Tödliche Schüsse auf Dachauer Staatsanwalt: Angeklagter legt Geständnis ab

Wegen tödlicher Schüsse auf einen Staatsanwalt wird Rudolf U. in München der Prozess gemacht - ein Verfahren, dem sich der schwerkranke Angeklagte verweigern wollte. Jetzt wurde er im Krankenbett dem Richter vorgeführt und legte ein Geständnis ab.

Angeklagter: Rudolf U. wird vor Beginn der Verhandlung in den Gerichtssaal geschoben Zur Großansicht
dapd

Angeklagter: Rudolf U. wird vor Beginn der Verhandlung in den Gerichtssaal geschoben

München - Im Prozess um die tödlichen Schüsse auf einen Staatsanwalt im Dachauer Amtsgericht hat der Angeklagte ein Geständnis abgelegt. "Ich habe den Staatsanwalt erschossen und den Richter wollte ich erschießen, aber bin nicht mehr dazu gekommen", sagte Rudolf U. vor dem Landgericht München aus. Er bestritt jedoch die Vorwürfe, dass er auch seine eigene Rechtsanwältin sowie den Protokollführer habe erschießen wollen.

Gefragt nach dem Motiv verwies U. auf die aus seiner Sicht ungerechte Behandlung bei vorausgegangenen Gerichtsprozessen. "Ich bin 19 Mal verurteilt worden, das war nicht rechtens", sagte er. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Martin Rieder, ob dies rechtfertige, andere Menschen umzubringen, entgegnete der Angeklagte erregt: "Sie haben zwei Instanzen und verlieren - was machen's dann? Sie verlieren 150.000 Euro und nehmen's einfach hin?"

U. ist wegen Mordes und versuchten dreifachen Mordes angeklagt, weil er im Januar vor dem Amtsgericht Dachau am Ende eines Prozesses gegen ihn um sich geschossen hatte. Dabei tötete er einen 31 Jahre alten Staatsanwalt. Außerdem versuchte er laut Anklage, den Richter zu erschießen und nahm billigend in Kauf, mit seinen Schüssen seine eigene Verteidigerin und einen Justizbeamten zu töten. Als Motiv geht die Staatsanwaltschaft von Rache für seine Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe wegen des Vorenthaltens von Sozialbeiträgen aus.

Er habe nichts gemacht, sagte U. in Bezug auf die Anklage wegen Sozialversicherungsbetrugs. Auf die wiederholte Nachfrage des Richters, ob dies das Töten von Menschen rechtfertige, empörte sich U.: "Ich habe die 150.000 Euro einfach abgenommen bekommen - warum, warum? So macht ihr weiter und weiter, das ist genau der Stil, den ich mir vorgestellt habe."

Zuvor hatte der Vorsitzende Richter der Strafkammer das persönliche Erscheinen des Angeklagten angeordnet. Offenbar ist der schwerkranke Transportunternehmer nun doch verhandlungsfähig. Er lag in einem Bett neben der Richterbank. Zum Prozessauftakt am Montag hatte der beinamputierte Mann gefehlt, da er abermals operiert werden musste.

Die zuständige Kammer hatte daraufhin angeordnet, gegen U. könne auch in dessen Abwesenheit verhandelt werden. Durch die Verweigerung jeder medizinischen Hilfe und eine Fehlernährung habe U. sich vorsätzlich und schuldhaft in seinen schlechten Gesundheitszustand gebracht, hieß es zur Begründung.

Als die Zuhörer am Dienstag in den Gerichtssaal gelassen wurden, lag der Angeklagte bereits in dem eigens aufgestellten Krankenbett. Äußerlich mit stoischer Ruhe ließ der Mann das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen. Auf die Frage seines Pflichtverteidigers Wilfried Eysell, wie es ihm gehe, sage er "gut". Unter einer blauen Decke liegend starrte er meistens ins Leere. Der Verlesung der Anklageschrift hörte er weitgehend regungslos zu.

Vor gut zwei Wochen war der Prozessauftakt zunächst geplatzt, weil U. nicht verhandlungsfähig war und jede Behandlung verweigerte, um sterben zu können. Danach wurde dem Diabetiker auch der zweite Unterschenkel amputiert.

wit/hut/dapd/AFP/dpa

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