Chicago Polizisten erschießen fünffache Mutter - "aus Versehen"

Ein Vater in Chicago hat Ärger mit seinem Sohn und bittet die Polizei um Hilfe. Am Ende des Einsatzes liegt der Sohn erschossen da - genauso wie die unbeteiligte Nachbarin, eine fünffache Mutter. Der Fall hat das Zeug zum Politikum.


Ein Routineeinsatz der Polizei in Chicago hat zwei Menschen das Leben gekostet. Ein Polizist erschoss im Westen der Stadt einen 19-jährigen Studenten und eine 55-jährige Frau.

Das jüngere Opfer heißt Quintonio L. Er verbrachte Weihnachten bei seinem Vater Antonio L. Als der nach einem Familientreffen in seine Wohnung zurückkehrte, schien der Sohn ein wenig aufgeregt. Am frühen Samstagmorgen habe Quintonio versucht, die Zimmertür des Vaters aufzubrechen. Antonio L. sagte, er habe dies verhindert.

Der Vater rief darauf Bettie J. an, eine 55-jährige Nachbarin, die ein Stockwerk tiefer lebte - um sie zu warnen. "Mein Sohn ist ein wenig zornig. Öffnen Sie nicht die Tür, es sei denn, die Polizei kommt", sagte er der fünffachen Mutter laut "Chicago Sun-Times". J. soll gesagt haben, sie habe Quintonio mit einem Baseballschläger umherlaufen sehen.

Polizei spricht von "streitlustiger Person"

Dann traf die Polizei ein. Im Stockwerk unter Antonio L.s Wohnung traf sie offenbar auf Quintonio. Vater L. hörte die Nachbarin J. noch "Whoa, Whoa, Whoa" rufen, dann vernahm er Schüsse. Als er ein Stockwerk tiefer ankam, sah er seinen Sohn und die Nachbarin auf dem Boden liegen.

Insgesamt sieben Kugeln trafen Quintonio L. In der Version der Polizei heißt es, die Einsatzkräfte hätten vor Ort eine "streitlustige Person" vorgefunden. Dies habe zur Abgabe von Schüssen geführt, die zwei Personen tödlich getroffen hätten. Es ist unklar, ob es von dem Vorfall Videoaufnahmen gibt, etwa von einer Körperkamera der Polizisten.

"Das 55-jährige weibliche Opfer wurde versehentlich getroffen und tragischerweise getötet", heißt es in einer Mitteilung. Man trauere mit den Familien und Freunden der Opfer. Die beteiligten Polizisten würden für 30 Tage in den Innendienst versetzt.

Die Polizei hat erkannt, dass der Fall zum Politikum werden könnte. Beide Toten sind schwarz, und in jüngerer Zeit wurden allzu viele Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze bekannt.

  • Anfang Dezember wurde ein Video veröffentlicht, das einen Vorfall aus dem Jahr 2012 zeigt: Polizisten tasern Philip Coleman, 36, in einer Zelle und schleifen ihn an seinen Armen über den Boden. Coleman starb im Krankenhaus.
  • Wenige Tage zuvor war auf Anordnung eines Richters ein Video veröffentlicht worden, das zeigt, wie der weiße Polizist Jason Van Dyke 16-mal auf den schwarzen Teenager Laquan McDonald schießt - selbst dann noch, als der 17-Jährige längst wehrlos und sterbend auf der Straße lag. Die Aufnahme bewies, dass die Polizei über die Umstände von McDonalds Tod gelogen hatte. Inzwischen wurde Van Dyke wegen Mordes angeklagt.
  • Im Mai war bekannt geworden, dass die Stadt fast hundert von Polizisten gefolterten Personen insgesamt 5,5 Millionen Dollar Entschädigung zahlt.

Das Problem ist so gravierend, dass das US-Justizministerium gegen die Polizeibehörde ermittelt. Wegen des skandalösen Umgangs mit dem Problem musste Polizeichef Garry McCarthy gehen. Auch Rücktrittsforderungen gegen Bürgermeister Rahm Emanuel wurden laut.

Seinem Vater zufolge hatte Quintonio L. emotionale Probleme, weil er den Großteil seiner Kindheit in Pflegeeinrichtungen verbracht hatte. Der 19-Jährige studierte an der Northern Illinois University und wollte ein Elektroingenieur werden.

Quintonios Mutter Janet C. sagte der "Chicago Tribune", die Polizei hätte nicht so reagieren müssen. Der Erschossene ist ihr einziges Kind. "Wir dachten, die Polizei wird uns unterstützen und ihn ins Krankenhaus bringen. Sie haben ihm das Leben genommen", sagte sie - und verlangte eine persönliche Entschuldigung von Bürgermeister Rahm Emanuel.

ulz/AP

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