Alternatives Viertel in Kopenhagen Christiania schmeißt die Haschdealer raus

Ein Haschdealer hat im Kopenhagener Alternativ-Viertel Christiania zwei Polizisten niedergeschossen, die Bewohner haben genug von der Gewalt und gehen gegen die Dealer vor. Nun verlagert sich die Szene.

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Aus Kopenhagen berichtet Bernd Hauser


Vier junge Frauen sitzen vor dem Eingang zur "Freistadt Christiania" um einen Campingtisch voller Bierflaschen. Besuchern haben sie eine Barriere aus Pappschildern entgegengestellt. "Ausverkauft!" steht darauf. Und: "Unterstütze Christiania! Kauf dein Haschisch woanders!"

Ein Anzugträger stoppt im Vorbeigehen und reckt seinen Daumen: "Gute Aktion!" Ein Mann mit fettigem Haar wankt heran, ruft mit schwerer Zunge: "Wie lange wollt ihr Clowns hier sitzen?"

Die jungen Frauen, die lieber anonym bleiben wollen, sind in Christiania aufgewachsen. Das ehemalige Militärgelände mitten in Kopenhagen wurde vor 45 Jahren von Hippies besetzt und ist seitdem eine autonome Siedlung mit rund 800 Bewohnern. Es ist ein Ort, an dem sich Kopenhagener und Touristen bislang ihr Cannabis fast so selbstverständlich holten wie Bier an einem Kiosk.

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Gegen Drogen in Christiania: Ausverkauft!

Seit Donnerstagabend ist in dem alternativen Viertel vieles anders. Rund 300 Bewohner beschlossen auf einer Versammlung, gegen die organisierte Kriminalität in ihrer Siedlung vorzugehen. Damit stellten sie sich gegen die Rocker, die Teile des Haschhandels im Viertel übernommen haben - keine ungefährliche Entscheidung.

"Bist du auch ein fucking Bulle?"

Freitagmorgen treffen sich die Bewohner in der sogenannten Pusher Street, jener Straße, in der normalerweise das Hasch verkauft wird. Mit Brecheisen, Akkuschraubern und Vorschlaghämmern reißen sie drei Dutzend Verkaufsstände ein. Die Haschverkäufer, viele von ihnen junge Männer mit GI-Haarschnitt und Kapuzenpullover, lassen es geschehen. Die Anwohner sind in der Überzahl.

Auslöser für die Aktion ist ein Vorfall in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag: Zwei Zivilbeamte versuchten, einen Dealer auf seinem Fahrrad unweit der Pusher Street mit seinen Tageseinnahmen zu stoppen. Der Verdächtige riss sich frei, zog eine Pistole und schoss sofort. Einem der Beamten ins Bein, dem anderen in den Kopf. "Bist du auch ein fucking Bulle?", soll er einem unbeteiligten Passanten zugerufen haben - und auch diesem ins Bein geschossen haben.

Der Täter floh, konnte aber wenige Stunden später aufgespürt werden. Beim erneuten Schusswechsel mit einem Sondereinsatzkommando wurde der 25-Jährige getroffen. Er erlag später seinen Verletzungen. Der Polizist mit dem Kopfschuss liegt derzeit noch immer auf der Intensivstation, Ärzte bezeichnen seinen Zustand als kritisch.

Seit dem Vorfall herrscht Empörung in Dänemark, Politiker und Leitartikler verurteilen die Gewalt. Dabei ist dies nur ein Beispiel der immer raueren Atmosphäre in der Pusher Street.

"Als wir Kinder waren, spielten wir Ball mit den Dealern", erinnert sich eine der vier Frauen am Eingang des Viertels. Doch immer wenn die Polizei einen der Händler festnahm, rückten andere nach - oft härtere Jungs von außerhalb des Viertels. Nach einer großen Polizei-Razzia im Juni mit 18 Festnahmen rückten Dealer aus dem Rocker-Milieu nach. Viele von ihnen standen mit Skimützen maskiert in ihren Buden.

Dealer suchen neue Reviere in Kopenhagen

Außerhalb von Christiania, nur wenige Schritte vom Eingangstor entfernt, liegt die sogenannte Erlöserkirche, eine Touristenattraktion. Auf dem Trottoir steht ein Hüne, sein Blick schweift die Straße hinauf und hinab. Die asiatischen Touristen und die Eltern mit Kindern lässt er unbehelligt, aber einigen Passanten zischt er zu: "Skal du ha' hash? - "Willst du Haschisch?"

Schon wenige Stunden nach der Zerstörung der Buden stecken die Dealer neue Reviere ab. Die Kapuzenpulli-Träger könnten künftig an jeder Ecke stehen, der Haschhandel könnte sich, so die Befürchtung, auf die ganze Stadt ausdehnen.

In Kopenhagen wird nun diskutiert, wie sich die Ausbreitung der Drogenkriminalität stoppen lässt. Die linksliberale Tageszeitung Politiken unterstützt den Vorschlag des sozialdemokratischen Bürgermeisters Frank Jensen, der in der Vergangenheit mehrfach forderte, kontrollierte Pilotversuche mit einem legalen Verkauf von Cannabis zu starten.

Doch die Mitte-rechts-Regierung lehnt jegliche Legalisierung ab. "Bei einer Legalisierung wird es mehr Konsum geben, gerade unter Schülern", warnt Preben Bang Henriksen, Sprecher für Justizfragen in der Regierungspartei Venstre.

Irgendeine Lösung des Problems muss her. Die Bewohner von Christiania wollen die Händler nicht in die Pusher Street zurücklassen. Die Dealer aber werden sich die lukrativen Einnahmen nicht entgehen lassen. Die Polizei schätzt den Umsatz in der Pusher Street auf jährlich 100 bis 130 Millionen Euro.



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