Clans auf dem Vormarsch Wie die Mafia die Welt erobert

Ob Spiesen-Elversberg, Caracas oder Toronto - die Mafia ist überall. Kein Land der Welt bleibt von den Statthaltern der kriminellen Holdings verschont. Clan-Experte Francesco Forgione hat die Handelsrouten und Wohnorte der Bosse ausgemacht - und nirgendwo sind sie so präsent wie in Deutschland.

Von

Riemann Verlag

Die Hinrichtung des Aufrechten war für Sonntag, den 5. September 2010, angesetzt. Am späten Abend fuhr Angelo Vassallo, Bürgermeister von Pollica, der "Perle des Cilento" am Thyrrenischen Meer, in seinem Audi nach Hause. Kurz vor Ankunft im Ortsteil Acciaroli stoppten Unbekannte den Wagen. Vassallo zog noch die Handbremse, da eröffnete ein Attentäter aus unmittelbarer Nähe schon das Feuer. Von neun Kugeln trafen acht ihr Ziel, durchbohrten Hals, Ohr, Kiefer, Schulter und Brustkorb des Opfers. Eine traf direkt ins Herz.

Vassallo war beliebt, galt als unbestechlicher und engagierter Naturschützer, der auf einen ökologisch vertretbaren Tourismus in der Region setzte. Knapp zwei Wochen vor seinem Tod soll er noch persönlich Drogendealer aus dem Hafengebiet von Acciaroli vertrieben haben, die laut Zeugen große Mengen Rauschgift über den Meerweg in die Stadt gebracht hatten. Eindringlich appellierte Vassallo an die Polizei, häufiger zu patroullieren und dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Seine Bitten wurden gehört, aber offenbar von den falschen Leuten. Die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft von Salerno hält es trotz mangelnder Beweise für wahrscheinlich, dass der Mord auf offener Straße ein Racheakt der Camorra war, die in Kampanien nicht nur den Drogenhandel kontrolliert, sondern auch Interesse an Immobilien und Bauaufträgen im touristisch attraktiven Nationalpark Cilento hat.

In Italien sorgte der Fall für Aufruhr und Empörung bei Politikern jeder Couleur. In Deutschland war das Medienecho verhalten - wie immer, wenn die Mafia nicht gerade vor der eigenen Haustür mordet.

Kein Blut, keine Mafia

"Solange kein Blut in den Straßen fließt, glaubt keiner an die Mafia", ärgert sich Francesco Forgione, ehemaliger Leiter der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission unter der Regierung Prodi. "Der Tod Vassallos macht mich wütend, er zeigt, dass die Gesellschaft noch immer nicht genügend Antikörper gegen das organisierte Verbrechen entwickelt hat, dass die Behörden ihn alleingelassen haben."

Forgione - dunkle Locken, ergrauter Dreitagebart, schlichte Brille - sitzt in seiner kleinen Dachgeschosswohnung in Rom, von der aus man einen grandiosen Blick auf die Stadt hat. Er nippt beiläufig an einem extrem starken kalabrischen Espresso und atmet tief durch.

"Auch die deutschen Behörden haben die Augen vor der Realität verschlossen, bis das Massaker von Duisburg im August 2007 sie wachgerüttelt hat." Bereits im Januar 2000 habe das Bundeskriminalamt einen sehr detaillierten Bericht über die Tätigkeit der kalabrischen Mafia in Duisburg verfasst, "Analyse: San Luca", so der Titel. Eine ausgezeichnete, vollständige Zusammenfassung der illegalen Aktivitäten der 'Ndrangheta - allerdings ohne Folgen. Man habe das Problem als rein italienisches begriffen, bis zu dem Zeitpunkt, als sechs Leichen vor dem Restaurant Da Bruno lagen: "Da war es plötzlich auch ein deutsches Problem", sagt Forgione und trommelt mit den Fingerkuppen auf den Tisch vor sich.

Duisburg liegt strategisch günstig an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden, den Haupteinfallstoren für Kokain in Europa. "Es ging bei dem Mehrfachmord doch nicht nur um eine Blutfehde unter Clan-Rivalen", erklärt Forgione. Nicht ohne Grund seien fast alle Tatverdächtigen in Amsterdam festgenommen worden. Außerdem habe man bei der Verhaftung von Giuseppe Nirta im November 2008 eine Million Euro in bar gefunden. Nein, das Massaker in Nordrhein-Westfalen sei "nur eine weitere Etappe im Krieg um die Vorherrschaft im internationalen Drogen- und Waffenhandel gewesen", so der Experte.

"Deutschland ist am besten kolonialisiert"

"Duisburg hat ein wesentliches Problem enthüllt, das der Heuchelei", sagt Forgione. "Das Geld der Mafiosi wird auf der ganzen Welt gern genommen, immer in der Hoffnung, dass die Mafia selbst dem eigenen Terrain fernbleibt. So funktioniert das aber nicht." Früher seien die Mafiosi den Migrationsflüssen gefolgt, heute seien es die Finanzströme, die sie anziehen: "Wir müssen das organisierte Verbrechen da suchen, wo man es nicht sieht", so der 50-Jährige.

Ob Deutschland derzeit das für die Mafia attraktivste Land in Europa sei? "Nein, aber das am besten kolonialisierte." Die Ermittlungstechnik sollte dem Rechnung tragen: "Wir müssen nicht nur Kalabrier oder Sizilianer in Deutschland suchen, sondern die deutschen Notare und Anwälte, die für sie arbeiten - alle unbescholtenen Bürger und Strohmänner, die über Reinvestitionen bei der Geldwäsche helfen."

Außerdem gelte es, wenigstens auf EU-Ebene endlich gemeinsame Ermittlungstechniken und -instrumente, aber auch gleiche Gesetze einzuführen. Laut Forgione trifft man in ganz Europa - abgesehen von Komplizenschaft und Korruption - in den Behörden auf eine Art Betriebsblindheit, eine Tendenz zur Verharmlosung des Phänomens Mafia. Ob Kanada, Mexiko oder Venezuela - kein Land ist inzwischen von dem verschont, was Forgione die "heimliche und seit Jahrzehnten andauernde Kolonialisierung der Welt" nennt.

Seit 25 Jahren kämpft der Altkommunist, Journalist, Soziologe, Politiker und Universitätsprofessor gegen die ehrenwerten Gesellschaften, die längst zu international operierenden Holdings geworden sind - mit aalglatten Staranwälten, exzellenten Wirtschaftsberatern, Hightech-Equipment und modernen Kommunikationsstrukturen.

"Die Mafia hat keine Ideologie"

In seinem Buch "Mafia Export" beschreibt Forgione detailliert und kenntnisreich, wie Cosa Nostra, 'Ndrangheta und Camorra geschätzte 130 Milliarden Euro im Jahr umsetzen. Wie sie etwa die Hälfte davon in Schmuggel, Drogen- und Waffenhandel sowie die Gehälter ihrer "Angestellten" und die Unterstützung inhaftierter "Mitarbeiter" investieren. Und wie sie dann die verbliebenen 50 Prozent in die legale Wirtschaft pumpen, das Geld so reinwaschen wie die Bettlaken einer sizilianischen Jungfrau.

So wurde die spanische Costa del Sol längst in "Cosca del Sol" oder "Costa Nostra" umgetauft, nach den kalabrischen und sizilianischen Mafiosi, die hier weitgehend ungestört von den Behörden kräftig in Tourismus, Gastronomie, Lebensmittelbranche und Rauschgifthandel investieren. Laut Forgione gab es in den vergangenen 15 Jahren "keine größere Ladung Drogen aus Südamerika oder Afrika, die nicht über Spanien nach Europa gelangt wäre". Es käme sogar zu Absprachen unter den verschiedenen italienischen Gruppierungen, um die Importpreise stabil zu halten.

Anhand der Geschichte des in Venezuela lebenden ehemaligen Abgeordneten der Democrazia Cristiana (DC), Aldo Miccichè, zeichnet Forgione nach, wie Politik, Pharmaindustrie und organisierte Kriminalität über Tausende Kilometer hinweg ihre gemeinsamen Interessen durchsetzen. Über einen Mittelsmann soll Miccichè Kontakt zu Premier Silvio Berlusconis rechter Hand, Marcello Dell'Utri, aufgenommen haben. "Wenn wir mit Dell'Utri reden, heißt dies, dass wir in Berlusconis Vorzimmer stehen (…), also packen wir es an", sagte der Politiker laut Abhörprotokoll.

"Senator Dell'Utri ist sicher eine der beunruhigendsten Figuren, was die Zusammenarbeit der neuen Rechten mit der Mafia betrifft", sagt Forgione. Die politisch Einflussreichen in Italien teilen sich demnach in zwei Lager: Die einen sind gegen die Mafia, die anderen werden von ihr genährt und gefördert. Es gelte aber wie stets in der 200-jährigen Geschichte der Clans: "Die Mafia hat keine Ideologie. Sie ist weder links noch rechts, sie sucht die Verbindung zur Macht und nutzt sie - egal wer gerade am Hebel sitzt."

"Kauft, was immer zu kriegen ist"

Forgione erzählt in seinem Buch kleine Anekdoten von Mafiosi, die in Nürnberg ihre Waffen in der Mikrowelle einer Pizzeria ablegen, bevor sie dort ihre Kollegen treffen. Aber auch große Geschichten von mächtigen Waffenhändlern, skrupellosen Deals mit Hilfsgütern und gigantischen Summen, die täglich rund um den Globus mit schmutzigen Geschäften verdient und dann reingewaschen werden. Auch auf historische Umwälzungen reagieren die Clans flexibel. So ergaben Abhöraktionen italienischer Ermittler kurz nach dem Fall der Mauer, dass die Bosse aller Gruppierungen unisono den Befehl an ihre Leute ausgaben: "Kauft, was immer zu kriegen ist." Auch, dass die Capos kräftig von der Finanzkrise profitierten, ist kein Geheimnis.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.