Missbrauchsfälle an Schule in Darmstadt "Unsägliche Taten"

Erich B. missbrauchte Dutzende seiner Schüler, über einen Zeitraum von 33 Jahren. Ein Gutachten zeigt nun, wie der Darmstädter Lehrer vorging - und warum das Ausmaß des Verbrechens erst jetzt bekannt wird.

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Oft fing es mit Streicheln an. Die Kinder waren noch sehr jung und unbedarft, als Erich B. sie so erstmals zu Opfern machte. Der Lehrer berührte seine Schüler so lange immer wieder, bis sie den Körperkontakt mit ihm als normal empfanden. Dann wagte B. mehr, wurde schrittweise zum Vergewaltiger.

Mindestens 33 Jahre lang soll Erich B. an der Elly-Heuss-Knapp-Schule im hessischen Darmstadt auf diese Weise Dutzende Jungen missbraucht haben. Ein jetzt veröffentlichtes Gutachten legt das ganze Ausmaß seiner Vergehen offen - und wirft vor allem eine Frage auf: Wie konnte sich ein Pädagoge jahrzehntelang unbehelligt an seinen Schutzbefohlenen vergehen?

Das hessische Kultusministerium hatte die Untersuchung im März vergangenen Jahres in Auftrag gegeben, sieben Jahre nach B.s Tod. Zwei Juristinnen erstellten den erschütternden 170 Seiten langen Bericht. Die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller und die ehemalige Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt, Brigitte Tilmann, haben dafür die Tagebücher des Lehrers, Notizen seiner Opfer und Aussagen von knapp einem Dutzend Betroffener ausgewertet. Auch das Geständnis des Lehrers in einem früheren Strafverfahren lag vor. Die Juristinnen haben Erfahrung mit solchen Fällen: Sie dokumentierten schon den Missbrauch an der Odenwaldschule.

"Das war ein irrsinniger Narzisst"

1954 wurde B. Lehrer, spätestens 1961 vergriff sich er sich erstmals an Kindern, wie es im Gutachten heißt. Bis ins Rentenalter hinein, mindestens bis 1994, setzte er seine Taten fort. Oft soll er sich jahrelang an denselben Kindern vergangenen haben.

B. soll manche Schüler täglich missbraucht haben, selbst nachts: Der Lehrer hatte die Eltern in etlichen Fällen davon überzeugt, ihre Kinder bei dem vermeintlichen Vorzeigepädagogen übernachten zu lassen - mitunter wochenlang. Insgesamt 35 Fälle sind gesichert, die Dunkelziffer ist angesichts des langen Tatzeitraums aber wohl deutlich größer.

Der Täter war demnach ein perfider Einzelgänger, der sich nach außen warmherzig gab und es gezielt auf Jungen in oder kurz vor der Pubertät abgesehen hatte. "Das war ein irrsinniger Narzisst", sagt Gutachterin Burgsmüller SPIEGEL ONLINE. Laut dem forensischen Bericht einer Psychologin hatte er demnach einen "narzisstisch-zwanghaften Charakter" mit ständiger Angst vor Kontrollverlust.

Das könnte erklären, warum B. viele seiner ehemaligen Schüler noch jahrelang belästigte, ihnen Briefe schrieb oder sie bei Treffen unter Druck setzte. Mit einigen soll er noch Sex gehabt haben, als sie junge Männer waren. Er habe sie später auch bezahlt, wenn sie sich weigerten, sagt Burgsmüller. Die meisten Übergriffe habe es in seiner Wohnung gegeben, die Schule war demnach primär "Anbahnungs- und Rekrutierungsort". Aber auch in der Umkleide nach dem Sportunterricht oder im Klassenzimmer soll er seine Opfer missbraucht haben.

Er blendete alle - sogar die Ermittler

Einige seiner Opfer berichteten von nahezu täglichen Übergriffen, andere von mehr als hundert Fällen. Dabei kam es demnach bei fast allen Opfern zu wechselseitigem Onanieren mit dem Lehrer, in etlichen Fällen auch zu Oralverkehr. Acht frühere Schüler berichteten von ungeschütztem Analsex, in fünf Fällen soll B. diesen mit körperlicher Gewalt erzwungen haben. Weitere fünf Opfer konnten die Vergewaltigung eigenen Angaben zufolge abwehren.

Wie aber konnte Erich B. so lange unbehelligt bleiben? Offenbar spielte er die Rolle des fürsorglich-modernen Lehrers sehr überzeugend: Einem Opfer zufolge vermittelte er den Jungen das Gefühl, "der Prinz zu sein". Dabei hatte er bei seinen Taten durchaus ein Unrechtsbewusstsein: Ständig war er auf der Hut, wie er in sein Tagebuch schrieb, und rechnete jahrelang mit seiner Inhaftierung.

Dass er dennoch erst wenige Jahre vor seinem Tod angeklagt und 2005 wegen 15 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, liegt laut Gutachten am Versagen der zuständigen Behörden. So hätten Ermittler schon 1973 entsprechende Hinweise ignoriert, eine Jugendgerichtshilfe habe den Jungen später nur im Beisein seiner Mutter befragt. Und: "Bei der Beschuldigtenvernehmung ließ sich der Staatsanwalt die Wahrnehmung von Erich B. vernebeln", so die Gutachterinnen, "der mit Erfolg die Maske des engagierten, fortschrittlichen Pädagogen aufsetzte."

B. beherrschte diese Selbstinszenierung offenkundig perfekt: Auch drei weitere Ermittlungsverfahren in den Jahren 1989, 1997 und 2000 legten die Ermittler nach kurzer Zeit wegen mangelnden Tatverdachts zu den Akten. Immer wieder zogen Opfer ihre Aussagen zurück oder Pädagoge B. überzeugte die Ermittler davon, dass das schwierige Elternhaus der Jungen verantwortlich sei für die angebliche Falschbeschuldigung.

Die Landesregierung verspricht Schmerzensgeld

Selbst als die Kripo in Darmstadt auf eine Wohnungsdurchsuchung drängte, reagierte die Staatsanwaltschaft nicht. "Die Staatsanwaltschaft Darmstadt", heißt es im Gutachten, sei ihrem Auftrag, "schwere Straftaten wie den Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen konsequent zu verfolgen, nicht gerecht geworden."

Schuldig machte sich aber wohl auch die langjährige Direktorin der Elly-Heuss-Knapp-Schule, die von 1974 bis 1992 B.s Chefin war: Jahrelang habe sie eindeutige Hinweise auf Missbrauchsfälle weggewischt. Gutachterin Burgsmüller attestiert der Pädagogin eine "extreme, vehemente Wahrnehmungsblockade", vor allem aus Sorge um den guten Ruf der Schule. "Sie ist heute eine alte Frau, die das ehrlich und zutiefst bedauert", so Burgsmüller.

Auch die hessische Landesregierung gibt sich reuig. Der Bericht sei "ein Dokument unsäglicher Taten und nicht wiedergutzumachenden Leids", sagte Staatssekretär Manuel Lösel bei der Vorstellung des Berichts: "Das macht wütend, das macht sprachlos." Das Land wolle ein symbolisches Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro an jedes Opfer zahlen.

Die Betroffenen leiden laut Burgsmüller bis heute unter dem Erlebten. Etliche hätten komplexe posttraumatische Belastungsstörungen; fast alle seien in stationärer Behandlung gewesen oder hätten jahrelange Therapien durchlaufen. Ein früherer Schüler von Erich B. kam trotzdem zur Vorstellung des Gutachtens. Die Entschuldigung des Staatssekretärs habe ihm gut getan, sagte er: "Ich fühle mich dadurch wertgeschätzt."

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Zusammengefasst: In Darmstadt haben zwei Juristinnen Dutzende Fälle von Kindesmissbrauch an einer Schule aufgedeckt. Ihrem Gutachten zufolge hat der 2008 gestorbene Lehrer Erich B. mindestens 33 Jahre lang Jungen missbraucht. Indem er sich als moderner Pädagoge inszenierte, entzog er sich jahrzehntelang der Strafverfolgung. Der Bericht wirft den Ermittlern und der Schulleitung schwere Fehler vor.

Mit Material von dpa



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