Jahrestag des "Costa Concordia"-Unglücks: Fatale Verneigung vor Giglio

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Vor einem Jahr havarierte die "Costa Concordia" vor Italiens Küste - bald soll das Kreuzfahrtschiff wieder schwimmen. Wohin geht die Reise dann? Was macht Kapitän Schettino heute? Bekommen die Überlebenden eine Entschädigung? Fragen und Antworten zur Katastrophe vor Giglio.

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Seit einem Jahr liegt die havarierte "Costa Concordia" nun wie ein gestrandeter Wal vor der italienischen Küste. Ein 114.000 Registertonnen großer Eisenkoloss, der anfangs gar drohte, von den Felsen zu rutschen und im Meer zu versinken. Es gab nur wenige gute Nachrichten um das Kreuzfahrtunglück. Eine war, dass Spezialisten aus den Niederlanden eine Umweltkatastrophe im Mittelmeer verhinderten, indem sie das Schiff wenige Wochen nach der Katastrophe stabilisierten und mehr als 2000 Tonnen Treibstoff aus den nur schwer zugänglichen Schiffstanks pumpten.

Doch was passierte danach? Als ein amerikanisch-italienisches Konsortium im vergangenen Mai begann, das Wrack zu bergen, kalkulierten Experten ein Jahr für das Vorhaben. Heute steht fest: Es wird länger dauern. Wie lange, das ist nicht die einzige offene Frage, die sich rund um das Unglück stellt.

Wer ist schuld am Schiffbruch der "Costa Concordia"? Bekamen die Betroffenen eine Entschädigung? SPIEGEL ONLINE gibt die wichtigsten Antworten im Überblick:

Wie geht es weiter mit dem berühmtesten Wrack der Welt?

Im Frühjahr 2013 werde die Insel Giglio das Katastrophenschiff los sein, hieß es noch bis vor kurzem. Doch daraus wird nichts, gestand die toskanische Regierung Anfang Januar. Die Insulaner müssen noch länger als erwartet auf die Rückkehr zur Normalität warten - und eine weitere Sommersaison mit dem Wrack leben. "Wir müssen darauf achten, dass das Schiff sicher und umweltschonend beseitigt wird", sagte Enrico Rossi, Präsident der Region. "Unser Ziel ist nun, dass es bis September wieder schwimmfähig ist", damit es in einen Hafen an der Festlandküste gebracht und dort verschrottet werden kann.

Unklar war bis zuletzt, wo die "Costa Concordia" entsorgt werden soll. Zur Debatte stand unter anderem der 70 Kilometer nördlich von Rom liegende Hafen von Civitavecchia. Von hier aus war das Schiff vor der Katastrophe ausgelaufen. "Doch nach gründlicher Abwägung wird es nun der nächstgelegene Hafen sein", sagte Rossi. Damit fiele die Wahl auf die toskanische Stadt Piombino, wo das Schiff in seine Einzelteile zerlegt werden soll. Bis Ende Januar will die Regierung alle nötigen Vorkehrungen getroffen haben. Insgesamt wird es mehr als 300 Millionen Euro kosten, das Schiff zu beseitigen.

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"Costa Concordia": Tödliche Verneigung vor Giglio

Wer hat Schuld an dem Unglück?

Zehn Menschen, darunter Francesco Schettino sowie weitere Crew-Mitglieder, werden beschuldigt, für den Tod der 32 Menschen verantwortlich zu sein, die bei der Havarie der "Costa Concordia" ums Leben kamen. Unter den Opfern waren auch zwölf Deutsche. Kurz vor Weihnachten hat die italienische Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen in dem Fall beendet und den Anwälten der Beschuldigten eine 20-tägige Frist gegeben, ihre Verteidigungsschriften einzureichen. Noch im Januar will die Staatsanwaltschaft die Strafanträge stellen.

Unterdessen gibt sich Chefankläger Francesco Verusio selbstsicher, was die Schuld von Francesco Schettino angeht. Das im Herbst geführte Beweisverfahren habe bereits gezeigt, dass der Ex-Kapitän für den Schiffbruch der "Costa Concordia" mit seinen tragischen Folgen persönlich verantwortlich sei, sagte Staatsanwalt Verusio italienischen Medien. Schettinos Rolle in dem Fall sei ihm bereits kurz nach dem Unglück vor einem Jahr klar gewesen: Er sei auf der Kommandobrücke gewesen und habe das Schiff mit mehr als 4000 Menschen gesteuert, "als wäre es ein Schlauchboot", sagte Verusio vor wenigen Tagen der Zeitung "Corriere Fiorentino". "Wir hätten ihm auch in einem Schnellverfahren den Prozess machen können."

Durch die Auswertung von rund 50.000 Seiten Material - darunter die Aufzeichnungen des Datenschreibers, Kapitänsbefehle und Telefonmitschnitte - konnten Gutachter Schettino "ein extrem riskantes Manöver" nachweisen: die sogenannte Verneigung, eine Seemannstradition, bei der Schiffe nah an die Küste heranfahren und die Menschen auf dem Land mit dem Nebelhorn grüßen.

Laut dem tausendseitigen Bericht der Gutachter soll Schettino Anweisungen für eine Kursänderung gegeben haben und dann auf der Brücke erschienen sein, als die "Costa Concordia" nur noch zwei Seemeilen von der Küste entfernt war. Vor der Kollision hätten Besatzungsmitglieder den Kapitän gewarnt, dass sich das Schiff zu nah an der Insel befinde. Zudem habe Schettino die Behörden nach dem Unglück falsch informiert und den Alarm an Bord erst mit "beträchtlicher Verspätung" ausgelöst.

Fahrlässige Tötung in zahlreichen Fällen, Schiffbruch und Verlassen Schutzbefohlener noch während der Evakuierung - so lauten die Vorwürfe gegen Schettino. Sollte der 52-Jährige wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden, drohen ihm 15 Jahre Haft pro Todesfall. Während die Schuldfrage im Prozess geklärt werden muss, ist die Reederei Costa Crociere bereits im Juli auf Distanz gegangen und hat den Kapitän nach einem Disziplinarverfahren entlassen - "aus wichtigem Grund". Doch Schettino wollte sich nicht wegschicken lassen, er focht die Kündigung an und trug den Streit mit seinem ehemaligen Arbeitgeber vors Arbeitsgericht. Schließlich will er eines Tages wieder das Kommando über ein Schiff übernehmen.

Ein Motorboot hat er immerhin bereits im August wieder bestiegen - bei einer Spritztour mit seinem Anwalt. Die britische Boulevardzeitung "Sun" hatte den damals gerade vom Hausarrest befreiten Ex-Kapitän mit nacktem Oberkörper auf dem Meer fotografiert. Er soll das Boot demnach auch gesteuert haben, was Schettinos Anwalt später jedoch bestritt. Seinen Heimatort Meta di Sorrento bei Neapel darf Schettino derzeit nur mit einer Sondergenehmigung verlassen.

Bis Juli unter Hausarrest: Francesco Schettino in seinem Apartment in Meta di Sorrento Zur Großansicht
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Bis Juli unter Hausarrest: Francesco Schettino in seinem Apartment in Meta di Sorrento

Wie reagiert Francesco Schettino auf die Vorwürfe?

"Man hat mich dargestellt wie Osama Bin Laden", sagte Francesco Schettino kürzlich in einem Interview, in dem er sich darüber empört, wie er nach der Havarie der "Costa Concordia" behandelt worden ist. Dabei fühle er "einen aufrichtigen Schmerz" - auch für ihn sei es eine Qual, was sich vor einem Jahr ereignete. Doch den Unglückskapitän ärgert, dass während der vergangenen Monate "seine Erfahrung aus 30 Jahren auf See ins Lächerliche gezogen" wurde.

Vielleicht lag es daran, dass er sich nicht nur kurz nach dem Unglück äußerst ungeschickt zu verteidigen versuchte, indem er zu Protokoll gab, während der Evakuierung aus Versehen in ein Rettungsboot gefallen zu sein. Schettino nutzte auch in der Zeit nach der Katastrophe viele Gelegenheiten, sich unbeliebt zu machen. So bezeichnete er die Havarie in einem TV-Interview als einen "banalen Unfall". Falls ihn überhaupt eine Schuld treffen sollte, dann habe es an einem Telefonanruf gelegen, der ihm die Konzentration geraubt habe. "Am Ende ist es mir gelungen, einen frontalen Aufprall (auf den Felsen) zu verhindern", behauptete Schettino. In einer Anhörung im Oktober dann sagte er gegenüber betroffenen Passagieren aus Deutschland: "Seid mir nicht böse, immerhin hab ich euch und viele andere mit meinem Manöver gerettet."

Zumindest gestand Schettino kürzlich, dass in der Nacht des 13. Januars 2012 nicht alles rund gelaufen ist: "Ich habe vielleicht Fehler gemacht", sagte er, "aber ich bin nicht allein". Seine Anwälte suchen die Schuld nun bei der Reederei und bei Schettinos Kollegen. In den Ermittlungen ist Medienberichten zufolge herausgekommen, dass ein indonesischer Steuermann Anweisungen des Kapitäns nicht korrekt umgesetzt haben soll - möglicherweise aufgrund von Sprachbarrieren. Auch sollen Mitglieder der Besatzung nicht ausreichend für Notfälle ausgebildet gewesen sein.

"Wir sind aus dem Verfahren besser herausgekommen, als wir eingetreten sind", ließ die Verteidigung des Ex-Kapitäns nach dem Beweisverfahren im Herbst verlauten. Sie sei sicher, dass der Schaden am Schiff geringer gewesen wäre, wenn der Steuermann Schettinos Befehle besser ausgeführt hätte.

Beweisverfahren in Grosseto: Zwölf Monate lang wurde gegen Ex-Kapitän Schettino ermittelt Zur Großansicht
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Beweisverfahren in Grosseto: Zwölf Monate lang wurde gegen Ex-Kapitän Schettino ermittelt

Wie steht es um die Entschädigung der Passagiere?

Schmuck, Bücher, iPads - was immer die Passagiere der "Costa Concordia" an Habseligkeiten mit auf die Schiffsreise genommen hatten, wird ihnen niemand wiedergeben können. Es gammelt entweder in den mit Wasser gefüllten Schiffskabinen vor sich hin oder ist längst von Wellen davongetragen worden.

Um den materiellen Schaden ihrer Kunden auszugleichen, hatte die Genueser Reederei den Betroffenen eine Entschädigungspauschale in Höhe von etwa 11.000 Euro angeboten, plus 3000 Euro Spesen. Viele griffen sofort zu. Bis zum Herbst willigten nach Angaben von Costa etwa zwei Drittel der Passagiere ein und verzichteten damit auf weitere zivilrechtliche Forderungen.

Doch über 100 Betroffenen war die von Costa gebotene Summe nicht genug. Sie versprechen sich eine höhere Entschädigung durch eine Klage in den USA. Dort könne man deutlich mehr Geld erzielen, versprechen die Anwälte, die gegen den Mutterkonzern Carnival vor Gericht ziehen wollen.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. iPads
zick-zack 12.01.2013
Schmuck, Bücher, iPads... Letztere dürfen natürlich in keinem Artikel fehlen!
2. Experten
noalk 12.01.2013
Hat wirklich jemand geglaubt, die Bergung sei innert eines Jahres machbar? Ja, vielleicht die Planer von BER und S21.
3.
maxderzweite 12.01.2013
Ein Kapitän geht als letzter von Bord und ist für sein Schiff verantwortlich. Er hat seine 30 Jahre Erfahrung selbst ins lächerliche gezogen.
4. die Schuld....
michael.verhoven 12.01.2013
.. trägt nicht nur der, der die Kollision unmittelbar verursacht hat (Schettino) sondern vor allem auch der, der das böse Spiel ermöglicht, ritusmäßig veranstaltet und als Bestandteil einer gewissenlosen Marketing-Politik gefördert hat (Costa und Carnval). Michael Verhoven - Mailand
5. Es ist erstaunlich, ...
rodelaax 12.01.2013
... dass solch ein unreifer Mensch Kapitän eines solch großen Schiffes werden konnte. Da stellt man sich die Frage, wie es mit anderen Schiffen (oder Flugzeugen) aussieht.
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