China: Autohaus wirbt mit Foto von ermordetem Baby

In der chinesischen Provinz Jilin hat ein Mann ein Auto gestohlen, in dem ein zwei Monate altes Kind lag. Auf seiner Flucht erwürgte der Dieb den kleinen Haobo, um ihn los zu werden. In China ist der Aufschrei groß. Doch skrupellose Werbeleute nutzten das Drama, um mehr Autos zu verkaufen.

Ermordeter Säugling: "Baby Haobo, schlaf gut" Fotos
imago

Peking - Zwei Tage lang hatten bis zu 3500 Polizisten in der Provinz Jilin nach Zhou Xijun gesucht. Am späten Dienstagnachmittag stellte sich der 48-Jährige den Behörden. Er gestand, in der Stadt Changchun einen Toyota RAV4 Geländewagen gestohlen zu haben. Ja, in dem Auto habe er ein zwei Monate altes Baby gefunden. Er habe den kleinen Haobo erwürgt und dann im Schnee begraben, so der Mann.

Der Vater des Kindes hatte Zeitungsberichten zufolge das Auto vor seinem Geschäft geparkt und das Kind bei laufendem Motor kurz alleingelassen, um den Ofen im Haus anzumachen. Das gestohlene Fahrzeug wurde kurz darauf in der Nähe einer Schule in der Stadt Gongzhuling gefunden - von Dieb und Kind fehlte zunächst jede Spur. Die Mutter des Säuglings soll mit einem schweren Schock in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein.

Die Todesumstände des Kindes verbreiteten sich in Windeseile über die Medien und sozialen Netzwerke. Das Entsetzen und die Wut der Chinesen über die Bluttat waren immens. Zahlreiche Bewohner von Changchun versammelten sich am Abend, stellten Kerzen auf und trauerten um das Kind. Auf etwa drei Millionen Klicks brachte es das Thema bei Tencent Weibo, einem chinesischen Gegenstück zu Twitter.

"Baby Haobo, schlaf gut"

"Baby Haobo, schlaf gut" war auf der Seite der Zeitung "People's Daily" beim größten Mikroblogging-Dienst Sina Weibo zu lesen. "Du hast noch nicht einmal deinen ersten Frühling erleben dürfen … aber der Mensch, der dich getötet hat, wird bestraft werden, und wir werden versuchen, die Welt, die du kaum kennengelernt hast, zu einem besseren Ort zu machen", zitiert BBC News.

Der Ruf nach Strafe - auch der Todesstrafe - für den mutmaßlichen Dieb und Totschläger war laut. "Was ist bloß mit der Welt los?" fragt ein User von Sina. "Wie kann die Menschheit so weit sinken?"

Der Aufschrei der Webgemeinde ist ein Zeichen dafür, dass die Sensibilität in der chinesischen Öffentlichkeit für Gewalt gegen Kinder erheblich gewachsen ist. Vor knapp eineinhalb Jahren hatte ein besonders drastischer Fall in der Provinz Guangdong für Entsetzen gesorgt: Dort wurde die zweijährige Yue Yue gleich zweimal von einem Auto überfahren. Insgesamt 18 Menschen liefen an dem blutenden Mädchen vorbei, ohne zu helfen. Einer der Autofahrer wurde später zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Doch der aktuelle Fall zeigt, dass die Hemmschwellen in Sachen Kinder und Gewalt offenbar noch immer gering sind: Ein Buick-Autohaus in der Nachbarprovinz Liaoning nutzte seinen Account bei Sina Weibo dafür, um für sein GPS-System zu werben. Dies erlaube es, auch ein gestohlenes Fahrzeug zu verschließen. "Warum nicht einen komplett sicheren Buick kaufen?", fragt das Unternehmen. Die bittere Randnotiz: Zwischen den Fotos zweier brandneuer Automodelle ist ein Bild des verstorbenen Babys zu sehen.

Der Online-Markenbeobachter brandchannel.com brandmarkte die geschmacklose Werbung als "das größte PR-Desaster des Jahres in China". Zahlreiche empörte Chinesen forderten zum Boykott der Marke auf. Das Autohaus entschuldigte sich für den unpassenden Werbeauftritt und bedauerte, den Familien des Opfers zusätzlichen Schmerz zugefügt zu haben. Das Posting auf Weibo wurde inzwischen gelöscht.

ala

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