Colonia Dignidad: Chile verlangt Auslieferung von deutschem Sektenarzt

Der in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Kindesmissbrauch verurteilte Arzt Hartmut Hopp soll nach Südamerika ausgeliefert werden. Dies beantragte das Oberste Gericht in Santiago. Der Vizechef der berüchtigten Colonia Dignidad war aus dem Andenstaat nach Deutschland geflohen.

Der "Sektenarzt" Hartmut Hopp im August in Deutschland Zur Großansicht
dapd

Der "Sektenarzt" Hartmut Hopp im August in Deutschland

Santiago - Die Richter des Obersten Gerichtshofes in Santiago de Chile beriefen sich in ihrem Antrag auf die Konvention von Havanna. Diese ermöglicht eine Auslieferung, auch wenn es kein entsprechendes Abkommen zwischen zwei Ländern gibt, wie dies bei Deutschland und Chile der Fall ist. Die Voraussetzung: Es muss sich bei den Vorwürfen um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handeln.

Hopp galt als rechte Hand des verstorbenen Leiters der Colonia Dignidad ("Kolonie der Würde"), Paul Schäfer. Die chilenische Justiz wirft Hopp Kindesmissbrauch und Folter während der Militärdiktatur vor.

In Deutschland hat die Staatsanwaltschaft Krefeld im August Ermittlungen gegen den Arzt aufgenommen. Der war laut eigenen Angaben Mitte Mai über Paraguay und Argentinien aus Chile geflüchtet. Er soll sich in Krefeld aufhalten.

Der ehemalige Nazi-Offizier Schäfer war nach jahrelanger Flucht 2005 in Argentinien gefasst und dann nach Chile überstellt worden. Dort wurde er 2006 wegen sexuellen Missbrauchs von rund 20 Kindern in der Siedlung zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er starb im vergangenen Jahr im Alter von 88 Jahren in einem Gefängniskrankenhaus.

Neben sexuellem Missbrauch sollen in der sektenartig organisierten Colonia Dignidad während der von 1973 bis 1990 dauernden Militärdiktatur Augusto Pinochets auch politische Gefangene zu Tode gefoltert worden sein. Die Kolonie, die inzwischen Villa Baviera ("Bayerisches Dorf") heißt, diente auch als Fluchtburg für Alt-Nazis. Nach außen hin wurde sie als landwirtschaftliches Vorzeigeprojekt präsentiert. Im Innern herrschten Psychoterror, Unterdrückung, Zwang zur Beichte und die Pflicht zum absoluten Gehorsam.

In E-Mails an SPIEGEL ONLINE hatte Hopp mehrfach bestritten, an Kindesmissbrauch, Menschenrechtsverletzungen oder anderen strafrechtlichen Verstößen beteiligt gewesen zu sein. Von den Opfern in der Colonia Dignidad will er nichts gewusst haben. Dabei litten in der hermetisch abgeriegelten Siedlung fünf Autostunden südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago viele Menschen. Bis zu 500 Auswanderer hatten seit 1961 in der deutschen Exklave gelebt.

ala/AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Colonia Dignidad
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback