Verbrechen der Colonia Dignidad Deutsche Staatsanwälte ermitteln in Chile

Eine Juristen-Delegation reist nach SPIEGEL-Informationen am Sonntag nach Chile. Sie will Zeugen für Ermittlungen befragen, die sich gegen ehemalige Sektenmitglieder der Colonia Dignidad in Deutschland richten.

Ehemaliges Gelände der Colonia Dignidad in Chile
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Ehemaliges Gelände der Colonia Dignidad in Chile

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Die Reise sollte bereits im vergangenen Dezember stattfinden, sie wurde auf Bitten der chilenischen Regierung kurzfristig verschoben. Nun aber macht sich nach SPIEGEL-Informationen am Sonntag eine Delegation aus fünf Juristen auf den Weg nach Santiago de Chile, um mit Hilfe chilenischer Kollegen fünf Tage lang in dem Land zu ermitteln. Es geht um die Verbrechen in der Colonia Dignidad, einer deutschen Siedlung in Chile um den Sektenführer Paul Schäfer.

Die Colonia Dignidad ("Kolonie der Würde") war ein Ort des Grauens: Kinder und Jugendliche deutscher wie chilenischer Herkunft wurden sexuell missbraucht, Bewohner mit Elektroschocks gepeinigt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, Gegner des chilenischen Diktators Augusto Pinochet zu Hunderten gefoltert und zu Dutzenden getötet.

Jahrzehntelang blieben die Verbrechen in der Siedlung, die der Jugendbetreuer Paul Schäfer 1961 in Chile gegründet und bis zu seiner Flucht 1997 angeführt hatte, weitgehend unentdeckt. Bis heute dauert die juristische Aufarbeitung an.

Die Delegation besteht aus zwei Vertretern des Bundesjustizministeriums, zwei Oberstaatsanwälten aus Nordrhein-Westfalen und einer Abteilungsleiterin im Auswärtigen Amt. Die Juristen treffen unter anderem die chilenischen Sonderermittler Hernán González und Mario Carroza sowie Opferanwälte. Vor allem aber wollen sie auch Zeugen befragen für ihre Ermittlungen, die sie gegen ehemalige Siedlungsbewohner in Deutschland führen.

Zu diesen gehört zum Beispiel Hartmut Hopp, der ehemalige Arzt der Colonia Dignidad. Hopp war bereits im November 2004 in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung in mehreren Fällen zu fünf Jahren und einem Tag Gefängnis verurteilt worden. Im Januar 2013 hatte der Oberste Gerichtshof in Santiago de Chile das Urteil bestätigt. Da aber lebte Hopp mit seiner Frau Dorothea, einst Krankenschwester der Siedlung, schon längst unbehelligt in Krefeld. Er hatte sich dem Gefängnis 2011 durch eine schnelle Flucht entzogen.

Im August vergangenen Jahres hatte das Landgericht Krefeld auf Antrag der Staatsanwaltschaft entschieden, dass die in Chile verhängte Freiheitsstrafe gegen Hopp in Deutschland vollstreckt werden kann. Hopps Rechtsanwalt legte daraufhin Beschwerde beim Oberlandesgericht Düsseldorf ein, die Entscheidung steht noch aus.

Darüberhinaus führen die Krefelder Staatsanwälte aber noch eigene Ermittlungen gegen den Arzt, wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch, Körperverletzung aufgrund medizinisch nicht indizierter Verabreichung von Psychopharmaka und wegen Mord an politisch Gefangenen.

Auch in einem anderen Fall ermitteln die Strafverfolgungsbehörden gegen einen mutmaßlichen Täter aus der Kolonie. Die Staatsanwälte hoffen nun, dass sie der Austausch mit den chilenischen Kollegen und die Aussagen der Zeugen in diesen oft zähen Verfahren weiterbringen.

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