Nach Suizid eines Kommilitonen Jury spricht US-Student wegen Cybermobbings schuldig

Der Fall löste in den USA eine Debatte über Mobbing und Diskriminierung aus: Ein heute 20-Jähriger hatte einen homosexuellen Kommilitonen bei dessen Treffen mit einem Liebhaber gefilmt und damit auf Twitter geprahlt. Das Mobbing-Opfer brachte sich um. Nun wurde das Urteil gesprochen.

Dharun Ravi: Schuldig in allen Anklagepunkten
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Dharun Ravi: Schuldig in allen Anklagepunkten


Kurz bevor Tyler Clementi in sein eigenes Leben aufbrach, sagte er seinen Eltern, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, nicht zu Frauen. Er zog dann los, es ging an die Rutgers University in New Jersey. Studenten wohnen dort zusammen, ihm wurde Dharun Ravi zugeteilt, beide waren damals 18 Jahre alt, hatten ansonsten jedoch kaum Gemeinsamkeiten. Clementi galt als schüchtern, ein begabter Geiger. Ravi wird als prahlerisches Computer-Genie beschrieben, ein leidenschaftlicher Sportler.

Einige Kommilitonen sagten später aus, sie hätten Ravi nie etwas Schwulenfeindliches sagen hören, andere sagten allerdings, er habe Bedenken zum Ausdruck gebracht, mit einem Schwulen zusammenzuwohnen.

Es war der 19. September, an dem Clementi laut Zeugenaussagen Ravi bat, den gemeinsamen Raum zu verlassen, er wolle einen Gast empfangen. Ravi twitterte: "Mitbewohner wollte den Raum bis Mitternacht haben. Ich bin in Mollys (eine Freundin, Anm. d. Redaktion) Zimmer gegangen und habe meine Webcam angeschaltet. Ich habe gesehen, wie er mit einem Kerl rummachte. Juhu."

So fing es an. Am Ende war Clementi tot.

Am Freitag haben die Geschworenen ihr Urteil gesprochen in einem Fall, der die USA schockierte, der eine heftige Debatte auslöste über Mobbing, die Gefahren des Internets und Diskriminierung von Homosexuellen. Sie sprachen Ravi in allen Anklagepunkten schuldig, er wurde verurteilt für ein "Hate Crime", ein Hassverbrechen, das einiges verändert hat im Bewusstsein der Menschen und teilweise auch in der Gesetzgebung.

Zwei Nächte nach den ersten heimlichen Aufnahmen bat Clementi erneut darum, alleine im Raum zu sein. Ravi teilte per Twitter mit: "Ich fordere euch auf, mit mir ein Video zu sehen zwischen 21.30 Uhr und 0 Uhr. Ja, es passiert wieder." Er schrieb zudem einem Freund von einer "Video-Party" und ging zu anderen, um ihnen zu zeigen, wie sie sich die Livebilder ansehen können.

Es konnte nicht bewiesen werden, dass die Kamera in dieser Nacht tatsächlich an war. Ravi sagte gegenüber der Polizei, er habe seinen Computer, an dem die Kamera angeschlossen war, heruntergefahren. Die Staatsanwaltschaft war der Ansicht, Clementi selbst habe den Rechner ausgemacht.

Laut Zeugenaussagen leitete Clementi nach dieser Nacht ein Verfahren in die Wege, um einen anderen Mitbewohner zu bekommen. Doch dann entschied er sich anders. Es war der 22. September, er loggte sich bei Facebook ein und schrieb einen letzten Satz: "Jumping off the gw bridge, sorry" ("Ich springe von der George Washington Bridge, sorry"). Danach ging er los, betrat die Brücke, die New York City und New Jersey verbindet, und sprang in den Tod.

In den letzten beiden Tagen seines Lebens hatte er Ravis Twitter-Seite 38 Mal besucht.

Clementis Tod fiel in eine Zeit, in der eine Suizidserie unter homosexuellen Teenagern die USA entsetzte. Präsident Barack Obama tat seine Besorgnis kund, die Gesetzgeber von New Jersey setzten ein strengeres Gesetz gegen Mobbing in Kraft, Talk-Moderatorin Ellen DeGeneres prangerte Clementis Suizid in einer bewegenden Videobotschaft an.

Während des Prozesses hatte Ravis Verteidiger argumentiert, sein Mandant hege keine Feindschaft gegen Schwule, seine Tat sei die eines unreifen Kindes. Zudem habe Ravi die Kamera installiert, weil er fürchtete, Clementis Besucher beklaue ihn.

Ravi wurde in allen 15 Anklagepunkten schuldig gesprochen. Der schwerwiegendste: Einschüchterung auf Grund der sexuellen Orientierung, ein Hassverbrechen, für das alleine zehn Jahre Haft verhängt werden können. Rechtsexperten gehen jedoch davon aus, dass Ravi höchstens diese zehn Jahre bekommen werde. Der Suizid von Clementi war kein Thema in der Anklage.

Zudem könnte er nach Indien abgeschoben werden, auch wenn er legal in den USA lebt, seit er ein kleiner Junge ist. Das Strafmaß soll am 21. Mai verkündet werden.

Als die Jury ihr Urteil verkündete, war Ravis Blick nach unten gerichtet, er zeigte keine Reaktion. Die Eltern von Clementi saßen im Publikum, sie nahmen sich in die Arme.

Später ergriff Clementis Vater Joe das Wort, an Studenten und andere junge Menschen gerichtet sagte er: "Ihr werdet eine Menge Leute in eurem Leben treffen. Manche werdet ihr vielleicht nicht mögen, aber das ist kein Grund, gegen sie anzugehen."

bim



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