Kampf gegen Crystal Meth in Bayern "Grenze des Ertragbaren"

Die Verbreitung von Crystal Meth in Deutschland steigt immer weiter - fast die Hälfte der sichergestellten Menge wurde in Bayern gefunden. Der Freistaat rüstet im Kampf gegen die Dealer auf, doch Kritiker bemängeln die Politik als verfehlt.

Drogenspürhund im bayerischen Selb : Bekämpfung von Crystal Meth
DPA

Drogenspürhund im bayerischen Selb: Bekämpfung von Crystal Meth

Von , Mario Born und Bastian Pauly


Der Kampf gegen Crystal Meth stellt Bayern vor größere Probleme als bisher bekannt. Nach Angaben des Innenministeriums hat der Freistaat massiv aufgerüstet, um die Verbreitung der Droge einzudämmen. 670 Polizisten beschäftigen sich mittlerweile ausschließlich mit Crystal-Meth-Delikten. Seit 2008 haben die bayerischen Ermittler 44 Labore ausgehoben. Das geht aus einer Antwort des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Landtagsfraktion hervor.

In dem Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, informiert das Innenministerium detailliert über Taktik, Personaleinsatz und zahlreiche länderübergreifende Kooperationen in der Bekämpfung von Crystal Meth. "Wir haben ein massives Problem, wie diese Zahlen nun eindeutig belegen", sagt Katharina Schulze, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag.

Allein in Bayern wurden laut "Drogen- und Suchtbericht" der Bundesdrogenbeauftragten im vergangenen Jahr rund 36 Kilogramm Crystal Meth sichergestellt - bundesweit waren es etwa 77 Kilogramm. Innenminister Hermann setzt im Kampf gegen Dealer und Konsumenten auf verstärkte Kontrollen und wachsenden Fahndungsdruck. 560 sogenannte Schleierfahnder sollen im Grenzraum zu Tschechien und Österreich Schmuggler durch verdachtsunabhängige Kontrollen aufspüren.

"Übersteigt nicht selten die Grenze des Ertragbaren"

Allein im fränkischen Hof arbeiten aktuell 18 Kriminalpolizisten in einer Soko Crystal zusammen. Die Stadt nahe der tschechischen Grenze gilt als Hochburg für den illegalen Handel. Auch bei der Justiz erhöht Bayern die personelle Schlagkraft. Anfang Oktober wurden die Staatsanwaltschaft und das Amtsgericht in Hof jeweils um eine halbe Stelle verstärkt, wie das Innenministerium mitteilte. Diese Zahlenspiele stoßen in Ermittlerkreisen allerdings auf Misstrauen. "Die kleinen Inspektionen kommen längst nicht mehr dem Tagesgeschäft hinterher. Personell und menschlich übersteigt es nicht selten die Grenze des Ertragbaren", berichtet ein leitendender Beamter aus Niederbayern.

Die Grünen im bayerischen Landtag kritisieren eine einseitige Drogenpolitik. Im Innenministerium werde Repression der Prävention vorgezogen, beklagt Innenpolitikerin Schulze. "Das Problem wird ausschließlich auf die Kommunen und die Polizei abgeschoben. Die sind damit völlig überlastet." Präventive Maßnahmen, die das "ganzheitliche Bekämpfungskonzept" des Landes ebenfalls vorsieht, bleiben den Schulen und Bezirken vorbehalten. Dafür steht demnächst allerdings weniger Geld zur Verfügung. "Im kommenden Haushalt werden die Ausgaben für Aufklärungsarbeit von 400.000 auf 180.000 Euro gekürzt", erklärt Schulze.

In den Entzugseinrichtungen wird die Zahl der Crystal-Meth-Konsumenten, die sich von der Droge lossagen wollen, derweil größer. Zwischen 2008 und 2012 hat sich die Zahl der hilfesuchenden Abhängigen laut Innenministerium von 244 auf 1014 mehr als vervierfacht. Auch die Zahl der Drogentoten ist in Bayern in den vergangenen Jahren wieder angestiegen. Bei 18 von 230 Menschen, die 2013 in Bayern ihrer Sucht zum Opfer fielen, wurde auch die Einnahme von Crystal Meth nachgewiesen. "Endlich liegen diese Zahlen auf dem Tisch", sagt Schulze. Dabei sei es längst zu spät. "Die Probleme werden vom Innenministerium lieber totgeschwiegen und verwaltet."

Die Drogenpolitik im Freistaat gehe an den Menschen vorbei, ist die Abgeordnete überzeugt. Mit der Prohibition sei noch niemand bekehrt worden. Vielerorts fehlen die Anlaufstellen für Abhängige und deren Angehörige. Dem soll nun eine neue Telefon-Hotline des Regensburger Drogenhilfe-Vereins "DrugStop" Abhilfe verschaffen. Das bayerische Gesundheitsministerium fördert das Modellprojekt bis Juli 2016 mit 120.000 Euro. Der wachsende Bedarf zeigt sich laut einer Sprecherin der zuständigen Ministerin Melanie Huml (CSU) auf der von der Caritas getragenen Online-Beratungsplattform "Mindzone", die allein in den vergangenen Monaten eine Verdoppelung der Anfragen verzeichnete.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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rroggenbrot 24.10.2014
1.
Die Prohibition ist falsch, darüber braucht man überhaupt nicht diskutieren denn alles relevante wurde zu genüge dargelegt. Der Wähler wäre gefordert falscher Politik ein Ende zu setzen, doch in unserer Postdemokratie ist das ohnehin nur noch auf dem Papier der Fall. Also weiter ohne Sinn und Verstand die Leute schmutziges Meth nehmen lassen und klatschen wenn die Polizei stolz Beschlagnahmtes präsentiert - Du bist Deutschland.
niska 24.10.2014
2.
Das Problem ist hausgemacht. Würde man in Bayern nicht jeden kleinen Kiffer an die Wand stellen und das Zeug legalisieren müssten die Leute nicht im oder aus dem Nachbarland unkontrolliert die ganze und damit auch heftige Speissekarte hoch und runter kaufen und derb süchtig werden.
nullneunelf 24.10.2014
3. Nachdem
gestern in schöner Regelmäßigkeit irgendeine von Aufsehen erregenden Aussagen wirtschaftlich existierende Einzelperson wie üblich ausreichte, sämtliche Feierabendbier und synthetische Drogen auf eine Ebene schwafelnde Realitätsablehner hinter dem Ofen vorzulocken, heute eine winzige Prise Realität, oder was? Klar, gerade die Grünen werden sicher viele vormals völlig etablierte Menschen gut kennen, die auch so superschlau und im-Griff-habend waren...als besonders gescheite Schulbubis mit Lebenserfahrung Null. In zahlreichen überfüllten Einrichtungen könnten sie die besuchen, die die Trümmer ihres Lebens zusammenkehren. Auch das sind nur die, bei denen es selten von selbst, meist durch mitleidende Verwandtschaft gelang, wenigstens diesen Schritt zu gehen und unter üblen Anstrengungen sehr weit von vorne anfangen. Nur nebenbei zudem auf Kosten aller, was man ja vor lauter Harmlos-Begeisterung für vollkommen selbstverständlich zu. halten scheint. So, jetzt bitte die Relativierer, Sie haben das Wort für den üblichen Feldzug.
imlattig 24.10.2014
4. die bayern...
sollten gegen das biertrinken vorgehen. der alkoholismus fordert in diesembundesland jedes jahr tausende von toten. entweder alle drogen verbieten,alkohol gehoert dazu, oder alle erlauben. alles andere ist unsinn.
dreifaltiger_specknacken 24.10.2014
5. An der csU-bayerischen
verdienen viele Stakeholder nicht schlecht. Neben der Kleinkifferverfolgung, deren Kosten im Bund ca. 1,3 Mrd. € beträgt, von denen sich Bayern einen Großteil als Staatsquotenmaßnahme gönnt, natürlich v.a. die Dealer. Hauptsache ist aber, dass ein debiler, sachfremder Symbolismus des "Konservativen" aufrecht gehalten werden kann, da sind Epidemiologie, Medizin und Menschen sch*egal. Bayern erlaubt z.B. als einziges Bundesland keine Fixerstuben um sich regelmäßig mit den höchsten Drogentotenraten als willkommenen Anlass für neue dysfunktionle Dorfmoralmethoden zu erfreuen.
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