"Costa Concordia"-Prozess: Der hilfsbereite Capitano

Aus Grosseto berichtet

Francesco Schettino mit Anwälten: "Verstehen, was wirklich passiert ist" Zur Großansicht
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Francesco Schettino mit Anwälten: "Verstehen, was wirklich passiert ist"

Als einziger Angeklagter muss sich Francesco Schettino wegen der Havarie der "Costa Concordia" vor Gericht verantworten. Der Kapitän zeigt sich in Grosseto zwar kooperativ, doch seine Chancen auf einen Deal sind gering. Zu den Nebenklägern zählt auch die Reederei Costa Crociere.

Da steht er also. Francesco Schettino. Schlecht sitzender grauer Anzug, zu lange Krawatte, beeindruckend kornblumenblaue Augen. Wie immer ist er braungebrannt, die linke Hand hat er in der Hosentasche, in der rechten hält er sein Telefonino, mit dem er in der Luft herumfuchtelt.

Er ist nicht besonders groß, fast scheint es, als sei der Kapitän der "Costa Concordia" seit dem Unglück unter dem Hass geschrumpft, der ihn von allen Seiten traf. 32 Menschen starben, als das Kreuzfahrtschiff am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio auf Grund lief. Jetzt steht Schettino in Grosseto vor Gericht.

"Ich bin hierhergekommen, weil ich verstehen will, was wirklich passiert ist", sagt er SPIEGEL ONLINE in einer Verhandlungspause im Teatro Moderno, das zum Gerichtssaal umfunktioniert wurde. "Ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass die Schifffahrtsindustrie aus solchen Katastrophen lernt."

Das klingt edelmütig - in den Ohren der Hinterbliebenen der Opfer allerdings wie Hohn. Schettino soll die Katastrophe nicht nur durch Abweichen von der Route und Fahren in viel zu flachen Küstengewässern provoziert haben, sondern sich während und nach dem Unglück eklatant falsch und ehrenrührig verhalten haben. Jetzt muss er sich unter anderem wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung und Körperverletzung, Havarie und dem Verlassen des Schiffes verantworten.

Mitgeschnittene Telefongespräche belegen, dass Schettino das havarierte Kreuzfahrtschiff verließ und trotz eindringlicher Aufforderung der Hafenbehörde nicht an Bord zurückkehrte, obwohl noch Passagiere festsaßen. Seine Anwälte hatten gefordert, diesen Anklagepunkt fallen zu lassen. Schettino sei nicht geflohen, sondern unfreiwillig in ein Rettungsboot gefallen. Dem wurde aber nicht entsprochen.

Kurz vor Beginn der Verhandlung hatte die Verteidigung erneut versucht, einen Deal auszuhandeln, bei dem Schettino gesteht und im Gegenzug mit einer Strafe von drei Jahren und fünf Monaten davonkommt. Dies wird die Staatsanwaltschaft jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ablehnen - und der Capitano damit voraussichtlich der einzige Angeklagte im Fall "Costa Concordia" bleiben.

"Er kann nicht für die Fehler anderer geradestehen"

Sein ehemaliger Arbeitgeber, die Reederei Costa Crociere, hatte sich in einem Vergleich auf die Zahlung von einer Million Euro geeinigt. Im Gegenzug wurden die Ermittlungen gegen das Unternehmen eingestellt. Auch die fünf Mitangeklagten, darunter der Steuermann und zwei Schiffsoffiziere, hatten sich mit der Staatsanwaltschaft geeinigt.

Schettino bleibt angesichts der Schwere der Vorwürfe nichts weiter übrig, als sich kooperativ zu geben und auf das Beste zu hoffen. "Schettino ist verantwortlich für seine Handlungen", sagte sein Anwalt Donato Laino. "Aber er kann nicht für die Fehler anderer geradestehen."

Der Vorsitzende Richter Giovanni Puliatti führte trotz brütender Hitze souverän und druckvoll durch die Verhandlung. Er ließ keinen Zweifel daran, dass ihm an einem zügigen Verfahren gelegen ist. Bis zum Frühjahr, spätestens bis Sommer 2014 will man laut Staatsanwalt Francesco Verusio das Urteil gesprochen haben. "Was die Verantwortung von Schettino angeht, gibt es keine Zweifel. Es geht nur noch um das Strafmaß."

Nachdem der erste Prozesstag wegen eines Streiks der Anwaltschaft verschoben worden war, fiel der Medienansturm nun geringer aus. Einige Prozessbeteiligte hatten sich passend zur Location in Premierenroben geworfen, einige Frauen kamen in limetten- oder lachsfarbenen Cocktailkleidern und High Heels.

Domnica Cemortan in Grosseto: In der Unglücksnacht auf der Brücke Zur Großansicht
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Domnica Cemortan in Grosseto: In der Unglücksnacht auf der Brücke

Auch die Moldauerin Domnica Cemortan war gekommen, aufrecht schritt sie im engen blauen Rock mit weißer Bluse und Pumps durch den Raum. Sie soll Schettinos Geliebte gewesen sein und sich in der Unglücksnacht unerlaubterweise auf der Brücke aufgehalten haben. Heute ist sie eine von 250 Nebenklägern. Schettino schaute einige Male diskret zu ihr herüber, ansonsten schienen die beiden keinen Kontakt zu haben. "Der Kapitän ist nicht der einzige Schuldige", sagte sie. "Ich will die Wahrheit."

Auch die Reederei klagt in Grosseto

Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Es obliegt dem Gericht, Licht auf das verwirrende Puzzle von Meinungen, Beweisen, Behauptungen und Erinnerungen rund um die Unglücksnacht zu werfen. 400 Zeugen sind geladen.

Auch die Reederei Costa Crociere ist in der Nebenklage vertreten. Der Turiner Anwalt Giuseppe Gallenca forderte, das Unternehmen auszuschließen. "Costa Crociere kann doch nicht gleichzeitig für Schäden aufkommen und sie einfordern. Die Reederei ist verantwortlich für das, was ihre Mitarbeiter anrichten", sagte der Vertreter von zwei italienischen Geschädigten.

"Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass uns durch den Verlust des Schiffes Schaden entstanden ist", entgegnete eine Anwältin des Unternehmens vor Gericht. Während man über den Imageschaden diskutieren könne, sei der materielle und geschäftliche Schaden eine Tatsache. "Wir haben jedes Recht, diesen Schaden einzufordern."

Das Gericht sah keine Unvereinbarkeit der beiden Rollen der Reederei als zivilrechtlich Haftpflichtiger und Nebenkläger im Strafprozess. Costa Crociere darf Nebenkläger bleiben.

Während Schettino auf der Anklagebank seine Krawatte richtete, hatte Nebenkläger Herbert Greszuk ganz andere Sorgen. Der 64-jährige Blumenhändler aus Recklinghausen wird am Montag eine mehrwöchige stationäre Trauma-Behandlung antreten. Weil er seit dem 13. Januar 2012 nicht mehr schlafen kann, weil ihn Alpträume quälen und Gedanken, die auch die stärksten Medikamente nicht beheben können.

"Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass sich die Costa Crociere mit einer Million Euro freikauft und damit aus dem Schneider ist", empört sich Greszuk. Was er vom Prozess in Grosseto erwartet? "Ich hätte gern Vertrauen in die italienische Justiz", sagt er.

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insgesamt 26 Beiträge
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    Seite 1    
1. Freikaufen geht fast immer ....
fastallesklar 17.07.2013
"auf die Zahlung von einer Million Euro geeinigt. Im Gegenzug wurden die Ermittlungen gegen das Unternehmen eingestellt." Immerhin war es der Reederei 1 Million wert, dass ihre Schuld an dem Unglück nicht weiter öffentlich diskutiert wird. Ein Schelm der Böses dabei denkt ....
2. Der unsichtbare Nebenkläger
ihawk 17.07.2013
Der unsichtbare Nebenkläger dürfte doch wohl die Versicherung sein. Nur beim Kapitän ist wahrscheinlich nichts zu holen, außer der juristischen Rache für eine verantwortungslose Leistung als Kapitän. Für die Versicherung ist es wohl wichtig, dass die Reederei von jeglicher Schuld freigesprochen wird und damit Schadenersatzansprüche abgewehrt werden können.
3. Sorry, sorry, sorry...
svizzero 17.07.2013
Freikaufen ist kein Problem, wenn man weiss, wer die eigentlichen Besitzer der Reederei sind. Sorry, aber diese Leute machen ihrer Herkunft einmal mehr alle Ehre. Sorry für den Blumenhändler, der nicht mehr schlafen kann. Sorry für alle, die ihre Geliebten verloren haben. Da wird Mauschelei auf höchster Ebene betrieben.
4.
laurent1307 17.07.2013
Was er vom Prozess in Grosseto erwartet? "Ich hätte gern Vertrauen in die italienische Justiz", sagt er. Zitat Ende. Im Lande Berlusconis....
5. Beförderung
Fuerstbischof 17.07.2013
Empfehle Herrn Schettano vom Kapitän zum Kenteradmiral zu befördern. Dies entspräche der Handhabung des deutschen Verteidigungsministeriums. Das beförderte den Verantwortlichen für das Kundus-Malheur, Oberst Klein, der das Bombardement anordnete bei dem 200 Menschen starben, zum Brigadegeneral.
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