Crime Mapping: Landkarten des Bösen

Von Michael Jürgs

Drei Morde hat Martin N. gestanden, die Ermittler gehen davon aus, dass der Pädagoge Dutzende weitere Verbrechen begangen hat. Mit Hightech wollen sie ihm auf die Schliche kommen. Sogenannte Crime Mapper erstellen Lagebilder, gleichen Informationen über Tatorte und mögliche Täter ab.

Soko "Dennis": Fahndungserfolg nach fast zehn Jahren Fotos
SPIEGEL TV Magazin

Drei Morde an Kindern hat der Verdächtige Martin N. gestanden. Das dürfte für ein Lebenslänglich-Urteil reichen. Doch die Sonderkommission "Dennis", so benannt nach einem von N.s Opfern, ist mit ihren Ermittlungen noch lange nicht am Ende. Die Beamten vergleichen grenzübergreifend unaufgeklärte Kindsmorde aus den letzten 20 Jahren mit den Aktivitäten und Reisen des Inhaftierten. Ohne die Hilfe modernster Technik, die es ermöglicht, Bewegungsprofile oder Lagebilder zu erstellen, hätten die Ermittler allerdings kaum eine Chance.

Lagebilder werden von Kriminalgeografen erstellt: Auf einem Stadtplan oder einer Landkarte werden mittels geografischer Informationen und raum-zeitlicher Koordinaten Tatorte und Täter miteinander verknüpft - und mögliche Parallelen interpretiert. Im Fall Martin N. Aufenthalte des Täters in Ferienheimen oder Jugendfreizeiten und Orte, an denen ein Kind verschwand. Crime Mapper, wie sie im Fachjargon heißen, können einen Serienzusammenhang von Taten identifizieren, die den vor Ort tätigen Spurensuchern, den operativen Ermittlern, nicht auffallen würden.

Dazu brauchen die Spezialisten eine Software namens GIS, sogenannte Geografische Informationssysteme. GIS ist eine Standard-Software, wie sie auch Google View benutzt, die aber nach bestimmten kriminaltechnischen Anforderungen mit unterschiedlichen Tools aufgerüstet wurde. GIS ist als Verbindung von Geografie und gespeicherten Daten für die Bekämpfung der modernen Kriminalität so unverzichtbar, wie Fingerabdrücke oder DNA oder Biometrik es sind.

Die Ideen liefert ein Mensch, die Software setzt sie nur um

So lässt sich zum Beispiel lückenlos nachweisen, wann und wo mit einem Handy telefoniert und ob ein bestimmtes Mobiltelefon zeitlich und räumlich aktiviert wurde, bevor kurz darauf ein Verbrechen stattfand. GIS ist nicht nur ein Programm, nicht nur ein System, nicht nur Technologie auf höchstem Niveau, GIS ist die entscheidende Waffe der Crime Mapper, denn nur mit GIS können sie in digitalen Landkarten das Böse sichtbar machen. Es bleibt die Aufgabe der Ermittler, Verdächtigen nachzuweisen, dass ihre Beziehung zu bestimmten GIS-Daten kein Zufall ist. Mit den Daten haben sie eine ziemlich überzeugende Waffe in der Hand.

Mit dem System, dessen Software von Spezialfirmen entwickelt wurde und das laufend verbessert wird, lassen sich Informationen über Objekte, Personen, Stromverbrauch, den Einsatz von Kreditkarten und Reiserouten aus Datenbanken, Satellitenfotos oder von der Spurensicherung holen und zu einem kriminalgeografischen Gesamtbild vereinen.

Die Kunst eines Crime Mappers besteht darin, alle denkbaren Verbindungen durchzuspielen und zu testen, um auf den möglicherweise entscheidenden Punkt zu stoßen. Die Ideen liefert jedoch nicht die Software, die setzt sie nur um. Die Ideen liefert ein Mensch.

Dienstpläne, Urlaubszeiten - alles ist von Bedeutung

Was man aus den allgemein zugänglichen Daten der Geografie erfährt, reicht für die Oberfläche - Flüsse, Städte, Straßen, Wälder. Mit GIS werden zum Beispiel Tatorte geordnet, um sogenannte Ankerpunkte zu finden. Ankerpunkte sind ein oder mehrere Orte, die im Leben eines Täters eine zentrale Rolle spielen oder gespielt haben, und zwar so zentral, dass er die Umgebung gut kennt - also nach einer Tat fliehen kann, ohne sich zu verlaufen. Das ist der heutige Wohnort, das sind frühere Wohnorte. Im Fall Martin N. sind es Standorte von Ferienheimen, Zeltlagern, Schullandheimen, die er als Jugendbetreuer alle kannte.

Was dann auf der Landkarte auftaucht, sind viele rote Punkte. Sie stehen für die Tatorte. Die Linien zwischen ihnen könnten die Wege möglicher Täter oder eines Täters darstellen - hin zum Tatort oder zurück nach Hause. Genau diese vielen roten Punkte werden jetzt verglichen mit anderen Punkten, blauen zum Beispiel, die aus dem Leben eines Verdächtigen ermittelt wurden - mit Hilfe gespeicherter Daten einer Kreditkarte, möglichen Auskünften eines Mobilfunk-Providers, Dienstplänen und Urlaubszeiten.

Die Vorteile von GIS für Ermittlungen haben englische Polizeibehörden und vor allem die Metropolitan Police Services (MPS), auch bekannt als Scotland Yard, früher als andere erkannt: Rund 400 Crime Mapper werden regelmäßig eingesetzt für den Kampf gegen das moderne Verbrechen. Kriminalisten aller deutschen Landeskriminalämter lassen sich inzwischen auch an GIS schulen, um digitale Landkarten des Verbrechens strategisch und operativ einzusetzen.

Die Zeiten, in denen Stecknadeln in Landkarten gepinnt wurden, gehören der Vergangenheit an. Die Beamten vom bayerischen Landeskriminalamt haben nicht nur GIS in ihre kriminalistische Arbeit integriert, sie benutzen außerdem ein hochmodernes Visualisierungssystem des Verbrechens, abgekürzt Gladis - Geografisches Lage-, Analyse-, Darstellungs- und Informationssystem. Damit lassen sich jederzeit alle Straftaten in München oder Bayern aufrufen, die zu einer bestimmten Tages- oder Nachtzeit und in einer bestimmten geografischen Umgebung begangen wurden.

Alle eingegebenen Informationen, die GIS intelligent verknüpft und dann als dreidimensionale farbige Grafik auf dem Monitor eines Crime Mappers auswirft, sind zwar substantiell. Immer aber bleiben Zweifel. Die Analysen liefern Wahrscheinlichkeiten, mehr nicht. Doch mit denen konfrontiert, das lehrt die kriminalistische Erfahrung, sehen viele Täter nur noch einen Ausweg: zu gestehen.

Darauf bauen auch die Beamten der Sonderkommission "Dennis".

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
GyrosPita 21.04.2011
Schön zu sehen das unsere Polizei auch mal technisch auf den neuesten Stand hochrüstet. Allerdings werden sich mit 1000%iger Sicherheit schon sehr bald irgendwelche BeauftragtINNEN melden die schwerste Bedenken gegen diese Fahndungsmethode haben...
2. Oh weh, Herr Jürgs....
borsig, 21.04.2011
16 Jahre nachdem 'Spiegel' und 'Stern' ins Web gegangen sind sollte auch jemand aus der Generation 50+ mit Google umgehen können. GIS ist keine Standardsoftware, sondern eine Software-Gattung (Geoinfomationssystem) und Google View heißt wohl eher 'Street View'. Kein Wunder, wenn wir bei diesen Recherchestandards demnächst alle verblöden...
3. Ungleichbehandlung bei der Justiz
tschort 21.04.2011
Zitat von sysopDrei Morde hat Martin N. gestanden, die Ermittler gehen davon aus, dass der Pädagoge Dutzende weitere Verbrechen begangen hat. Mit Hightech wollen sie ihm auf die Schliche kommen. Sogenannte Crime Mapper erstellen Lagebilder, gleichen Informationen über Tatorte und mögliche Täter ab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,758448,00.html
Die Privatsphäre des Angeklagten wird akribisch geschützt. In allen Presseberichten in Deutschland heisst er nur Martin N. Warum wird der Angeklagte Jörg Kachelmann nicht gleich behandelt? Warum schreibt man nicht über den Angeklagten Jörg K.? Hat Jörg Kachelmann kein Anrecht auf den Schutz seiner Privatsphäre? Wer ist daran interessiert, seine Karriere zu demolieren?
4. "Das dürfte für ein Lebenslänglich-Urteil reichen "
docker 21.04.2011
Zitat von sysopDrei Morde hat Martin N. gestanden, die Ermittler gehen davon aus, dass der Pädagoge Dutzende weitere Verbrechen begangen hat. Mit Hightech wollen sie ihm auf die Schliche kommen. Sogenannte Crime Mapper erstellen Lagebilder, gleichen Informationen über Tatorte und mögliche Täter ab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,758448,00.html
"Das dürfte für ein Lebenslänglich - Urteil reichen". Dürfte es ? Lebende Tote wie N. haben anderes verdient, auch wenn sie intelligent und höflich und hilfsbereit und pünktliche Mietzahler waren.
5. :::
DELAN, 21.04.2011
Zitat von docker"Das dürfte für ein Lebenslänglich - Urteil reichen". Dürfte es ? Lebende Tote wie N. haben anderes verdient, auch wenn sie intelligent und höflich und hilfsbereit und pünktliche Mietzahler waren.
Auch wenn mir der Tod des Betreffenden adäquat erscheint, so begibt man sich mit der Forderung nach der Todesstrafe auf sehr wackliges Terrain. Denn dann ist die Gesellschaft, der Staat der Mörder - und das aus ähnlich niederen Beweggründen - man denke an einen Mord aus Rache. Und nichts anderes als Mord aus Rache begeht dann eine Gesellschaft, ein Staat. Vielleicht sollten die Befürworter der Todesstrafe einmal darüber nachdenken, dass das Leben-lassen und lebenslänglich wegsperren eine viel schlimmere Strafe sein kann? Zumindest ist sie ethisch vertretbar - die Todesstrafe ist es nicht.
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Zur Person
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Michael Jürgs, Journalist und Autor, war unter anderem Chefredakteur des "Stern". Er hatte insbesondere mit Biografien über Romy Schneider, Günter Grass oder Axel Springer sowie mit Sachbüchern wie "Der kleine Frieden im Großen Krieg" oder seiner Bilanz der deutschen Einheit unter dem Titel "Wie geht's, Deutschland?", die zum Teil verfilmt wurden, großen Erfolg. Seine Streitschrift "Seichtgebiete – warum wir hemmungslos verblöden" stand monatelang auf den Bestsellerlisten.