Angriff auf geistig Behinderten Vier Personen wegen Verbrechens aus Hass angeklagt

Ein 18-Jähriger mit geistiger Behinderung wurde entführt, misshandelt und gezwungen, aus der Toilette zu trinken: Der Angriff in Chicago verstört die USA - auch, weil das Opfer weiß ist und die mutmaßlichen Täter schwarz sind.

REUTERS/ Chicago Police

Ein brutaler Übergriff auf einen 18-Jährigen hat über die Grenzen Chicagos hinweg Empörung und Bestürzung ausgelöst. Vier Personen wurden festgenommen und wegen eines Verbrechens aus Hass angeklagt. Sie sollen das geistig behinderte Opfer entführt, mit einem Messer bedroht und misshandelt haben. Das Opfer ist weiß, die mutmaßlichen Täter schwarz. Es handelt sich um zwei 18-jährige Männer und zwei Schwestern im Alter von 18 und 24 Jahren.

Ein Polizeisprecher sagte, man gehe davon aus, dass das Opfer aufgrund seiner geistigen Behinderung ausgewählt worden sei - und nicht, weil der 18-Jährige weiß ist. Später hieß es allerdings, die Vorwürfe bezögen sich sowohl auf rassistische Äußerungen und Kommentaren zur Behinderung des Opfers. Es sei auch möglich, dass versucht werden sollte, die Familie des Opfers zu erpressen. Die Eltern des 18-Jährigen sollen per SMS von Leuten kontaktiert worden sein, die behaupteten, den jungen Mann in ihrer Gewalt zu haben.

Ein Teil des Übergriffs wurde auf Facebook Live gestreamt. In dem Video sind Kommentare über "weiße Leute" zu hören, während das Opfer in einer Ecke mit zugeklebtem Mund kauert. Zudem ist zu hören, wie mindestens eine Person den kommenden US-Präsidenten Donald Trump beleidigt.

Selbst US-Präsident Barack Obama äußerte sich und nannte den Übergriff "schrecklich". Technologie erlaube es nun, "zu sehen, welch furchtbaren Zoll Rassismus und Diskriminierung und Hass Familien und Gemeinden abverlangt", sagte er.

Der 18-Jährige sei "von dem Vorfall traumatisiert", hieß es von der Polizei. Es sei sehr schwer, mit ihm zu kommunizieren. "So etwas sollte niemals passieren", sagte ein Sprecher der Familie. Die Angehörigen seien überwältigt angesichts der Unterstützung in den sozialen Medien.

Das Opfer kannte laut Polizei mindestens einen der Verdächtigen; die beiden waren demnach Schulkameraden. Deshalb sei der 18-Jährige freiwillig mit dem mutmaßlichen Täter mitgegangen. Die beiden hätten sich am 31. Dezember in einem McDonald's in einem Vorort Chicagos getroffen. Die Familie des Opfers sei davon ausgegangen, dass der junge Mann zu einer Übernachtung bei Freunden abgeholt werden solle. Als der 18-Jährige am folgenden Tag nicht nach Hause kam, verständigten seine Eltern die Polizei.

Stattdessen soll einer der mutmaßlichen Täter das Opfer in einem gestohlenen Van umhergefahren haben; beide sollen auch in dem Fahrzeug geschlafen haben. Schließlich sei man in der Wohnung der Schwestern gelandet.

Dort sei ein gespielter Streit eskaliert. Das Opfer wurde vier oder fünf Stunden lang gefesselt, gewürgt und geschlagen. Es erlitt Verletzungen am Kopf und wurde gezwungen, aus der Toilette zu trinken.

Als ein Nachbar sich über Lärm aus der Wohnung der Schwestern beschwerte, verließen zwei der mutmaßlichen Täter das Apartment; in der Situation ergriff der 18-Jährige die Flucht. Polizisten fanden ihn später völlig desorientiert auf der Straße, bei klirrender Kälte mit nichts weiter bekleidet als einem ärmellosen Oberteil, einer kurzen Hose und Sandalen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, inzwischen aber wieder entlassen.

Die vier Verdächtigen sollen Freitag einem Richter vorgeführt werden.

ulz/Reuters/AP



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