"Costa Concordia"-Unglück: Überlebende machen Reederei schwere Vorwürfe

Nach mehrmonatiger Pause wird die Beweisaufnahme zur Havarie der "Costa Concordia" fortgesetzt. Mehr als tausend Menschen kamen ins italienische Grosseto, um Kapitän Schettino zu sehen. Doch Überlebende des Unglücks machen vor allem der Reederei schwere Vorwürfe.

Schettino nach der Anhörung in Grosseto: "Wir wollen ihm in die Augen schauen" Zur Großansicht
REUTERS

Schettino nach der Anhörung in Grosseto: "Wir wollen ihm in die Augen schauen"

Grosseto - Er kam durch einen Nebeneingang, lange vor dem offiziellen Beginn der Beweisaufnahme. In einem dunklen Anzug und mit Schlips nahm Francesco Schettino, Kapitän der verunglückten " Costa Concordia", bei seinen Anwälten Platz. "Ich will mich offen zeigen", hatte er kurz vor der Anreise zu dem Justiztermin in Grosseto in der Toskana gesagt. Dort hat die italienische Justiz nach mehrmonatiger Pause die Beweisaufnahme zur Havarie des Kreuzfahrtschiffs fortgesetzt.

Der Termin fand in einem Theatersaal und unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Es soll die Beweislage gegen Schettino und acht weitere Beschuldigte erörtert werden, darunter Schiffspersonal und Mitarbeiter des Kreuzfahrtunternehmens Costa Crociere. Der leitende Staatsanwalt Francesco Verusio will die Ermittlungen bis zum Jahresende abschließen. Der eigentliche Prozess beginnt wahrscheinlich im kommenden Jahr.

Bei der Anhörung soll erstmals auch die vollständige Auswertung des Bordschreibers öffentlich gemacht werden. Der Termin war bereits für Juli vorgesehen gewesen. Er wurde allerdings vertagt, weil die Experten zur Auswertung der Black Box mehr Zeit benötigten.

Die "Costa Concordia" mit etwa 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord war am 13. Januar zu nah an die kleine Insel Giglio herangefahren, hatte einen Felsen gerammt und war gekentert. Mindestens 30 Menschen kamen ums Leben.

"Wir wollen Schettino in die Augen schauen"

Mehr als tausend Menschen kamen nach Grosseto, um Schettino zu sehen. "Wir wollen ihm in die Augen schauen und sehen, wie er auf die Beschuldigungen reagiert", sagte der deutsche Überlebende Michael Liessen, der mit seiner Frau an der nicht öffentlichen Anhörung teilnahm.

Anwälte berichteten, Schettino habe die Anhörung konzentriert verfolgt. Seine Verteidiger hätten einige Einsprüche gegen Beweismittel eingelegt. Schettino wird der fahrlässigen Tötung verdächtigt: Er soll das Unglück verursacht und vor Passagieren und Mannschaft von Bord gegangen sein. Er weist die Vorwürfe zurück und hält dagegen, er habe das Schiff noch in flacheres Wasser gesteuert und so sogar Leben gerettet.

Ein Bericht von Experten gab Schettino im vergangenen Monat die Hauptschuld an der Kollision und der katastrophalen Evakuierungsaktion. Er wies aber auch darauf hin, dass nicht alle Besatzungsmitglieder Italienisch verstanden, nicht alle Sicherheitsmaßnahmen auf dem neuesten Stand waren und zudem nicht alle Passagiere an Notfallübungen hatten teilnehmen können.

"Wir haben den Eindruck, es war der Fehler des Unternehmens", sagte Anwalt Peter Ronai, der zehn Passagiere aus Ungarn vertritt. Costa Crociere mache Schettino zum "Sündenbock". Nach Ansicht des US-Anwalts John Arthur Eaves wäre die Katastrophe nicht geschehen, wenn der Schiffseigner die "nötigen Standards" aufgestellt und eingehalten hätte.

aar/dpa/AFP

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1. Alle Mann an Deck!
Zaphod 15.10.2012
Wie kann jemand glauben, dass auf einer Kreuzfahrt mit ca. 3.000 Passagieren mit einem Durchschnittsalter nahe des Rentenalters eine Rettung sämtlicher Passagiere möglich ist? Eine kurze Rettungsübung zu Beginn der Kreuzfahrt sorgt nicht für die Wunder, dass alle Gäste plötzlich wieder mobil und reaktionsstark sind. In Anbetracht der Struktur der Passagiere muss tatsächlich festgestellt werden, dass die Anzahl der geretteten Passagiere überraschend hoch ist. Sicherlich hat der Kapitän einen Fehler gemacht, aber die geringe Zahl der Opfer spricht letztendlich eher für als gegen ihn!
2. Der Kapitän ein Held?
fred_w 15.10.2012
Zitat von ZaphodWie kann jemand glauben, dass auf einer Kreuzfahrt mit ca. 3.000 Passagieren mit einem Durchschnittsalter nahe des Rentenalters eine Rettung sämtlicher Passagiere möglich ist? Eine kurze Rettungsübung zu Beginn der Kreuzfahrt sorgt nicht für die Wunder, dass alle Gäste plötzlich wieder mobil und reaktionsstark sind. In Anbetracht der Struktur der Passagiere muss tatsächlich festgestellt werden, dass die Anzahl der geretteten Passagiere überraschend hoch ist. Sicherlich hat der Kapitän einen Fehler gemacht, aber die geringe Zahl der Opfer spricht letztendlich eher für als gegen ihn!
Ja wenn es nach Ihnen ginge hat der Kapitän eine Medaille verdient, denn den Umständen nach ist es ihm allein zu verdanken, dass von 3000 Passagieren nur 30 umgekommen sind, denn die 1% von denen die ja wohl alle im Durchschnitt kurz vor dem Rentenalter waren, die kann man eh abhaken. denn die waren gemäß ihrer Meinung nach wohl zu alt, tüttelig oder zu dumm als die anderen Passagiere um sich in Sicherheit zu bringen! Hauptsache der Unfallverursacher, der bedeutend jüngere Kapitän, hat das Unglück überlebt und sich so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht. Nur können Sie sich nicht vorstellen dass Sie zu den 30 Opfern gehören könnten, wenn Sie dabei gewesen wären, denn Sie sind ja doch wohl erheblich jünger? Aber vielleicht spricht aber die relativ hohe Anzahl der Überlebenden eher dafür, dass das Schiff nicht sofort völlig untergegangen ist.
3. Reederei vs. Kaptiän
undso 15.10.2012
Ich denke, dass sich die Anklage haputsächlich damit auseinander setzen muss, inwieweit die Reederei Mitschuld trägt. Sicher ist bei aller Tragik das Verhalten des Kapitäns ein Desaster gewesen. Hauptsächlich wegen der späten Warnung. Allerdings kann er wohl kaum Schadensersatzanforderungen etc. aus eigener Tasche bedienen. So dass die Opfer ein reges Interesse an der Verantwortlichkeit der Reederei haben.
4. es ist nun wirklich
einsteinalbert 16.10.2012
primär unerheblich ob man auch anderen . . . beispielsweise der Reederei . . . . irgendwelche Schuldvorwürfe machen kann. Verantwortlich ist und bleibt an erster Stelle der Kapitän. Er ist - solange er das Kommando hat und an Bord ist - für alles verantwortlich was auf und mit dem Schiff passiert . . . selbst für die möglichen Fehler Dritter. Ein Kapitän welcher bei einer Havarie sein Schiff verlässt, solange noch Passagiere und / oder Crewmitglieder an Bord sind handelt vorsätzlich pflichtwidrig. Er sollte niemehr auf der Brücke eines Schiffes stehen.
5. Ich kann mir nicht vorstellen...
Stefan_G 16.10.2012
Zitat von sysopNach mehrmonatiger Pause wird die Beweisaufnahme zur Havarie der "Costa Concordia" fortgesetzt...Doch Überlebende des Unglücks machen vor allem der Reederei schwere Vorwürfe.
...dass eine Reederei ihren Kapitän angewiesen hat, mit seinem 320m-Schiff bis auf 80m an eine Felsküste heran zu fahren. Das war bodenlos unverantwortlich und dafür trägt der Kapitän allein die Verantwortung. Der wirklich glückliche Umstand, dass das Schiff im Flachwasser in Ufernähe zum Liegen kam und nicht vollständig versank, trug sicher dazu bei dass es nicht wesentlich mehr Tote gab - das war aber sicher keine heldenhafte Leistung des Kapitäns, das war pures Glück.
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