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11. Juni 2018, 18:04 Uhr

Model als Sexsklavin angeboten

Entführer zu mehr als 16 Jahren Haft verurteilt

Wurde das britische Model Chloe Ayling gekidnappt und als Sexsklavin angeboten? Oder war die Entführung fingiert? In dem rätselhaften Fall hat ein italienisches Gericht nun ein Urteil gefällt.

Am Ende setzte sich die Version des Opfers durch: In dem mysteriösen Entführungsfall Chloe Ayling hat ein Gericht in Mailand einen 30-jährigen Mann aus Polen zu einer Gefängnisstrafe von 16 Jahren und neun Monaten verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Lukasz H. das britische Model entführt hatte, um es im Internet zum Verkauf anzubieten und Lösegeld zu erpressen. Seinen Unschuldsbeteuerungen glaubten sie nicht.

Die Entführung war nach Auffassung des Gerichts echt und spielte sich so ab: H. betäubte die junge Frau bei einem inszenierten Fotoshooting am 11. Juli 2017 in Mailand zusammen mit einem Komplizen, so dass sie bewusstlos wurde. Die 20-Jährige wurde dann gefesselt, in einen Kofferraum gesperrt und aufs Land in der Nähe von Turin gebracht.

Danach machten die Entführer Nacktfotos von Ayling und stellten sie ins Internet, um sie so lange als Sexsklavin zu versteigern, bis ein Lösegeld für sie gezahlt werde. H. brachte Ayling jedoch wenige Tage später zurück nach Mailand und ließ sie am 17. Juli in der Nähe des britischen Konsulats frei. So hatte es die Staatsanwaltschaft dargestellt - und auch das Model selbst.

Dem Angeklagten, der in dem Verfahren an einer ganz anderen Version der Ereignisse festhielt, schenkte das Gericht keinen Glauben.

"Ich habe sie geliebt"

H. hatte vor Gericht beteuert, die Entführung sei inszeniert gewesen. Chloe Ayling habe eingewilligt, um ihre Karriere zu befördern, sagte der 30-Jährige. Sie hätten das Spektakel gemeinsam geplant, damit Ayling nach der Geburt ihres Babys wieder aus ihrer finanziellen Misere komme.

H. sagte: "Ich habe diesem Mädchen nie weh getan." Sein angebliches Motiv: "Ich habe sie geliebt." Er sagte, er habe gehofft, dass Ayling durch den Fall berühmt werde, dass sie ihn mit ähnlichen Gefühlen dafür belohnen werde und die beiden das Geld dann teilen würden.

Das Gericht erteilte dieser Variante der Ereignisse jedoch eine klare Absage. Der Richter betonte vielmehr: Die junge Frau hätte während der Entführung sterben können. Er verurteilte H. neben der Freiheitsstrafe auch zu einer Zahlung von 60.000 Euro an Ayling. "Das ist ein wichtiges Urteil", sagte deren Anwalt Francesco Pesce. Er wolle in weiteren Verfahren versuchen, ein Schmerzensgeld von einer halben Million Euro zu erstreiten.

Entführungsfall mit Ungereimtheiten

Der Bruder des Verurteilten wartet derweil noch in London auf seinen Prozess. Der 36-Jährige soll H.s Komplize in dem Entführungsfall gewesen sein, an dem es immer wieder Zweifel gab - wegen verschiedener Ungereimtheiten. Lesen Sie mehr dazu hier.

Zeugenaussagen zufolge hatten H. und das britische Model vor der Entführung Kontakt über Facebook. Sie sollen sich vor Aylings Schwangerschaft zudem mindestens einmal persönlich getroffen haben.

Die Staatsanwaltschaft berief sich schließlich auf mehrere Fakten, die aus ihrer Sicht eine Entführung belegten. Im Schlussplädoyer hieß es zum Beispiel, H. habe seinen Bruder angewiesen, den Kofferraum gründlich sauberzumachen - damit man dort keine Haare von der jungen Frau finden könne.

fok/AP/Reuters

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