Keine Fluchtgefahr "Costa Concordia"-Kapitän bleibt auf freiem Fuß

Unglückskapitän Schettino soll für die Havarie der Costa Concordia mehr als 16 Jahre in Haft, bleibt aber vorerst auf freiem Fuß - er will in Berufung gehen. Die Hinterbliebenen der Opfer sind enttäuscht.


Grosseto - Francesco Schettino ist verantwortlich für den Tod von 32 Menschen und die Havarie des Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia". Dies hat das Gericht im italienischen Grosseto am Mittwochabend mit seinem Urteil bestätigt. 16 Jahre und einen Monat soll der 54-Jährige ins Gefängnis. Er darf außerdem fünf Jahre lang kein Schiff führen und für den Rest seines Lebens keine öffentlichen Ämter bekleiden.

"Das ist ein hartes Urteil", sagte Schettinos Anwalt Domenico Pepe nach der Entscheidung. "Dass es uns aber gelungen ist, die überhöhte Forderung der Staatsanwaltschaft fast zu halbieren, gibt Schettino vielleicht ein wenig Ehre zurück."

Im Strafmaß enthalten sind zehn Jahre für mehrfache fahrlässige Tötung, fünf Jahre für das fahrlässige Verursachen des Schiffbruchs, ein Jahr für das Zurücklassen Minderjähriger oder hilfsbedürftiger Personen sowie ein Monat dafür, dass er nicht Meldung erstattet hat.

Schettino selbst zeigte sich "enttäuscht" von der Tatsache, dass er wegen vorzeitigen Verlassens des Schiffs verurteilt wurde. "Ich werde kämpfen, um zu beweisen, dass ich die 'Costa Concordia' nicht verlassen habe", sagte er. Im Prozess hatte der Ex-Comandante erklärt, er sei nicht willentlich von Bord gegangen, vielmehr habe ihn "die Schwerkraft" in ein Rettungsboot gezogen.

Schettino wird in Berufung gehen, das haben die Anwälte bereits bestätigt. Um eine Schutzhaft kommt er herum: "Es besteht keine Fluchtgefahr", erklärten die Richter. Der Verurteilte habe stets seinen Willen bekundet, sich vor Gericht zu verteidigen. Bis das Verfahren durch die nächsten Instanzen gegangen ist, können Jahre vergehen. Die Urteilsbegründung soll binnen 90 Tagen vorliegen.

Anwalt Hans Reinhardt aus Marl vertritt in Zivilprozessen 30 deutsche Opfer der Katastrophe. Er begrüßte das Urteil: "16 Jahre sind schon eine deutliche Ansage", sagte er dem WDR. Die Entscheidung sei ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft mit dem Verhalten Schettinos nicht einverstanden sei. "Er hätte ja anders agieren können, er hätte sich beispielsweise entschuldigen können." Stattdessen habe er behauptet, alles richtig gemacht und viele Menschenleben gerettet zu haben. "Ein bisschen Demut würde ihm sicherlich guttun", sagte Reinhardt.

"Total zufrieden" zeigten sich auch die Staatsanwälte. "Die vorgelegten Beweise waren derart, dass es nicht anders hätte laufen können, die Richter haben alle unsere Anklagepunkte bestätigt", sagte Francesco Verusio.

Viele Überlebende und Opferangehörige waren allerdings von dem Urteil enttäuscht. "Sechs Monate Strafe für jeden Verstorbenen, aber für die Familien sind es nicht 16 Jahre, es ist für immer. Wie kann ich mich fühlen, ich bin einfach nur traurig", sagte die Französin Anne Decré.

Das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" war am 13. Januar 2012 mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der italienischen Insel Giglio auf einen Felsen gefahren und gekentert. 32 Menschen starben, darunter 12 Deutsche.

Die Reederei wurde wie auch Schettino vom Gericht dazu verurteilt, Entschädigungszahlungen an die Nebenkläger zu leisten, darunter die Insel Giglio und die Region Toscana, die jeweils 300.000 Euro erhalten. 110 weitere Nebenkläger sollen mit jeweils 30.000 Euro entschädigt werden - darunter auch Schettinos Ex-Geliebte Domnica Cemortan.

Für Sergio Ortelli, den Bürgermeister der Insel Giglio, ist das Urteil ein Teilerfolg. "Wichtige Dinge wurden anerkannt, etwa der Imageschaden für Giglio und die Verantwortung von Costa Crociere", sagte er. Der Anwalt der Reederei, Marco De Luca, erklärte: "Es ist ein ausgewogenes Urteil, das alle Interessen berücksichtigt."

"16 Jahre für 32 Opfer sind gar nichts", sagte Giovanni Girolamo, dessen Sohn Giuseppe bei dem Versuch starb, auf dem Schiff ein Kind zu retten. "Man hätte nicht nur Schettino verurteilen müssen, sondern alle, die mit ihm auf der Brücke waren, und alle von der Costa, die an Land waren und nichts unternommen haben." Die Ermittlungen gegen die Reederei Costa Crociere waren nach einem gerichtlichen Vergleich und der Zahlung von einer Million Euro eingestellt worden. Jetzt, so Girolamos traurige Bilanz, könne man nichts mehr machen. "So ist die italienische Justiz."

ala/dpa

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