Colonia Dignidad: Deutsche Ärztin wegen Kinderfolter verhaftet

Ein unfassbares Geständnis: Die deutsche Ärztin Gisela Seewald hat zugegeben, Mitte der 70er Jahre Kinder und Jugendliche in der berüchtigten Colonia Dignidad in Chile mit Elektroschocks und Beruhigungsmitteln misshandelt zu haben. Jetzt wurde die 75-Jährige verhaftet.

Santiago de Chile - Wie Medien am Dienstag unter Berufung auf Justizkreise berichteten, stellte Untersuchungsrichter Jorge Zepeda am Montag in Santiago de Chile einen Haftbefehl gegen Gisela Seewald aus. Die Ärztin habe gestanden, in der sektenartig organisierten deutschen Siedlung in Südchile zwischen 1975 und 1978 als Klinikleiterin zahlreiche Minderjährige mit Elektroschocks und Beruhigungsmitteln misshandelt zu haben.

Wie die Zeitung "La Tercera" berichtete, sagte die Ärztin gegenüber dem Ermittlungsrichter aus, die Minderjährigen seien unter anderem gefoltert worden, wenn sie sich den sexuellen Misshandlungen durch Siedlungsleiter Paul Schäfer widersetzen oder andere Anordnungen nicht befolgen wollten. Nach Angaben des Blattes hatte der Richter Dutzende Opfer der deutschen Ärztin interviewt, die heute alle zwischen 30 und 40 Jahre alt seien.

Der Richter habe nun fünf Tage Zeit, um Anklage gegen die Deutsche zu erheben. Er wolle außerdem ihren Nachfolger sowie mehrere Ex-Krankenschwestern der "Colonia Dignidad" unter Anklage stellen.

Die "Colonia Dignidad" war 1961 von deutschen Einwanderern unter Führung von Schäfer nahe der südchilenischen Stadt Parral gegründet worden. Menschenrechtsanwälte meinen, die Kolonie habe neben anderen kriminellen Aktivitäten auch international mit Waffen gehandelt und Gegner der Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet (1973 bis 1990) ausspioniert. Schäfer tauchte 1997 unter. Erst im März dieses Jahres wurde er in Argentinien festgenommen und an Chile ausgeliefert. Der 85-jährige war in Chile im November 2004 in Abwesenheit bereits wegen wegen sexuellen Missbrauchs von 27 Kindern verurteilt worden. Ihm werden nun unter anderem das Verschwinden eines Dissidenten in der Siedlung zu Beginn der Militärherrschaft Pinochets sowie mehrere Vergewaltigungen zur Last gelegt.

In der "Colonia Dignidad" hatten jahrzehntelang zumeist deutsche Staatsangehörige in sektenähnlicher Gemeinschaft von der Außenwelt weitgehend abgeschlossen gelebt. Nach den Skandalen wurde die 13.000 Hektar große Kolonie in "Villa Baviera" umgetauft. Heute leben dort noch etwa 300 deutsche Auswanderer und ihre Familienangehörigen.

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