"Costa Concordia"-Prozess Tödliche Dummheit

Grande finale im Prozess gegen Katastrophenkapitän Francesco Schettino: Ab Donnerstag hält die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer im "Costa Concordia"-Prozess. Der Angeklagte schwadronierte von seiner Unschuld. Es wird ihm nicht viel helfen.

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Gabriele Maria Grube ging mit einer Freundin im norditalienischen Savona an Bord der "Costa Concordia". Sie starb am 13. Januar 2012, als das Kreuzfahrtschiff vor der kleinen Toskana-Insel Giglio einen Felsen rammte, sie wurde 53 Jahre alt.

Dabei stand sie schon vor dem Rettungsboot. Aber da fand sich kein Platz mehr für sie. So wurde sie wieder hinunter geschickt, um quer durch das Schiff auf die andere Seite zu fliehen. Dort kam sie nie an.

32 Menschen starben, darunter zwölf Deutsche, als das Kreuzfahrtschiff mit 3.206 Passagieren und 1.023 Besatzungsmitgliedern sich den Rumpf aufriss.

Wegen "einer Dummheit" sind sie gestorben, sagt Kapitän Francesco Schettino. Um einem Schiffskellner aus Giglio einen Gefallen zu tun, um einen befreundeten Kapitän auf der Insel zu grüßen und auch um den Passagieren etwas zu bieten, also um "drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen", ließ der Kapitän das rund 300 Meter lange Schiff extrem nah an die gefährlich felsige Küste fahren. Direkt vor dem Hafen hätten dann die Schiffssirenen ertönen sollen. Dazu kam es freilich nicht mehr. Schettinos Klappe hatte mehr als drei Fliegen erwischt.

Gewaltige Wassermassen schossen nach der Kollision mit dem Felsen durch ein riesiges Loch in das Schiff. Das war binnen weniger Minuten manövrierunfähig. Falls es Notfallpläne für solche Fälle gab, kannte sie offenbar niemand. Die Organisation sei "eine Katastrophe" gewesen, berichteten viele der Geretteten, "null, nichts" sei vorbereitet gewesen. Menschen sprangen über Bord, um die nahe Küste schwimmend zu erreichen. Die Evakuierung dauerte Stunden.

Der Kapitän dagegen sowie etliche seiner Offiziere, hatten sich rechtzeitig retten können. Vergeblich brüllte der für das Unglücksgebiet zuständige Hafenmeister von Livorno Schettino am Telefon an: "Gehen Sie zurück an Bord, verdammt noch mal!"

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"Costa Concordia": So sieht es im Innern des Kreuzfahrtschiffs aus
Auch deshalb, wegen vorzeitigen Verlassen des Schiffes, steht "Kapitän Feigling", wie ihn Medien tauften, seit Juli 2013 vor Gericht. Darüber hinaus wirft ihm die Anklage mehrfache fahrlässige Tötung und Körperverletzung vor, dazu Havarie, Zurücklassen Hilfsbedürftiger und Verweigerung der Zusammenarbeit mit den Behörden. Nach italienischem Recht sind das alles einzelne Delikte. Summiert man deren Höchststrafen, kommt man theoretisch - sagte ein Staatsanwalt noch vor Prozessbeginn - auf bis zu 2697 Jahre Haft.

So viele werden es gewiss nicht werden. Aber eine langjährige Gefängnisstrafe sei auf jeden Fall zu erwarten, sagen rechtskundige Prozessbeobachter. Auf 20 Jahre tippen einige. Aber wer weiß, die italienische Justiz ist bekannt für Überraschungen.

In der südtoskanischen Provinzhauptstadt Grosseto, zu deren Revier die Insel Giglio gehört, wurde für den Prozess eigens ein Theater zum Gerichtssaal umgewandelt. Denn das Verfahren hat gigantische Ausmaße: insgesamt 4228 Menschen galten als geschädigt, dazu 31 Firmen oder öffentliche Einrichtungen, 242 zivile Nebenkläger mit zusammen 62 Anwälten ließ das Gericht zu. Erwartet wurden bis zu tausend Zeugen und Hunderte von Journalisten.

Letztlich kam dann alles eine Nummer kleiner daher. Den meisten Journalisten wurde das umständliche Verfahren bald zu kompliziert. Auf viele Zeugen wurde verzichtet, andere wollten nicht erscheinen.

Viele Nebenkläger ließen ihre Klagen gegen jeweils einige Zehntausend Euro Schadensersatz durch die Costa-Reederei fallen. Insgesamt zahlte "Costa Crociere" bislang 84 Millionen Euro an einen Großteil der Passagiere und Besatzungsmitglieder. Weitere Verhandlungen laufen noch. Für die Todesopfer entschädigte die Kreuzfahrtgesellschaft die Hinterbliebenen mit durchschnittlich etwa einer Million Euro. Eine ähnliche Summe steht auch für mögliche Erben der Berlinerin Gabriele Maria Grube bereit. Aber bislang haben sich keine finden lassen.

Auch fünf Mitangeklagte, darunter zwei Offiziere und der Steuermann, sind längst nicht mehr Teil der juristischen Aufarbeitung: Sie einigten sich mit Staatsanwälten und Richtern vorab auf vergleichsweise milde Urteile, mit Hausarrest und Geldstrafen. Eine Million Euro hat die Reederei als Strafe gezahlt, um prozessfrei davonzukommen. So sitzt nur noch Kapitän Francesco Schettino auf der Anlagebank.

Ein paar Tage war der nunmehr 54-Jährige in Untersuchungshaft, dann durfte er in den Hausarrest. Auch der wurde wenig später aufgehoben. Bald sah man Schettino auf fröhlicher Bootstour mit einem Freund - das Foto sorgte für wütende Reaktionen in der Öffentlichkeit.

Auch im Prozess machte er alles andere als eine "bella figura", wie man in Italien sagt.

Er hat eigentlich nichts, oder jedenfalls nicht viel falsch gemacht. Findet er. Der Steuermann dagegen, der hat seinen Befehl nicht befolgt. Das führte zum Unglück. Und unfähig wie der waren viele andere. Meint Schettino. Nur er nicht. Binnen 30 Sekunden hätte er alles wieder ins Lot gebracht, schwadronierte er vor Gericht, "wenn man mir alle Informationen gegeben hätte".

Er habe sich von Bord gemacht? Keine Spur. Gerutscht sei er, gefallen, "wegen der Schwerkraft". So konnte er nur noch springen und zwischen Wasser und Boot wählen. Also landete er im Rettungsboot. Andernfalls, na klar, "wäre ich als Letzter vom Schiff gegangen".

Bestimmt nicht, sagte seine Geliebte aus, die mit auf der Brücke war, als es krachte. Schettino habe sogar mit hektischen Telefonaten versucht, einen Hubschrauber zu seiner Rettung zu ordern. Das habe dann aber nicht geklappt.

Ach was, sagt er. Sonnengebräunt, mit Anzug und Sonnenbrille. Er sei ja bereit, "einen Teil der Verantwortung zu übernehmen, aber nur einen Teil".

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