Chronologie des Doppelanschlags Norwegens Schwarzer Freitag

Drei schicksalhafte Stunden, mehr als 90 Tote: Ein Doppelanschlag in Oslo und auf der Insel Utøya hat Norwegen traumatisiert. Die Polizei muss sich nun Kritik gefallen lassen - denn erst wurden offenbar Notrufe nicht beachtet, dann fehlte ein Boot. Die Ereignisse im Minutenprotokoll.

Blumen im Zentrum von Oslo: Die ganze Nation trauert um die Toten
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Blumen im Zentrum von Oslo: Die ganze Nation trauert um die Toten


Oslo - Als jede Minute kostbar war, kam es zu schwerwiegenden Pannen bei der norwegischen Polizei: Der Beinaheuntergang eines Bootes und die Entscheidung, auf die Anti-Terror-Einheit aus Oslo zu warten, haben das Einschreiten der Sicherheitskräfte gegen das Massaker auf der norwegischen Insel Utøya verzögert. Ein im benachbarten Hønefoss angefordertes Polizeiboot habe sich für den Transport der Beamten als ungeeignet erwiesen, teilte die Polizei am Sonntag mit.

"Mit so vielen Menschen und Ausrüstung an Bord lief das Boot voll Wasser, und der Motor setzte aus", beschrieb Einsatzleiter Erik Berga die Polizeipanne am Freitag. Das erklärt, warum der 32 Jahre alte mutmaßliche Massenmörder Anders Behring Breivik nach neuesten Berechnungen der Polizei 60 Minuten lang Zeit hatte, um 86 Menschen kaltblütig zu erschießen. Zuvor hatte er nach dem derzeitigen Ermittlungsstand im Regierungsviertel von Oslo mit einer Bombe mehrere Menschen getötet.

Sie könne Kritiker verstehen, die den Sicherheitskräften ein zu langes Zögern vorwerfen, erklärte die Polizeichefin von Hönefoss, Sissel Hammer. "Ich bitte um Verständnis, dass es seine Zeit braucht, um eine Spezialeinheit in Marsch zu setzen", sagte Hammer. "Das Personal muss alarmiert werden, es muss Schutzkleidung anlegen, sich bewaffnen und sich dann zum Tatort aufmachen."

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Oslo: Bewegende Trauerfeier für die Toten
Ein Hubschrauber hätte zu lange gebraucht

Die "Delta" genannte Anti-Terror-Einheit legte die 45 Kilometer lange Strecke von Oslo nach Utøya im Auto zurück, was Oslos amtierender Polizeichef Sveinung Sponheim am Samstag so begründete: "Im Auto ging es schneller, ein Hubschrauberflug hätte zu lange gedauert." Der einzige zur Verfügung stehende Helikopter parkte auf dem rund 50 Kilometer südlich von Oslo gelegenen Flughafen Rygge.

Utøya liegt im Nordwesten der Hauptstadt. In der norwegischen Polizei wird seit langem kritisch angemerkt, dass es der "Delta"-Einheit an Transportmöglichkeiten mangelt. Bei ihrem Eintreffen griff die Spezialeinheit auf Boote von Freizeitkapitänen zurück, um nach Utøya übersetzen zu können, sagte Berga. Dort ergab sich Breivik den Elitepolizisten. Polizeikreisen zufolge wird nun in der Polizei heftig darüber diskutiert, ob die Ortskräfte nicht früher hätten eingreifen müssen.

Die erste Meldung über den Angriff des in eine Polizeiuniform gekleideten Rechtsextremisten ging nach einer offiziellen Übersicht um 17.27 Uhr bei der Polizei in Hönefoss ein - nach Angaben von Camp-Teilnehmern hat es aber schon vorher Versuche gegeben, einen Notruf abzusetzen.

Die ersten Beamten trafen gegen 17.52 Uhr am Bootssteg zur Überfahrt nach Utøya ein, mussten aber "auf ein zuverlässiges Boot warten". Die Sondereinheit erreichte den Anleger um 18.09 Uhr und brauchte 16 Minuten bis zur Insel. Zwei Minuten danach ließ sich Breivik widerstandslos festnehmen.

Die Chronologie der Ereignisse im Minutenprotokoll:

15.32 Uhr: Die norwegische Nachrichtenagentur NTB berichtet von einer heftigen Explosion im Regierungsviertel. Die etwa 600 Jugendlichen auf Utøya hören kurz darauf erste Nachrichten von dem Anschlag in der etwa 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Oslo. Es ist der dritte Tag ihres Feriencamps.

15.58 Uhr: Das Kabinett erklärt, dass Ministerpräsident Jens Stoltenberg zum Zeitpunkt der Detonation nicht in seinem Büro war.

Gegen 16.30 Uhr: Die Jugendlichen empfangen auf ihren Smartphones Bilder des Anschlags in Oslo. Das Ausmaß der Katastrophe wird ihnen bewusst, viele versammeln sich in einem Gebäude und diskutieren darüber. "Wir trösteten uns damit, dass wir auf unserer Insel wenigstens in Sicherheit seien", schreibt eine Camp-Teilnehmerin am nächsten Tag in ihrem Blog.

16.45 Uhr: Der Radiosender NRK meldet mindestens ein Todesopfer durch die Explosion in Oslo.

Gegen 17 Uhr: Ein Mann in Polizeiuniform erreicht mit einem kleinen Boot die Insel Utøya. Er trägt sichtbar zwei Waffen, was in Norwegen ungewöhnlich ist. Zunächst erklärt er, er sei zum Schutze der Jugendlichen gekommen, dann beginnt er plötzlich zu schießen.

17.10 Uhr: Die Polizei bestätigt, dass in Oslo eine Bombe explodiert sei.

Jugendliche, die sich in der Mitte der Insel Utøya versammelt haben, hören vom Ufer Lärm. Zunächst vermuten sie, es handle sich um explodierende Ballons. Als ihnen klar wird, dass geschossen wird, bricht Chaos aus. Mehrere Jugendliche rufen eine Notrufnummer an. Dort wird ihnen jedoch erklärt, sie sollten die Leitung nicht blockieren, falls ihr Anruf nicht mit dem Anschlag in Oslo zu tun habe.

17.15 Uhr: Laut Augenzeugen erreicht der Täter das Gelände, auf dem die Zelte stehen, geht diese systematisch ab und schießt aus kurzer Distanz auf jeden, den er dort vorfindet.

17.20 Uhr: Eine Gruppe versteckt sich in einer dunklen Ecke in einem der wenigen Gebäude auf der Insel.

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Doppelanschlag in Norwegen: Schießerei in Jugendcamp, Bombe in Oslo
17.25 Uhr: Als die Schüsse näher kommen, fliehen die Jugendlichen durch ein Fenster. Einige von ihnen schreiben Textnachrichten an ihre Eltern.

17.27 Uhr: Zeitpunkt des ersten Notrufs an die norwegische Polizei (laut Angaben der Behörde).

17.30 Uhr: Die Jugendlichen fliehen in Richtung der Ufer, einige springen ins kalte Wasser, um sich schwimmend in Sicherheit zu bringen. Der Täter schießt auf alles, was sich bewegt. Ein Mädchen berichtet, wie sie auf dem Körper einer toten Kameradin liegt und dabei versucht, sich möglichst still zu verhalten.

17.38 Uhr: Eine Sondereinheit der Polizei bricht von Oslo nach Utøya auf. Die Einsatzleitung entscheidet, über Land zu fahren, da ein Hubschrauber offenbar nicht unmittelbar einsatzbereit ist.

17.45 Uhr: Der Besitzer eines gegenüber der Insel gelegenen Campingplatzes hört eigenen Angaben zufolge seit mehr als einer halben Stunde Schussgeräusche. Doch erst jetzt wird ihm klar, dass sich auf der Insel etwas Schreckliches abspielen muss. Erste Überlebende erreichen schwimmend das etwa 600 Meter von Utøya entfernte Ufer. Sie berichten, dass andere noch im Wasser angeschossen wurden und vermutlich ertrinken würden. Der Besitzer des Campingplatzes und einige Urlauber fahren mit mehreren kleinen Booten in Richtung der Insel, um Überlebende zu retten.

17.52 Uhr: Erste Polizisten erreichen das Gebiet, da sie aber kein eigenes Boot haben, müssen sie zunächst warten.

17.57 Uhr: In Oslo tritt Ministerpräsident Stoltenberg vor die Kameras und spricht von einer "ernsten Situation".

18.00 Uhr: Vier Jugendliche, die offenbar noch nicht wissen, dass der Polizist auf Utøya in Wahrheit keiner ist, rennen ihm Schutz suchend entgegen. Alle vier werden erschossen. Andere sehen dies aus ihren Verstecken, ohne eingreifen zu können.

18.09 Uhr: Die Sondereinheit der Polizei aus Oslo erreicht das Gebiet gegenüber der Insel Utøya.

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Seite 1
bluemetal 24.07.2011
1. Kritik
Ich kann keinerlei Kritikpunkte erkennen. Eine komplette Spezialeinheit zu alarmieren und in nur 40 Minuten unter erschwerten Bedingungen per Auto und Boot einsatzbereit an den Tatort zu bringen ist Weltklasse. Schneller geht das auch in dt. Bundesländern niemals. Evtl sollte sich aber die sozialistische Regierung mal überlegen in geeignete einsatz und Transportmöglichkeiten zu investieren. Hier erkenne ich das einzige Versagen.
Achim 24.07.2011
2. Kritik
Zitat von bluemetalIch kann keinerlei Kritikpunkte erkennen. Eine komplette Spezialeinheit zu alarmieren und in nur 40 Minuten unter erschwerten Bedingungen per Auto und Boot einsatzbereit an den Tatort zu bringen ist Weltklasse. Schneller geht das auch in dt. Bundesländern niemals. Evtl sollte sich aber die sozialistische Regierung mal überlegen in geeignete einsatz und Transportmöglichkeiten zu investieren. Hier erkenne ich das einzige Versagen.
Und das hier? »17.10 Uhr: ... Mehrere Jugendliche rufen eine Notrufnummer an. Dort wird ihnen jedoch erklärt, sie sollten die Leitung nicht blockieren, falls ihr Anruf nicht mit dem Anschlag in Oslo zu tun habe.«
backtoblack 24.07.2011
3. Überzogen
Zitat von sysopIn nur drei Stunden brachte der Täter mehr als 90 Menschen um: Ein Doppel-Anschlag hat Norwegen traumatisiert. Die Polizei muss sich nun Kritik gefallen lassen - denn erst wurden offenbar Notrufe nicht beachtet, dann fehlte ein Boot zur Überfahrt auf die Insel. Die Ereignisse im Minutenprotokoll. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776324,00.html
Ich finde, die Kritik an den Einsatzkräften ist völlig überzogen. Niemand konnte mit einem solchen Massaker rechnen, dass noch dazu perfide ausgeführt wurde. Niemand konnte in den ersten Stunden auch nur ahnen, was da wirklich vor sich ging. Was man allerdings nmicht erst seit diesem Anschlag wissen muss: Es gibt eine christlich-fundamentalistische, kryptofaschistische Szene in Europa und auch in den USA, die an Terrain gewinnt. Das gesamte rechtliche und alles Fahndungsinstrumentarium der EU muss aufgeboten werden, um dem Einhalt zu gebieten.
aspi01 24.07.2011
4. Kein vorbildlicher Polizeieinsatz
Ein schrecklicher Anschlag. Aber das Verhalten der Polizei erinnert stark an den Bruce-Willis-Spielfilm "stirb langsam", wo in einem Büroturm Geiseln genommen werden, der Hauptdarsteller versteckt sich, ruft über Notruf die Polizei und wird von der Notrufzentrale abgewiesen, er solle sich aus der Leitung begeben, denn die sei nur für Notrufe reserviert. Anschließend verzichtet die "überhebliche" Polizei darauf, die Informationen von "Bruce Willis" über die Geiselgangster zu nutzen. Auch auf der Insel waren hunderte Jugendlich mit Handys, die zur Polizei Kontakt hatten, die Polizei hat diese Informationsquelle aber offensichtlich nicht genutzt. Es muß eigentlich auf Basis der Schilderungen der Anrufer klar gewesen sein, dass es sich womöglich nur um einen einzigen Schützen handelt, der ein Masaker anrichtet. Ein beherztes Eingreifen der lokalen Polizei (private Boote gab es ja offenbar genug!) hätte zwar Polizistenleben riskiert, aber vermutlich dutzenden Jugendlichen das Leben gerettet. Vorbildlich war der Einsatz ganz sicher nicht, ganz im Gegenteil. Und er wird sicherlich ein juristisches Nachspiel haben!
Ylex 24.07.2011
5. Trotzdem eine Bemerkung
Stimmt, es ist allzu leicht, sich auf's Kritisieren zu verlegen, niemand in Norwegen konnte schließlich mit solch einem schrecklichen Ereignis rechnen - aber eine Bemerkung kann ich mir trotzdem nicht verkneifen: Es stand kein Hubschrauber zur Verfügung, der die Polizei minutenschnell zu der kleinen Insel hätte fliegen können, aber was war denn mit dem Militär? Es gibt doch wohl um Oslo herum Hubschrauber und Soldaten, die viel schneller und effektiver hätten eingreifen können... denke ich mal so.
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