Datensicherheit Anwalt des mutmaßlichen SchülerVZ-Erpressers weist Vorwürfe zurück

Nach einem Erpressungsversuch wurde ein 20-jähriger Programmierer festgenommen, der sich Daten des Netzwerks SchülerVZ beschafft hatte. Der Mann nahm sich in Untersuchungshaft das Leben. Sein Anwalt wies die Vorwürfe gegen seinen Mandanten nun zurück.


Hamburg/Berlin - Auf seiner Internetseite veröffentlichte der Berliner Strafverteidiger Ulrich Dost am Dienstag eine Pressemitteilung. Darin heißt es: "Ich sehe mich veranlasst, der offensichtlich auf einer unzureichenden Quelle basierenden, sachlich falschen und unvollständigen Berichterstattung entgegenzutreten." Sein Mandant habe keinen "Datenklau" betrieben. Es handele sich hierbei um eine "Mär".

Ein Ausspähen von Daten im strafrechtlichen Sinn, so Dost, sei nur dann gegeben, wenn die Daten "besonders gesichert" seien und ein Unbefugter sie sich durch Überwindung der Zugangssicherung verschaffe. Dies bei seinem Mandanten nicht der Fall gewesen: "Die hier relevanten Daten waren von Nutzern selbst, offen einsehbar für jedermann ins Netz gestellt und in keiner Weise verschlüsselt worden", schreibt Dost. Das sei wie bei einem Telefonbuch. "Es liegt auf der Hand, dass Daten, die frei einsehbar für jedermann veröffentlicht werden, von einem Dritten nicht ausgespäht werden können."

Der 20-jährige Programmierer aus Erlangen hatte sich am Samstag in seiner Gefängniszelle in der Jugendstrafanstalt Plötzensee erhängt. Laut Berliner Staatsanwaltschaft hatte er zuvor "im Wesentlichen gestanden", versucht zu haben, die VZ-Netzwerke zu erpressen. Er soll gedroht haben, mehr als eine Million Daten aus den sozialen Netzwerken nach Osteuropa zu verkaufen. Nach Angaben der VZ-Netzwerke, die SchülerVZ, StudiVZ und MeinVZ betreiben, soll der Verdächtige für das Vernichten der Datensätze bis zu 80.000 Euro verlangt haben.

Das stimme nicht, sagt Rechtsanwalt Dost. Es gebe Hinweise darauf, "dass eine Erpressung nicht versucht wurde". Die VZ-Netzwerke hätten den Kontakt zu seinem Mandanten aufgenommen und freiwillig ein "unbeziffertes Zahlungsangebot" gemacht. Eine Drohung seitens des 20-Jährigen habe es nicht gegeben. Es stelle sich deshalb die Frage, ob das Unternehmen versucht habe, "Schweigegeld" zu zahlen. Dost habe seinen Mandanten als einen "außerordentlich begabten jungen Mann kennengelernt", der "ohne jeden kriminellen Hintergrund handelte".

Die Antwort der VZ-Netzwerke folgte postwendend. Auf der netzwerkeigenen Seite schreibt Markus Berger-de León, Chef der VZ-Netzwerke: "Die Vorwürfe des Anwalts Ulrich Dost sind ebenso unglaublich wie haltlos. Die Beurteilung und Handhabung des Falls lag und liegt aber bei den zuständigen Behörden."

Die Berliner Staatsanwaltschaft will die Aussagen der Beteiligten nicht kommentieren. "Es handelt sich um eine schwierige Rechtslage, bei der es unterschiedliche Auffassungen gibt", sagte Sprecher Martin Steltner SPIEGEL ONLINE. Das Verfahren werde nach dem Suizid des Verdächtigen nun eingestellt. Ein "Großteil" der Daten, die der Programmierer auf seinem Computer gesammelt hatte, seien sichergestellt worden und würden vernichtet. Wann und in welcher Form dies geschehen werde, sei derzeit aber noch unklar.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass der mutmaßliche Erpresser vorbestraft gewesen ist. Aufgrund einer bestehenden Verurteilung wegen "früherer Betrugshandlungen" habe Fluchtgefahr bestanden, sagte Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) in einer Sitzung des Rechtsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus. Deshalb sei der 20-Jährige in Untersuchungshaft genommen worden. Bei der Aufnahme in der Jugendstrafanstalt habe es "keine suizidalen Anzeichen" gegeben. Der Mann habe während seiner Haft einen lockeren und aufgeschlossenen Eindruck gemacht.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar hat unterdessen bessere Sicherheitsmechanismen bei sozialen Online-Netzwerken gefordert. Notwendig seien datenschutzfreundlichere Profil-Voreinstellungen, sagte Schaar dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Im Augenblick müsse man selbst aktiv werden, um die Einstellungen zu verbessern. "Das ist derzeit so, als wenn ich mir ein Auto kaufe, in dem zwar Bremsen vorhanden sind, aber ich sie erst durch eine Systemeinstellung aktivieren muss", sagte Schaar.

mas/ddp/dpa



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