Colton Harris-Moore Barfuß-Bandit muss sieben Jahre ins Gefängnis

Sein Erkennungszeichen war der nackte Fußabdruck: Amerikas schlauester Dieb hat zwei Jahre lang die Polizei genarrt. Nun wartet das Gefängnis auf ihn, Hollywood - und vielleicht ein besseres Leben.

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Washington - Die Zeitungen feierten ihn als "Barfuß-Banditen", seine Fans bejubelten ihn als modernen Jesse James, und für die US-Polizei war er eine harte Nuss. Doch am härtesten, meint seine Richterin, hat Colton Harris-Moore an seiner eigenen Geschichte zu knacken: Die handelt von einem vernachlässigten Jungen, der in seiner Not zum Meisterdieb wurde. Seine Kindheit war "eine einzige Tragödie", begründete Vickie Churchill ihr verhältnismäßig mildes Urteil für den 20-Jährigen: sieben Jahre Gefängnis.

Seine orangefarbene Häftlingskleidung lässt Harris-Moore mit dem braunen Kurzhaarschopf jungenhaft wirken. Fast klingt sein Bekenntnis wie eine Erlösung: "Schuldig", erklärt er mit schüchterner Stimme. Und sein Blick schweift über die Zuschauertribüne des Gerichtssaals des Städtchens Coupeville. Dort sitzen etliche seiner traumatisierten Opfer. Bewohner von Island County, in deren Häusern er sich gelegentlich bedient hat, deren Autos und Boote er gestohlen oder zerstört hat. Besitzer von Lebensmittelläden, die er um Geld und ein Blech Croissants erleichterte. Eltern von Kindern, die aus Furcht vor dem Dieb nicht mehr allein in ihren Zimmern schlafen wollten. Bis er schließlich hinter Gittern saß.

Das geschah im Sommer 2010 - nach einem zwei Jahre langen Katz und Maus-Spiel mit der Polizei. Amerikas schlauester Dieb ging den Ermittlern nach einer atemlosen Jagd ins Netz: Nach einer Bruchlandung auf den Bahamas; in einem geklauten Kleinflugzeug, das er selbstverständlich ohne Pilotenschein geflogen hat.

Er fror, hungerte und ertrug seine betrunkene Mutter

Das Fliegen hat Colton Harris-Moore sich mit Videos und Handbüchern beigebracht. Den Rest lehrte ihn das Leben, in dem er sich früh allein durchschlagen musste. Seine Mutter war Alkoholikerin, sein Vater ein Trinker und Junkie. Er ging fort, als Colton zwei Jahre alt war.

In einem ärmlichen Wohncontainer-Park auf der Insel Camano an der Küste des Bundesstaats Washington fristete der kleine Colton nach Aussagen eines Zeugen ein Dasein, "das schlechter ist als das eines Hundes". Er fror, hungerte und ertrug die Erniedrigungen seiner stets betrunkenen Mutter. Zum ersten Mal klaute er, weil sein Magen knurrte: eine Tiefkühlpizza und Kekse. Seine Kleidung war ihm zu klein. Mitschüler hänselten ihn. Mit zwölf brach Colton in ihre Häuser ein, um etwas zu Essen zu finden. Seine Mutter investierte die Sozialhilfe lieber in Alkohol und Zigaretten.

Aktenkundig wurde Colton zum ersten Mal mit zwölf. Mit 13 saß er seine erste Haftstrafe ab. Und mit 15 tauchte er unter. 2007 wurde der blasse Junge mit dem Lockenkopf zu drei Jahren Jugendhaft verknackt. Schon nach einem Jahr gelang ihm die Flucht - und die Abenteuergeschichte begann. Im November 2008 knackte der Junge eine Cessna 182 auf den Orcas-Inseln. "Das Glücksgefühl beim Countdown und Abheben und die Verwirklichung eines Traums waren überwältigend", sagte er am Freitag vor Gericht. "Ich hatte mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet."

"Handlungen eines depressiven, suizidgefährdeten jungen Mannes"

Weil irgendwann der Tank leer ist, kracht die Maschine ins Yakama-Indianer-Reservat. An der Windschutzscheibe finden die Ermittler einen nackten Fußabdruck. Der begegnet ihnen künftig, wo immer sein Raubzug den "Barfuß-Banditen" hinführt.

Während die Polizei ihn jagt, wird Colton Kult: Zehntausende folgen der Facebook-Fangemeinde, die ihn als "freien Geist", "wahre Legende" oder "Huckleberry Finn" bezeichnen. Sie bejubeln einen Jungen, der nach Ansicht der Psychologen gefährdeter ist, als viele meinen. "Was Medien als Abenteuer eines gewieften Teenagers feiern, sind tatsächlich Handlungen eines depressiven, vielleicht sogar suizidgefährdeten jungen Mannes mit einem posttraumatischen Stress-Syndrom", so ein Gerichtsgutachter.

Hilflos wirkte Colton dann auch, als der Richter ihn fragte, ob er seine Rechte kenne. "Ja", antwortete er leise. Sein erstes Schuldbekenntnis hat dem "Barfuß-Banditen" im Juni bereits vor einem Bundesgericht ein mildes Strafmaß von ein paar Jahren garantiert. Es kommt im Januar zu den verhängten sieben Jahren Haft noch dazu.

Doch nicht nur das Gefängnis wartet auf den Meisterdieb: Hollywood will einen Filmstar aus ihm machen. Die zu erwartenden 1,3 Millionen Dollar, die Harris-Moore für die Filmrechte von Century Fox bekommt, darf er laut Richterspruch jedoch nicht behalten. Der junge Mann, dessen größter Traum es war, reich zu sein, hat das Honorar bereits verplant: Er will all seine Opfer entschädigen.

jbr/dpa



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