Das hypothetische Geständnis Simpson, der Quotenhit

O. J. Simpson gesteht. Oder auch nicht. Nach seiner Ankündigung eines Buches und eines Interviews zum Mord an seiner Ex-Frau und deren Freund ist der Medienrummel enorm. Murdochs Imperium freut sich auf den Triumph, die Konkurrenz ist hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Quotenneid.

Von , New York


New York - Sein Haar ist schütter und grau geworden, fast weiß an den Schläfen. Seine Haut glänzt ledrig, die Augen blicken leer. Ansonsten ist er ganz der Alte: O. J. Simpson, selbstverliebt-narzisstisch in der Doppelrolle von Opfer und Täter, nach dem Rampenlicht heischend, das immer noch allzu gerne auf ihn gerichtet wird.

"Ich kann's nicht länger tun", murmelt er theatralisch, sein neues Buch mit großer Geste zur Seite legend. Dann vergräbt er das Gesicht in der Hand. Chargieren kann er. Bevor er berüchtigt wurde, war er schließlich nicht nur ein Football-Star, sondern auch ein drittklassiger Movie-Mime.

Der kurze Promo-Clip verspricht ein "Interview, das die Nation schockieren wird". Demnächst zu sehen im amerikanischen TV-Sender Fox, rechtzeitig zum Auftakt der alljährlichen "Sweeps"-Saison, in der das US-Fernsehen reinklotzt, um die Werbepreise hochzutreiben. Und was eignet sich da besser, als den O.-J.-Simpson-Prozess noch mal aus der Mottenkiste zu kramen - die Urmutter der modernen Medienhysterie, in der sich Abscheu und Faszination zur lukrativen Synergie paaren.

So auch hier: Das "Interview" ist nichts anderes als schamlose Gratis-Publicity für ein Buch, das Simpson geschrieben hat über den bis heute ungeklärten Doppelmord an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und dem Kellner Ron Goldman im Juni 1994, für den Simpson im Strafprozess 1995 freigesprochen, zwei Jahre später in einem Zivilverfahren allerdings haftbar gemacht wurde. (mehr...).

Obszöner Prominentenkult

Jetzt legt er also angeblich ein "Geständnis" ab, so jedenfalls Simpsons Verlegerin Judith Regan, die die "Interviewerin" spielt bei diesem "Event über zwei Abende hinweg", wie Fox die Schleichwerbung annonciert. Klar doch: Fox und ReganBooks gehören beide zu Rupert Murdochs News Corporation - ebenso wie die "New York Post", die den Aufwasch ihrerseits in großen "Exklusiv"-Schlagzeilen ausschlachtet.

"If I Did It" ("Wenn ich es getan hätte") heißt das Buch, das am 30. November erscheint, einen Tag nach dem zweiteiligen Interview, das diesen Titel noch morbider weiterspinnt: "If I Did It, Here's How It Happened." 240 Seiten und zwei TV-Stunden zur besten Sendezeit (passend im Anschluss an die Krimiserien "Prison Break" und "Bones"), in denen Simpson "eine markerschütternde Darstellung der Mordnacht" offenbaren und beschreiben werde, wie er denn die Morde begangen hätte, "wäre er der Täter gewesen".

Alles im hypothetischen Konjunktiv also, doch Regan hat keine Zweifel: "Ich betrachte dies als sein Geständnis."Was daran stimmt und was PR-Hype ist, weiß man natürlich nicht: Weder Regan noch Fox geben einem am Ende genug Vorab-Info, um klare Schlüsse zu ziehen. Absichtlich: Neugier treibt bekanntlich Verkaufszahlen und Quoten, und "teasing" (Reizen) ist eine hohe Kunst.

Fest steht: Der Rummel reißt alte Wunden auf - und verwischt die Schamgrenzen einer von obszönem Prominentenkult besessenen Mediengesellschaft nur noch weiter. Selbst die, die Simpsons jüngsten Coup kritisieren oder als Nachricht verbrämt multiplizieren, machen sich unausweichlich zu Komplizen dieser Farce, indem auch sie als "tease" fungieren. Simpson freut sich: Er habe für das Buch 3,5 Millionen Dollar bekommen, verrät die "New York Post".

"Noch nie so viel Blut gesehen"

"Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Blut gesehen", schreibt Simpson jetzt, als sei er bei der Tat gewesen. In der Pressemitteilung des Verlags kündigt er außerdem reißerisch an: "Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, die Sie nie zuvor gehört haben, denn keiner kennt diese Geschichte so gut, wie ich sie kenne."

Das Cover des Buches ist ein Foto Simpsons, wie er damals im Gerichtssaal im Moment seines Freispruchs buchstäblich befreit grinste. "Sagen wir mal, ich habe diese Tat wirklich begangen", sinnierte er aber schon 1998 im Interview mit dem Männermagazin "Esquire". "Selbst wenn ich es getan hätte, dann doch wohl, weil ich sie so sehr geliebt habe, oder?"

Und so findet die Frivolität dieses Falles auch heute noch immer neue, groteske Spielarten. Schon zum zehnten Jahrestag der Morde gab Simpson TV-Interviews und trommelte für eine Reality-Show über seinen Alltag in Florida, wo er von einer Footballer-Rente lebt, die das Urteil von 1997 nicht antasten kann. Die Show kam nie zu Stande: Das Filmmaterial sei "zu langweilig" gewesen, gab Simpson später zu.

Simpsons jüngster Versuch, seine Tristesse zu vermünzen, weckt bei den Hinterbliebenen der Opfer nur alten Schmerz. Simpson habe "den Albtraum neu geweckt", erklärte Nicole Browns Schwester Denise Brown. "Nichts überrascht mich mehr, was dieser Hundesohn tut", schimpfte Fred Goldman, Rons Vater. "Doch dass jemand diesen Müll veröffentlicht und dass Fox das ausstrahlt, das ist moralisch einfach verabscheuenswert." Goldman rief bei CNN-Talker Larry King zum Boykott von Fox und Regan auf: "Ich hoffe nur, dass es keiner guckt. Ich hoffe, dass keiner das Buch kauft."

Heulend zusammengebrochen

Wobei Simpson das Geld sicher gut gebrauchen könnte: Seine Gerichtsschulden belaufen sich samt Zinsen inzwischen auf fast 40 Millionen Dollar. "Das Geld (für das Buch) fällt unter das Zivilurteil", weiß die Juraprofessorin Laurie Levenson, die ihrerseits ihre Karriere dem Simpson-Prozess verdankt, bei dem sie sich als Kommentatorin profilierte. Simpson hat Fred Goldman zufolge aber geschworen, den Klägern so oder so "keinen Pfennig zu zahlen".

Die US-Medien quälen sich mit der Geschichte: Sie kommen nicht drumherum, sehen aber oft selbst die beißende Ironie darin. "Schrecklich", stöhnt Howard Kurtz, der Medienkritiker der "Washington Post" - doch sein eigener Kulturteil jubelt mit der etwas unglücklichen Metapher: "Fox wird die Konkurrenz abschlachten." Die "New York Post" nennt Simpson "mitleiderregend" - doch macht ihn zugleich zur populärsten Web-Story des Tages. Fox-Rivale NBC erklärt pikiert, es habe selbiges Interview voriges Jahr als "unangebracht" abgelehnt - und kocht jetzt doch vor Quoten-Neid.

Simpson, so frohlockten die Fox-Produzenten, sei mehrfach zusammengebrochen: "Es war außerordentlich schwierig." So habe er an einer Stelle geschluchzt: "Ich will nicht, dass meine Kinder mich das sagen hören." Sprach's, und ergötzte sich demzufolge danach trotzdem an den blutrünstigen Details des Mordes an ihrer Mutter. Ganz hypothetisch natürlich.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.