Missbrauchsprozess gegen Ex-Priester Das seltsame Leben des Pater Thomas

Als Pater Thomas gewann er das Vertrauen einer Kirchengemeinde. Nun steht er vor Gericht, unter anderem wegen Kindesmissbrauchs. Und Gläubige fragen sich, wie sehr man sich in einem Menschen täuschen kann.

Angeklagter ehemaliger Priester mit seinem Anwalt im Gerichtssaal
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Angeklagter ehemaliger Priester mit seinem Anwalt im Gerichtssaal

Von , Deggendorf


"Wir haben ihm doch vertraut", sagt die Frau mittleren Alters. Eine Rentnerin ergänzt: "Niemand hat das für möglich gehalten." Sie sei noch immer geschockt, sagt die Seniorin, während sie sich eine Träne wegwischt. Beide gehören zur Kirchengemeinde Otzing im bayerischen Landkreis Deggendorf, in der auch Thomas Maria B. ab 2015 lebte.

Der Mann, dem man vertraute, nannte sich gern "Pater Thomas". Der heute 53-Jährige soll sich dem Pfarrer in Otzing als obdachloser Priester vorgestellt haben. Der niederbayerische Geistliche nahm den scheinbar hilfsbedürftigen Gottesmann auf.

Der Staatsanwaltschaft zufolge nutzte Thomas B. das Vertrauen aus. Er, der auch bei der Seelsorge half, soll im Kreis Deggendorf einen heute Zehnjährigen missbraucht haben - eine von vielen Taten, die Thomas B. vorgeworfen werden. Nun hat am Deggendorfer Landgericht der Prozess gegen ihn begonnen.

Er soll seit Mitte der Neunzigerjahre fünf Jungen insgesamt mindestens hundert Mal missbraucht und versucht haben, eine 18-Jährige zu vergewaltigen. Eine Vielzahl der vorgeworfenen Übergriffe, die in Polen, Italien, Österreich und der Schweiz sowie bei Mainz und im Landkreis Deggendorf begangen worden sein sollen, wird als schwerer sexueller Missbrauch gewertet. Dem 53-Jährigen werden auch Urkundenfälschung, Betrug und Missbrauch von Titeln vorgeworfen.

Wie konnte der Angeklagte in der Gemeinde "so gut Fuß fassen"?

Außer den beiden Frauen aus der Kirchengemeinde sind viele andere Menschen aus der Region ins Gericht gekommen. Sie wollen wissen, ob Thomas B. tatsächlich das düstere Doppelleben geführt hat, das Ermittler ihm vorwerfen.

Die Staatsanwaltschaft hält den Mann, der zum Prozessbeginn die meiste Zeit regungslos auf das Richterpult starrt, für allgemeingefährlich. "Es steht bei einem solchen Strafverfahren neben einer hohen Haftstrafe aber auch eine Sicherungsverwahrung im Raum", sagt der zuständige Staatsanwalt dem SPIEGEL. Die Staatsanwaltschaft geht beim Angeklagten von einer pädophilen Störung aus. Er soll bei den Übergriffen im Zustand verminderter Schuldfähigkeit gehandelt haben. Der 53-Jährige befindet sich inzwischen in einer psychiatrischen Klinik.

Anwältin Cornelia Gößl vertritt die Familie des zehnjährigen Jungen als Nebenkläger. Noch bevor die Anklageschrift verlesen wird, fordert sie, für das gesamte Verfahren die Öffentlichkeit auszuschließen. Die Übergriffe auf den Zehnjährigen hätten diesen "stark physisch und psychisch belastet". Der Junge werde durch eine mögliche öffentliche Berichterstattung "sein Leben lang gebrandmarkt", sagt Gößl. Der Vorsitzende Richter unterbricht die Verhandlung bis Mittwoch. Dann soll klar sein, ob man unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiterverhandelt.

Gößl sagt auch, sie hoffe, dass das Verfahren Aufschluss darüber gebe, wie der Täter in der örtlichen Kirchengemeinde "so gut Fuß fassen konnte". Diese Frage stellt sich tatsächlich.

Pater Thomas soll sich in E-Mail als Gott ausgegeben haben

Der ehemalige katholische Priester saß nach Gerichtsangaben in der Vergangenheit bereits eine mehrjährige Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs ab.

Die Priesterweihe in Polen soll sich Thomas B. laut Anklage mittels gefälschter Schul- und Hochschulabschlüsse erschlichen haben. Nach seiner Entlassung aus dem Priesteramt habe er sich von 2013 an unter einem falschen Namen weiter als Priester ausgegeben - auch in Deutschland. So kam er in den Landkreis Deggendorf. Dort soll er sich dem richtigen Pfarrer mit einem gefälschten Dienstausweis, samt Foto und Stempel, vorgestellt haben.

Thomas B. hinterließ vor allem bei strenggläubigen Katholiken einen guten Eindruck. So brachte er laut Staatsanwaltschaft manche Kirchgänger dazu, für vermeintlich "missionarische Zwecke" zu spenden - 100.000 Euro seien so zusammengekommen. Mit dem Geld soll B. seinen Lebensunterhalt finanziert haben.

Pater Thomas hielt die Gutgläubigkeit mancher Gemeindemitglieder offenbar für so groß, dass er sich in einer E-Mail als Gott ausgegeben haben soll. Damit habe er unter Verweis auf die christliche Nächstenliebe erreichen wollen, den Geschädigten davon abzuhalten, von B. eine "finanzielle Gegenleistung für die Gewährung von Kost und Logis zu verlangen".

Thomas B. nahm laut Staatsanwaltschaft die Beichte ab, betreute Jugendgruppen und gewann als Seelsorger rasch auch das Vertrauen der Familie des Zehnjährigen. Dessen Mutter wandte sich 2016 mit ihrem Missbrauchsverdacht an den echten Pfarrer der Gemeinde, der ihr zur Anzeige riet. Die Polizei nahm Thomas B. im September 2016 fest.

Der Angeklagte und sein Verteidiger kommen am ersten Prozesstag nicht zu Wort. Genau darauf hoffen Mitglieder der Kirchengemeinde, die ins Gericht gekommen sind: dass Thomas B. mit einer Aussage Klarheit in den Fall bringt. Selbst wenn die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden sollte.



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