Attentat in Boston: CIA wollte Tamerlan Zarnajew auf Terrorliste setzen

Terrorverdächtiger Zarnajew (nach einem Boxkampf 2009): Rückkehr nicht registriert Zur Großansicht
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Terrorverdächtiger Zarnajew (nach einem Boxkampf 2009): Rückkehr nicht registriert

Das FBI hatte Tamerlan Zarnajew längst im Visier, als die Bomben beim Boston-Marathon explodierten - und auch die CIA. US-Politiker wollen nun klären, ob sich die beiden Behörden ausreichend abgestimmt haben. So wurde zwar Zarnajews Ausreise nach Russland registriert, seine Rückkehr aber nicht.

Boston - Der US-Auslandsgeheimdienst CIA hat offenbar bereits rund 18 Monate vor dem Anschlag auf den Bostoner Marathon beantragt, den mutmaßlichen Attentäter Tamerlan Zarnajew auf eine Liste mit Terrorverdächtigen zu setzen. Die CIA habe Informationen zu Zarnajew, die sie am 28. September 2011 von den russischen Behörden erhalten hatte, an die anderen Sicherheitsbehörden weitergegeben. Es habe sich um zwei mögliche Geburtsdaten, seinen Namen und eine Namensvariante gehandelt.

Die Angaben, Hinweise auf Zarnajews islamistische Überzeugungen, seien "praktisch identisch" mit Informationen gewesen, welche die Bundespolizei FBI im März 2011 aus Russland erhalten hatte, sagte der CIA-Mitarbeiter. Zarnajew war daraufhin vom FBI vernommen worden, doch hatte das Verhör "keine negativen Erkenntnisse" erbracht. Das Offenlegen des zweiten Tipps aus Russland wirft bei US-Politikern die Frage auf, ob FBI und CIA es versäumt haben, ihre Erkenntnisse zu teilen. "Das müssen wir untersuchen", sagte der republikanische Senator Dan Coats.

Die Anfrage der CIA führte laut "Washington Post" dazu, dass die nationale Anti-Terror-Zentrale (NCTC) Zarnajew auf die sogenannte Tide-Liste setzte, die Namen verdächtiger Personen enthält und andere Datenbanken mit Informationen füttern soll - darunter auch die Terror-Liste des FBI. So wurde seine Ausreise nach Russland Anfang 2012 registriert. Bei Zarnajews Rückkehr fünf Monate später seien allerdings alle Ermittlungen zu ihm beendet gewesen, so dass seine Einreise unbemerkt geblieben sei, sagte Heimatschutzministerin Janet Napolitano.

Neue Erkenntnisse über die Zündung der Sprengsätze

Der CIA-Mitarbeiter stellte am Mittwoch klar, dass entgegen Berichten von Montag die Daten zu Zarnajew korrekt und in genau der Form, wie sie aus Russland übermittelt wurden, in der Überwachungsliste eingetragen wurden. Aus Kreisen des US-Justizministeriums verlautete, viele Tipps der russischen Behörden würden als unbrauchbar eingestuft, weil deren Verdächtigenlisten auch die Namen von Menschenrechtsaktivisten und politischen Dissidenten enthielten.

Der 26-jährige Tamerlan soll mit seinem jüngeren Bruder Dschochar am Montag vergangener Woche den Bombenanschlag auf den Bostoner Marathon verübt haben. Bei dem Attentat wurden drei Menschen getötet und 264 verletzt. Tamerlan wurde auf der Flucht von der Polizei erschossen, sein 19-jähriger Bruder schwer verletzt gefasst. Die beiden stammen aus einer muslimischen Familie aus Tschetschenien, lebten jedoch seit Jahren in den USA.

Die Bombenexplosionen wurden offenbar mit Hilfe einer Fernbedienung ausgelöst, die in Spielzeugautos verwendet wird. Das berichteten US-Ermittler vor einem Parlamentsausschuss, wie Abgeordnete anschließend mitteilten. Die Bauanleitung zu den Sprengsätzen sollen die beiden mutmaßlichen Attentäter demnach im Islamistenmagazin "Inspire" gefunden haben, das im Internet von al-Qaida im Jemen verbreitet wird. Der Sprengstoff stamme aus einem Geschäft für Feuerwerkskörper in New Hampshire. Erste Ermittlungen hatten darauf hingedeutet, dass die Sprengsätze mit Eieruhren gezündet worden waren.

Die Eltern der Brüder wollen nun zur Unterstützung der Ermittlungen von Russland in die USA reisen. Das sagte der Vater Ansor Zarnajew der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Die Reise sei bei Gesprächen der Eltern mit US-Diplomaten in Machatschkala, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Dagestan, vereinbart worden, hieß es. "Die Eltern haben sich damit einverstanden erklärt, sie werden in die US-Ermittlungen einbezogen", zitierte die Agentur einen namentlich nicht genannten Polizeivertreter. Ansor Zarnajew bestätigte das Treffen in Machatschkala.

Der New Yorker Polizeichef Ray Kelly sagte, die beiden Brüder hätten nach dem Anschlag womöglich nach New York fahren wollen, um dort Party zu machen. Der Fahrer des Wagens, den sie auf der Flucht in Cambridge in ihre Gewalt gebracht hatten, habe in ihrem Gespräch in einer fremden Sprache das Wort "Manhattan" gehört, sagte Kelly. Zudem sei von Party die Rede gewesen. Tamerlan sagte demnach dem Fahrer: "Wir haben gerade einen Polizisten getötet. Wir haben den Marathon in die Luft gejagt. Nun fahren wir nach New York. Mach keinen Ärger."

wit/Reuters/AFP/AP/dpa

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