Dachauer Todesschütze: Gutachter hält Rudolf U. für schuldfähig

Ein psychiatrischer Gutachter hat bei dem Dachauer Todesschützen keine "krankhafte seelische Störung" diagnostizieren können, Rudolf U. ist seiner Ansicht nach schuldfähig. Der 55-Jährige ist wegen des Mordes an einem Staatsanwalt angeklagt.

U. in einem Krankenbett im Gericht: Anklage wegen Mordes und dreifachen Mordversuchs Zur Großansicht
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U. in einem Krankenbett im Gericht: Anklage wegen Mordes und dreifachen Mordversuchs

München - Der Todesschütze von Dachau ist nach Einschätzung eines psychiatrischen Gutachters schuldfähig. Rudolf U. habe zwar eine Persönlichkeitsstörung mit fanatischen und querulatorischen Zügen, sein Einsichts- oder Steuerungsvermögen sei jedoch nicht beeinträchtigt gewesen, sagte der Aachener Psychiater Henning Saß im Prozess vor dem Münchner Landgericht. Er habe "keine Zweifel an der Schuldfähigkeit" des Angeklagten.

Der 55-jährige insolvente Transportunternehmer muss sich wegen Mordes und dreifachen Mordversuchs vor Gericht verantworten. Er hatte im Januar einen jungen Staatsanwalt im Amtsgericht Dachau erschossen. U. hat die Tat gestanden, er habe den Staatsanwalt und den Richter aus Wut über mehrere verlorene Gerichtsverfahren erschießen wollen, sagte er. Der inzwischen beinamputierte Mann nimmt in einem Krankenbett an dem Mordprozess teil.

"Eine krankhafte seelische Störung hat sich nicht finden lassen", sagte Saß. Auch ein Schlaganfall im Jahr 2010 habe keine bleibenden psychischen Schäden verursacht. U. handelte seiner Ansicht nach auch nicht im Affekt, als er im Gerichtssaal das Feuer eröffnete. "Da ist nicht in der Situation etwas über ihn gekommen, sondern er hat es gewollt."

Saß hatte U. seit den Schüssen im Dachauer Amtsgericht dreimal untersucht. U.s schwierige Persönlichkeit leitete der Psychiater dabei auch aus dessen Biografie her. Durch seine uneheliche Herkunft, Unterbringung im Heim und Adoption habe "aus psychiatrischer Sicht eine gewisse Hypothek" auf dem Leben des Angeklagten gelegen, dies habe eine Belastung und Unsicherheit bedeutet.

Deckung unter dem Richtertisch

Im Prozess hatte zuvor der damalige Richter den Tathergang im Dachauer Gerichtssaal geschildert. Die ersten Schüsse seien gefallen, während er das Urteil verlesen habe, sagte Lukas Neubeck. Er sei gerade noch rechtzeitig in Deckung gegangen. Er habe unter dem Richtertisch ausgeharrt, bis U. überwältigt gewesen sei. Die Waffe des Angeklagten habe er zunächst nicht für eine echte Pistole gehalten.

Voraussichtlich am Donnerstag sollen Staatsanwalt, Nebenklage und Verteidigung ihre Plädoyers halten. Allerdings beantragte Maximilian Kaiser, der Wahlverteidiger des Angeklagten, am Mittwoch die Absetzung des Vorsitzenden Richters am Landgericht wegen Befangenheit sowie die Einstellung des Verfahrens. Darüber muss zunächst entschieden werden. Kaiser hatte auch die Ablösung des Sachverständigen Saß verlangt.

aar/dpa/dapd

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