Gewalt in Cottbus Feuerlöscher gegen den Kopf

Die Stimmung in Cottbus ist seit Monaten angespannt. Nach einer Reihe von Gewalttaten will Bürgermeister Kelch jetzt "den Druck erhöhen" - und Waffenverbotszonen einrichten.

Asylbewerberheim in der Hegelstraße in Cottbus
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Asylbewerberheim in der Hegelstraße in Cottbus

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In der vergangenen Woche kam es zwischen Bewohnern eines Flüchtlingsheims in Cottbus zu einer brutalen Prügelei. Auf dem Sportplatz vor der Unterkunft im Süden der Stadt traf eine Gruppe junger Afghanen auf mehrere tschetschenische Männer. Ein Tschetschene erlitt eine Stichwunde im Brustkorb, zwei Tschetschenen kamen mit Kopfverletzungen, drei Afghanen mit Gesichtsverletzungen ins Krankenhaus.

Der Anlass für die Schlägerei war wohl eine Banalität: Laut Polizei hatten sich die Tschetschenen schon Tage zuvor an dem entblößten Oberkörper eines Afghanen gestört - der junge Mann hatte nach dem Training sein T-Shirt ausgezogen.

In Cottbus herrscht seit Monaten eine aufgeheizte Stimmung - einzelne Gewalttaten befeuern die Verunsicherung. So zum Beispiel im Januar, als eine Gruppe junger Syrer ein Ehepaar in einem Einkaufszentrum mit einem Messer bedrohte. Laut einem Polizeibericht warfen die Jugendlichen der Frau vor, sie nicht mit "Respekt" behandelt zu haben, dann gingen sie auf deren Ehemann los.

Immer wieder kommt es auch zu rassistischen Übergriffen. In der Neujahrsnacht attackierten mehrere Männer drei Afghanen in einer Flüchtlingsunterkunft, die Polizei fahndet öffentlich - bis heute erfolglos. Die rechte Szene in der Stadt ist stark, hier marschiert die "Identitäre Bewegung" oder der rechte Verein "Zukunft Heimat" bei Demonstrationen mit mehreren Tausend Unterstützern. Bei der Bundestagswahl 2017 holte die AfD den größten Anteil der Stimmen.

Im Video: Stimmungsbericht aus Cottbus

Ney Sommerfeld

Ein Polizeisprecher bemüht sich um Einordnung: "Insgesamt nimmt die Zahl der Straftaten in Cottbus sogar ab. Es ist aber eher eine Gefühlsfrage, ob sich Bürger in der Stadt sicher fühlen." Die Cottbusser seien verunsichert, auch wegen der Berichterstattung in den Medien, die die Kriminalität in der Stadt als außergewöhnlich hoch darstellten.

"Druck erhöhen"

Während die Stadtpolitik bisher mit eher weichen Methoden wie öffentlichen Diskussionsveranstaltungen reagierte, will sie nun Stärke demonstrieren - und Waffenverbotszonen einrichten. Vor Kurzem hatte der hessische Landesinnenminister Peter Beuth gefordert, die Einführung solcher Zonen bundesweit zu erleichtern.

"Wir müssen den Druck auf die erhöhen, die sich nicht an das geltende Recht halten", sagt Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) dem SPIEGEL. Hintergrund sei, so der Bürgermeister, die anfangs beschriebene Serie von Auseinandersetzungen unter Flüchtlingen in der vergangenen Woche.

Denn der Streit der beiden Gruppen war mit der Einlieferung der Verletzten in die Klinik nicht beendet. "In der Notaufnahme des Krankenhauses ging es weiter. Ein Tschetschene schlug einem Afghanen mit einem Feuerlöscher gegen den Kopf", sagte ein Polizeisprecher.

Später habe dann eine Gruppe von Männern, die mit Holzlatten bewaffnet gewesen sei, einen Mann in der Innenstadt verfolgt. Nur wenige Minuten später sei ein weiterer Notruf eingegangen. Ein Syrer war von einer Gruppe Männer mit Pfefferspray angegriffen, verprügelt und schließlich ausgeraubt worden. Die Polizei nahm 26 Tschetschenen noch in der Nacht zu Mittwoch in Gewahrsam. Bei einer Razzia im Flüchtlingsheim stellte die Polizei Golfschläger und andere "gefährliche Gegenstände" sicher.

Vorbild Hamburg?

Wo genau die Verbotszonen verlaufen und ab wann sie gelten sollen, ist laut Oberbürgermeister Kelch noch nicht klar. "Denkbar sind etwa der Innenstadtbereich, Asylbewerberunterkünfte oder Einkaufsmärkte. Eben dort, wo verschiedene Gruppen aufeinander treffen." In diesen Zonen seien Taschenkontrollen durch die Polizei möglich.

Für die Umsetzung der Verbotszonen wolle man sich am "Hamburger Vorbild" orientieren, so Kelch. Die Hansestadt hatte 2007 Waffen im Bereich des Rotlichtviertels rund um die Reeperbahn verboten. Wer dort Pfefferspray, Messer, Schusswaffen oder einen Knüppel mit sich führt, muss mit Bußgeldern rechnen.

Man werde Gespräche mit Hamburg aufnehmen, um Erfahrungen auszutauschen. Die Hamburger Polizei wertet die Einrichtung der Verbotszone als positiv: "Seit dem Jahr 2016 konnten wir 249 Waffen sicherstellen. Wir gehen davon aus, dass wir damit Straftaten verhindert haben", sagte ein Sprecher. Im Stadtteil St. Pauli, in dem auch die Reeperbahn liegt, ist die Zahl der gefährlichen Körperverletzungen im Jahr 2017 allerdings um 1,7 Prozent gestiegen.

Der Cottbusser Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, André Kaun, sieht die Pläne kritisch. "Die Errichtung einer Verbotszone impliziert, dass Flüchtlinge immer Waffen bei sich tragen. Das stimmt einfach nicht." Statt für mehr Sicherheit zu sorgen, schränke eine solche Zone die Freiheit aller Bewohner der Stadt ein - die Polizei dürfe schließlich unangekündigt Taschenkontrollen durchführen.

"Diese Waffenverbotszone soll den Bürgerinnen und Bürgern ein Sicherheitsgefühl vorgaukeln. Idioten kann man aber nicht durch ein Verbot oder durch Taschenkontrollen verhindern", sagt Kaun.

Am vergangenen Wochenende fand in Cottbus das jährliche Stadtfest statt. Die Polizei hatte schon im Vorfeld Sorge, dass die Situation eskalieren könnte. Die Beamten forderten Verstärkung an. Für das gesamte Areal sprachen sie außerdem ein Waffenverbot aus.

Ganz ruhig blieb es dennoch nicht: In der Nacht zu Sonntag prügelten Syrer und Deutsche rund um die Cottbusser Stadthalle aufeinander ein. Unter anderem warf ein Beteiligter mit einer Glasflasche und traf einen Mann am Kopf. Die Diskussion über die Waffenverbotszonen sei vorerst eine politische, so der Polizeisprecher. Man könne sich nicht dazu äußern, ob sie in Cottbus Gewalttaten verhindern werden.

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