE Waffen. Legal bekommen die nämlich auch in den USA keine.
Sehr richtig und meiner Ansicht nach das weit und breit einzige (!) Argument der Waffenlobby, dass nachvollziehbar und richtig ist: Das Land ist derart voll von Handfeuerwaffen, dass es, selbst wenn ein Verbot von solchen Waffen denkbar wäre, praktisch unmöglich wäre selbiges durchzusetzen. In der tat würde ein extremes Missverhältnis zwischen Bewaffneten und Unbewaffneten entstehen – eines das nahezu unmöglich korrigierbar ist. Diese Waffen sind zu klein, zu haltbar und in der Zahl zu groß als das man sie in einem akzeptablen Zeitraum aus der US Gesellschaft entfernen könnte. Pandorras Box ist offen, man kann sie nicht mehr schliessen.
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