Compton in Kalifornien Die Hauptstadt der Morde

Die Stadt Compton in der Nähe von Los Angeles ist einer der gefährlichsten Orte der USA. In kaum einer anderen Stadt ist das Risiko größer, auf offener Straße erschossen zu werden. Hilfe ist nicht in Sicht - Compton kann sich keine Polizei leisten.

Von Joachim Hoelzgen


Dunst und Smog liegen über Compton, fast täglich steigt aber auch Pulverdampf empor - er stammt von Schießereien, wie sie hier alltäglich sind. Die rund 100.000 Einwohner der Stadt leben gefährlich, an manchen Tagen ähnelt Compton einem Kriegsgebiet.

Tatort des Mordes an Yetunde Price: Auf der Hauptstraße erschossen
AP

Tatort des Mordes an Yetunde Price: Auf der Hauptstraße erschossen

In der Nacht des 13. Oktober etwa gab es drei Morde an zwei Schauplätzen. Zunächst wurden der Autofahrer Jasper Robertson, 33, und seine Begleiterin Antinette Williams, 23, in der West Hatchway Street getötet. Der Oberkörper Robertsons war von Kugeln buchstäblich durchsiebt worden, während die Frau mit einem Gewehrkolben erschlagen wurde. Offenbar ging dem Täter die Munition aus.

Hilflos steht Sheriff Lee Baca da, ein Mann mit hoher Stirnglatze, wenn er von solchen Scheußlichkeiten berichtet. "Morde, die auch irgendwo anders passieren könnten, geschehen eben in Compton", sagt er lakonisch. Baca musste auch die Ermordung des 20-jährigen Darell Tillman mitteilen. Dessen Leiche lag in der Mayo Avenue. Sie wies ebenfalls zahlreiche Durchschüsse im Oberkörper auf. Tillman war nur eine halbe Stunde nach dem Doppelmord in der West Hatchway Street getötet worden.

Compton ist drauf und dran, in diesem Jahr die amerikanische Mord-Kapitale New Orleans zu überholen. Bis Mitte Oktober gab es bereits 54 Morde - elf mehr als im ganzen Jahr 2004. Und fünf weitere Morde müssten eigentlich hinzugerechnet werden, da sie jedesmal nur einen Steinwurf weit von Comptons Stadtgrenze verübt wurden.

Mit den schweren Kapitalverbrechen ist die Angst über Comptons dicht gedrängte Bungalowsiedlungen hereingebrochen. Die Wege sind hier kurz wie in einem Gefängnis, und das Leben ist für die meisten Bewohner ein einziges Verlustgeschäft. Arbeitslosigkeit grassiert und Familienbeziehungen zerbröckeln. Compton, das früher blühende Industrien hatte, ist nur noch ein Drehkreuz für Container aus dem Hafen von Long Beach, die mit großen Trucks zu den Autobahnen des Westens befördert werden.

Sheriff Lee Baca: "Morde geschehen eben in Compton"
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Sheriff Lee Baca: "Morde geschehen eben in Compton"

Die Arbeitsplätze rollen an der Stadt vorbei, aber die Verwaltung bemüht sich beinahe rührend, Compton als Platz menschlicher Wärme zu beschreiben, an dem es sich lohne, "zu leben, zu arbeiten und eine Familie zu gründen".

In manchen Fällen stimmt das auch, ist eine tüchtige, wenn auch schmale Mittelklasse der Farbigen entstanden, wie sich gerade bei einem Auftritt des Fernseh-Entertainers Bill Cosby an der Compton High School zeigte. Cosby versteht sich als das soziale Gewissen der amerikanischen Schwarzen, mit denen er auch das Leid eines heimtückischen Mordes teilt: Sein Sohn Ennis war beim Wechseln eines Autoreifens in Los Angeles erschossen worden.

Deshalb findet Cosby auch bei anderen Opfern der Gewalt Gehör, obschon er aus Gründen der moralischen Aufrüstung gekommen ist und natürlich auf die Tennis-Stars Venus und Serena Williams hinweist, die ja auch aus Compton stammen. Jeder erinnert sich hier aber auch daran, dass im September 2003 deren Halbschwester Yetunde Price auf einer Hauptstraße erschossen wurde, als sie mit ihrem Geländewagen vorbeifuhr.

Nun stehen in der Aula der High School Eltern auf und erzählen mit halblauter Stimme von Kindern, die ebenfalls in Compton ermordet wurden. So zum Beispiel Vicky Lindsay, deren ältester Sohn Kugeln von Killern zum Opfer fiel - bei einem Football-Match der Compton High School. Und Tina Norwood Jasper, deren 20-jähriger Sohn Hasan vor dem Haus eines Bekannten tödlich getroffen wurde, als er eine Zigarette rauchte. Ein Onkel, der neben ihm gestanden hatte, wurde von neun Kugeln getroffen, überlebte aber schwer verletzt.

Die Zuhörer machten Vorschläge, mit denen man vielleicht der alltäglichen Beklemmung und Zerrüttung in der Stadt begegnen kann. Sie forderten Hilfe für Teenager-Mütter und andere Alleinerziehende. Sie verlangten die Schließung von Crack-Häusern und Hilfe für Kinder, die in Alkoholikerfamilien leben. Und sie schlugen den Vätern in stabilen Familien vor, sich um die vaterlosen Kinder in der Nachbarschaft zu kümmern.

Einschusslöcher in Wohnhaus: 120 Schüsse auf Unschuldigen
AP

Einschusslöcher in Wohnhaus: 120 Schüsse auf Unschuldigen

Doch in dem sozialen Wahnsinn Comptons verhallen solche Appelle - die Gewalt erweist sich bisher als stärker. Das zeigte sich am 3. September, als der 20-jährige Irak-Veteran Osiel Hipolito, ein Matrose der Kriegsmarine, in einem Einkaufszentrum niedergestreckt wurde. Der Mörder war vermutlich Mitglied einer Straßengang.

Eine Kugel traf Hipolitos Frau Valdivia, die im achten Monat schwanger war. Das Projektil blieb in einem Bein des ungeborenen Kindes stecken. Darüber hinaus verwundete ein weiteres Geschoss den 16 Jahre alten Bruder Hipolitos. Das Baby und die Mutter konnten gerettet werden - Kindsvater Osiel Hipolito starb.

Sheriff Lee Baca nennt viele Gründe, die für die jüngste Mordwelle in Compton verantwortlich seien: Drogen, Gangs und Spannungen zwischen den farbigen Bevölkerungsteilen. "Alles, was man sich vorstellen kann, kommt hier in Frage, auch der reine Zufall", sagt Baca.

Die wirtschaftlich desolate Lage Comptons hat den Stadtrat schon vor ein paar Jahren gezwungen, aus Ersparnisgründen ausgerechnet die Stadtpolizei abzuschaffen. Compton muss nun Hilfspolizisten beim Sheriff's Department des Großdistrikts Los Angeles County ausleihen. Lee Baca ist der Chef dieser Behörde, die auf dem freien Markt der Ausleihpolizisten jährlich rund 400 Millionen Dollar umsetzt.

Die Polizisten auf Pump reichen aber bei weitem nicht aus, um die Straßen Comptons sicherer zu machen. Mehr als 75 Hilfssheriffs kann sich die Stadt einfach nicht leisten. In Los Angeles patrouillieren durchschnittlich 258 Polizisten auf einer Fläche von der Größe Comptons - und das jeweils zu zweit. In Compton hingegen sind die Cops allein in ihren Streifenwagen unterwegs.

Womöglich führt die allgegenwärtige Gefahr auf den Straßen dazu, dass die Beamten zuweilen überreagieren. Im Mai schwärmten gleich zehn Hilfs-Sheriffs mit Sirenen und Blaulicht aus, um den schwarzen Autofahrer Winston Hayes wegen einer angeblichen Schießerei zu stellen. Die Polizisten stoppten den Geländewagen des 44-Jährigen und durchlöcherten ihn mit 120 Schüssen. Hayes aber, so stellte sich heraus, war unschuldig und führte auch keine Waffe bei sich.

Hayes hatte Glück, die Hilfs-Sheriffs trafen nur eine Zehe und einen seiner Finger. Ein Projektil blieb in seiner Schulter stecken, und elf weitere Kugeln schlugen in umliegende Häuser ein. Ungewöhnlich kleinlaut kündigte County-Sheriff Baca eine Untersuchung des Vorfalls an, bei dem versehentlich auch einer seiner Leihpolizisten getroffen wurde.

Inzwischen hat Baca neue Ideen entwickelt, um Comptons Kriminellen Paroli zu bieten. Er fordert eine Art Freiwilligen-Armee für Compton, Bürger sollen in Privatautos Streife fahren und alles Verdächtige melden. Darüber hinaus will Baca die Bewegungsfreiheit jugendlicher Gang-Mitglieder einschränken. Ein Ausgehverbot für ganze Gruppen soll erlassen werden bis hin zu dem Verbot, Mobiltelefone zu besitzen. In San Diego und San Jose haben sich diese Maßnahmen bereits bewährt.



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