Soziale Medien bei US-Schießereien Der Tod im Livestream

Alton Sterling, Philando Castile, das Dallas-Massaker: Die tödlichen US-Schießereien in dieser Woche haben eines gemein - sie wurden per Handy-Video festgehalten und teils sogar live ins Netz gestellt. Ist das gut?

Lebensgefährtin des getöteten Philando Castile
AFP

Lebensgefährtin des getöteten Philando Castile

Von , New York


Philando Castile ist am Steuer zusammengesackt. Sein Kopf ist nach hinten gefallen, seine Augen sind aufgerissen. Blut sickert in sein T-Shirt. Noch bewegt sich der Mann, er stöhnt vor Schmerzen. Dann erstarrt er.

Diamond Reynolds hält den Tod ihres Verlobten vom Beifahrersitz aus per Handy-Kamera fest. Mehr noch: Sie streamt das Video live über Facebook. Durchs Fenster ist die Waffe eines Polizisten zu sehen, noch fest im Anschlag.

Facebook/ Lavish Reynolds/ YouTube

"Bitte, bleib bei mir", fleht Reynolds. Trotzdem ist sie gefasst, protokolliert und kommentiert diesen Albtraum und versucht zugleich seinen Ausgang zu beeinflussen, indem sie ruhig auf den Polizisten einredet, damit sie und ihre vierjährige Tochter auf dem Rücksitz nicht ein ähnliches Schicksal erleiden.

Das Video vom Tod Castiles, am Mittwoch erschossen von einem Polizisten in Minnesota, ist das packendste, verstörendste Dokument von brutaler Polizeigewalt - und von der Hilflosigkeit der Schwarzen. Mehr als zehn Minuten lang lässt Reynolds die Kamera mitlaufen, als sie sich auf den Bürgersteig knien muss, als sie in Handschellen in den Streifenwagen gepackt wird, als ihr dämmert, dass ihr Verlobter tot ist, und sie schließlich die Fassung verliert: "Bitte, Jesus, nein!"

Dabei war es nicht das einzige Handy-Video dieser Art, das in dieser Woche Furore machte. Tags zuvor zeigten zwei Videos, wie der Schwarze Alton Sterling in Louisiana von Polizisten zu Boden gerungen und erschossen wurde. Ebenfalls im Livestream zu verfolgen waren die Ereignisse von Dallas, wo ein Attentäter in der Nacht zum Freitag fünf Polizisten tötete - nur drei Blocks von der Dealy Plaza entfernt, wo 1963 John F. Kennedy erschossen und zum Subjekt des berühmtesten Attentatsfilms aller Zeiten wurde, des Zapruder-Films.

Videoanalyse: "Das Misstrauen frisst sich durch die USA!"

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Amerikas Tod, schon immer ein visuelles Ereignis, wird nun live gestreamt.

Handy-Videos von Polizeigewalt sind nicht neu. Freddie Gray, Walter Scott, Eric Garner, Tamir Rice: Schon lange bilden die Amateuraufnahmen von Augenzeugen eine moderne Ikonografie des Rassismus. Doch mit den jüngsten Fällen und dem Chaos in Dallas erreicht dieses Phänomen eine krassere Dimension: Jetzt kann das Netzpublikum dem Horror in Echtzeit zuschauen.

Mordanschläge als Live-Events

Möglich machen das die etablierten sozialen Netzwerke: Twitter startete sein Periscope Live im März 2015, Facebook Live seinen Streaming-Dienst im April diesen Jahres. "Wenn du live interagierst", prahlte Facebook-Chef Mark Zuckerberg zur Premiere, "fühlst du dich auf persönlichere Weise verbunden." An die Snuff-Videos dieser Tage dachte er dabei wohl kaum.

  • Die Handy-Videos vom Tod Alton Sterlings wurden noch auf klassische Weise hochgeladen. Das eine stammt vom schwarzen Aktivisten Arthur Reed - es war das Video, das den Fall überhaupt erst zum Gesprächsthema machte. Bisher wurde es mehr als zwei Millionen Mal angeklickt. "Wir müssen die Medien nicht mehr anbetteln, dass die kommen und über unsere Geschichten berichten", sagt Reed. "Wir können es auf Social Media stellen."
  • Das andere Video stammt von Abdullah Muflahti, dem Besitzer des Mini-Markts, vor dem sich die tödliche Szene abspielte. Es zeigt den Hergang aus unmittelbarer Nähe. Muflahti zückte sein Handy, weil ihm die Polizei suspekt war.
  • Reynolds' Livestream vom Tod ihres Verlobten haben eine noch unmittelbarere Qualität. Hier schockieren die Bilder - und die Worte. Immer wieder spricht Reynolds den Polizisten mit "Sir" an, eine übliche, zugleich unterwürfige Anrede, um weiteren Zorn zu vermeiden. "Sie haben vier Kugeln in ihn geschossen, Sir", sagt sie. "Er hat doch nur nach seinem Führerschein gegriffen, Sir."
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Tödliche Schüsse in Dallas: Eine blutige Nacht
  • Auch die Videos aus Dallas flimmerten live durchs Internet - und ersetzten die mangelnden Bilder der überforderten TV-Nachrichtensender. Eines zeigt den Tod eines Polizisten direkt, wenn auch körnig: "Es sah aus wie eine Exekution", sagte Ismael DeJesus, der es aus seinem Hotelfenster aufnahm.
  • Das zweite dokumentierte das Feuergefecht aus einer anderen Perspektive. "Ich wollte sicherstellen, dass das jeder sah", sagte Michael Bautista, der es filmte, auf CNN. Ebenso packend ist seine eigene Panik: "Ich habe ein bisschen Zeit im Militär verbracht, aber so was habe ich noch nie erlebt."

Die oft brutale Natur der Videos und ihre unverzögerte, unredigierte Realität werfen denn auch brisante Fragen auf. Was nützen sie einem? Führen sie zu mehr Bewusstsein? Mehr Gerechtigkeit? Oder nur mehr Voyeurismus? Haben die sozialen Netzwerke nicht eine ethische Verantwortung, sie zu zensieren?

Die positiven Folgen sind offenbar: Die Videos bringen Transparenz und stoßen Debatten an. "Sie werfen ein Licht auf die Angst, mit der Millionen Mitglieder unserer Gemeinschaft täglich leben", kommentierte Zuckerberg den Castile-Livestream. Immer mehr Schwarze wagen sich deshalb auch nur noch mit Handy-Kameras auf die Straße, um sich zu schützen.

Die negativen Folgen sind ebenso offenbar. Die Bilder bekräftigen alte Klischees (drangsalierte Schwarze, rassistische Cops), ohne die Meinung der anderen Seite groß zu verändern. Auch kitzeln sie einen latenten Todes-Voyeurismus hervor, den die sozialen Netzwerke wiederum vermarkten.

"Videos mit drastischem Inhalt können schockieren, beleidigen und bestürzen", heißt es in der fast lachhaften Warnung, die Facebook solchen Livestreams inzwischen artig vorwegsetzt. "Bist du sicher, dass du das sehen willst?"

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Polizistenmorde in Dallas


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