Colonia Dignidad Staatsanwaltschaft will gegen Sektenarzt vorgehen

Ein früherer Arzt der Sekte Colonia Dignidad wurde in Chile zu Haft verurteilt - und lebt als freier Mann in Deutschland. Die Krefelder Staatsanwalt wird nach SPIEGEL-Informationen beantragen, das Urteil zu vollstrecken.

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Tor zur ehemaligen Villa Baviera: Heute eine Touristenattraktion
AFP

Tor zur ehemaligen Villa Baviera: Heute eine Touristenattraktion


Er lebt in einem unscheinbaren Haus in der Innenstadt von Krefeld, vier Parteien, ein gemeinsamer Briefkasten, Hartmut Hopp wohnt oben. Er öffnet nicht die Tür, mit Journalisten möchte der ehemalige Arzt der Sekte Colonia Dignidad nicht sprechen. Zumindest nicht, solange die Staatsanwaltschaft Krefeld gegen ihn ermittelt - wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern, wegen der missbräuchlichen Vergabe von Medikamenten und wegen der Beteiligung am Mord dreier politischer Gefangener unter Diktator Augusto Pinochet.

Die Colonia Dignidad, jene berüchtigte, deutsche Siedlung in Chile, war ein Ort vieler Verbrechen. Die Jungen wurden von Sektenchef Paul Schäfer missbraucht, die Mädchen geschlagen und gedemütigt. Wer nicht gehorchte, wurde mit Elektroschocks gequält und mit Psychopharmaka betäubt. Mindestens 30 politische Gefangene des Regimes unter General Augusto Pinochet wurden in der Kolonie gefoltert und anschließend ermordet. Am 18. Februar läuft ein Spielfilm in den Kinos an, der das Grauen sehr authentisch zeigt: "Colonia Dignidad - es gibt kein Zurück", mit Emma Watson und Daniel Brühl in den Hauptrollen.

"Genauer Kenner der Situation"

In den letzten Jahren haben die verbliebenen Sektenmitglieder aus der Kolonie eine Touristenattraktion gemacht. In der Villa Baviera gibt es Schweinshaxen, Strudel und ein Oktoberfest im November. Andere ehemalige Koloniebewohner, rund 120, sind nach Deutschland zurückgekehrt.

Paul Schäfer, der seine Siedlung zynischerweise "Kolonie der Würde" genannt hatte, starb 2010 mit 88 Jahren, fünf Jahre, nachdem er in Chile ins Gefängnis gekommen war. Mehrere Führungsmitglieder der Sekte wurden in Chile in den vergangenen Jahren verurteilt, viele sind in Haft.

Auch Hartmut Hopp verurteilte ein chilenisches Gericht 2004 wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung in mehreren Fällen zu fünf Jahren und einem Tag Freiheitsstrafe. Anders als Sektenführer Paul Schäfer habe der Mediziner zwar wohl keine Kinder sexuell missbraucht, er sei aber ein "genauer Kenner der Situation" gewesen, hieß es in dem Urteil. Es wurde vom Obersten Gerichtshof in Santiago de Chile 2013 in dritter Instanz bestätigt. (Lesen Sie mehr dazu im aktuellen SPIEGEL.)

War der Prozess gegen Hopp fair?

Hartmut Hopp aber entfloh der drohenden Haft, zusammen mit seiner Frau und seinem chilenischen Adoptivsohn kam er 2011 nach Deutschland. Ein Auslieferungsersuchen der chilenischen Regierung im selben Jahr lehnte Deutschland ab. Daraufhin schickte Chile 2015 ein Ersuchen, die Strafe gegen Hopp in Deutschland zu vollstrecken.

Nach Informationen des SPIEGEL wird die Staatsanwaltschaft Krefeld in den nächsten Wochen tatsächlich beim Landgericht einen Antrag auf Strafvollstreckung gegen den ehemaligen Sektenarzt stellen. In dem sogenannten Exequaturverfahren geht es nicht darum, erneut die Schuld des Angeklagten festzustellen, es wird nur untersucht, ob der Schuldspruch in Chile nach rechtsstaatlichen Prinzipien zustande kam. Sehen das die Richter als gegeben, könnte Hopp in Haft kommen.

"Es wird zu prüfen sein, ob der Beschuldigte ein faires Verfahren hatte", sagte der Krefelder Oberstaatsanwalt Axel Stahl dem SPIEGEL. "Immerhin wurde er mehrfach angehört, er hatte das Recht, sich zu verteidigen, es gab zweimal die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen." Hopps deutscher Verteidiger, Helfried Roubiček, sagte dem SPIEGEL, die Anklagen fänden im Urteil "keine hinreichende Begründung". Zudem erfülle die alte chilenische Strafprozessordnung "nicht die grundsätzlichen Erfordernisse eines fairen Prozesses". So sei etwa die Unabhängigkeit des Richters nicht gegeben, da dieser zuvor die Rolle des Staatsanwalts eingenommen habe.

Das Verfahren wird wohl viele Monate dauern. Solange bleibt Hartmut Hopp ein freier Mann.

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