Deutsche Sekte in Chile Eine Million Euro für Opfer der Colonia Dignidad

Den Opfern der berüchtigten Sektensiedlung Colonia Dignidad soll im kommenden Jahr mit einer Million Euro geholfen werden. Das hat der Bundestag in einer nächtlichen Sitzung beschlossen.

Schule auf ehemaligem "Colonia Dignidad"-Gelände
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Schule auf ehemaligem "Colonia Dignidad"-Gelände

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Anfang Juli war die Empörung bei vielen Bundestagsabgeordneten noch groß: Von einem "Affront" sprach Renate Künast (Grüne), von einem "Skandal" der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Michael Brand.

Die Bundesregierung hatte dem Bundestag ein Konzept vorgelegt, wie die Verbrechen in der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad ("Kolonie der Würde") in Chile aufgearbeitet und den Opfern mit Hilfsleistungen geholfen werden sollte. Zwar sah der fünfseitige Vorschlag zum Beispiel vor, die verbliebenen Bewohner in der Villa Baviera, wie die Siedlung heute heißt, mit psychosozialer Betreuung zu unterstützen, individuelle Zahlungen aber wurden ausdrücklich ausgeschlossen. Von einem "kalten und zynischen Bürokratenpapier" hatte CDU-Mann Brand daraufhin gesprochen.

Auf Betreiben der beiden Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD hat der Haushaltsausschuss des Bundestags in der vergangenen Nacht nun doch beschlossen, den Opfern der Colonia Dignidad auch mit Geld zu helfen. Demnach sind für das kommende Jahr im Haushalt eine Million Euro für konkrete und direkte Leistungen vorgesehen. "Das war ein harter Kampf. Ich bin froh, dass dieses so wichtige Ziel jetzt erreicht werden konnte", sagte Brand dem SPIEGEL.

Die Colonia Dignidad war ein Ort des Grauens: Kinder und Jugendliche deutscher wie chilenischer Herkunft wurden sexuell missbraucht, Bewohner mit Elektroschocks gepeinigt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, Gegner des chilenischen Diktators Augusto Pinochet zu Hunderten gefoltert und zu Dutzenden getötet. Die damals minderjährigen Opfer leben heute meist verarmt und größtenteils traumatisiert in Chile oder auch in Deutschland, wohin immer mehr der ehemaligen Bewohner mittlerweile zurückgekehrt sind.

"Kein Ruhmesblatt"

Jahrzehntelang blieben die Verbrechen in der Kolonie, die Sektenführer Paul Schäfer 1961 gegründet und bis zu seiner Flucht 1997 angeführt hatte, weitgehend unentdeckt. Auch deshalb, weil Führungsmitglieder der Sekte enge Kontakte zu deutschen Politikern und Diplomaten hielten und deutsche Ämter und die Botschaft in Santiago de Chile nicht so genau hinsahen.

Erst 2016 bekannte sich der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier in einer Rede zu der Verantwortung seines Ministeriums. "Nein, der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amtes", sagte der SPD-Politiker bei einer Veranstaltung im April 2016 vor 400 Gästen, unter denen auch viele ehemalige Bewohner der Sektensiedlung waren. Steinmeier kündigte Aufklärung an und gab kurz darauf bislang gesperrte Akten zur Colonia Dignidad frei.

Monate später einigten sich Union, SPD und Grüne nach langen Verhandlungen auf den gemeinsamen Antrag: Sie riefen darin die Bundesregierung auf, Maßnahmen zu ergreifen, um die strafrechtlichen Ermittlungen in Deutschland und in Chile voranzutreiben. Eine Begegnungs- und Gedenkstätte sollte aufgebaut werden.

Vor allem aber sollte den früheren Bewohnern und den Opfern von Schäfers brutalem Treiben geholfen werden: mit psychosozialen Betreuungsangeboten etwa, aber auch mit konkreten Hilfsleistungen über einen Hilfsfonds. In dem Konzept des Auswärtigen Amtes aber war davon nicht mehr die Rede. Das Ministerium hatte offenbar Sorge, mit Zahlungszusagen einen Präzedenzfall für Opferentschädigungen zu schaffen.

Hilfskonzept soll Verteilung regeln

Mit dem nächtlichen Beschluss habe das Parlament dem Auswärtigen Amt gezeigt, "dass es nicht mit sich spielen lässt", sagt Michael Brand. "Die Opfer von Zwangsarbeit, Folter und Missbrauch brauchen konkrete Unterstützung. Es wird Zeit, dass den Worten endlich Taten folgen."

Für Matthias Bartke (SPD), den Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales, stellt sich die Politik nun endlich ihrer Verantwortung. "Die schrecklichen Verbrechen in der Colonia Dignidad konnten nur geschehen, weil die deutsche Botschaft in Chile seinerzeit trotz vieler Hilferufe nicht eingeschritten ist. Dieses Nichthandeln war eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegsdiplomatie", sagte Bartke dem SPIEGEL.

"Mit dem jetzt beschlossenen Haushaltstitel wollen wir den Opfern der Colonia Dignidad daher dringend notwendige Unterstützungsleistungen ermöglichen", sagte er. Für andere Vorhaben, etwa dem Aufbau der Begegnungs- und Gedenkstätte, hatte die Bundesregierung bereits 800.000 Euro vorgesehen.

Die nun beschlossene eine Million Euro ist mit einem Sperrvermerk versehen, bis ein Hilfskonzept klar regelt, wie das Geld verteilt werden soll. Dafür hat sich bereits am 10. Oktober eine "Gemeinsame Kommission zur Umsetzung des Hilfskonzepts für die Opfer der Colonia Dignidad" konstituiert. Sie besteht aus Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen sowie Vertretern der Bundesregierung. "Fraktionsübergreifend wollen wir zeitnah zu Ergebnissen kommen, zu lange wurden die Opfer ignoriert", sagen Brand und Bartke.

Die Kommission will bereits im November und Dezember in zwei Sitzungen Experten und Vertreter von Opferverbänden in Berlin anhören. Bis Sommer 2019 soll dann das Konzept erarbeitet werden.

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