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Demjanjuk-Prozess: "Alleiniger Daseinszweck, Juden umzubringen"

Im Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Aufseher John Demjanjuk vertritt Cornelius Nestler die Angehörigen ermordeter Juden. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Anwalt über die Aufgaben der Sobibor-Wachen und die bisherigen Versäumnisse der deutschen Justiz.

Bahnhof von Sobibor: "Selbst ein Patrouillengang ist als Beihilfe zum Mord zu bewerten" Zur Großansicht
REUTERS

Bahnhof von Sobibor: "Selbst ein Patrouillengang ist als Beihilfe zum Mord zu bewerten"

SPIEGEL ONLINE: Seit fast drei Monaten verhandelt das Landgericht München nun gegen den 89-jährigen mutmaßlichen SS-Gehilfen John Demjanjuk. Der Angeklagte liegt meist regungslos auf einer Liege, sofern er nicht krank ist und Verhandlungstage ausfallen. Warum geht der Prozess so mühsam voran?

Cornelius Nestler: Die meisten Verhandlungstage sind ausgefallen, weil sich der Angeklagte unwohl fühlte oder leicht erhöhte Temperatur hatte, nicht wegen einer schweren Krankheit, wie häufig angenommen wird. Und sein Verhalten ist, wie das Gericht in einem Beschluss festgestellt hat, ein Habitus. Außerhalb der Hauptverhandlung verhalte sich Demjanjuk ganz anders.

SPIEGEL ONLINE: Derweil berichten Historiker und Sachverständige über die Abläufe im Vernichtungslager Sobibor. Wann wird es um die individuelle Schuld Demjanjuks gehen?

Nestler: Selbstverständlich muss hier wie in jedem anderen Strafverfahren die individuelle Schuld festgestellt werden. Aber darum geht es ja an jedem einzelnen Verhandlungstag: Um das, was Wachmänner wie John Demjanjuk in Sobibor gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere Dokumente sprechen dafür, dass Demjanjuk von der SS für den Massenmord ausgebildet und nach Sobibor verlegt wurde. Aber muss ihm die Anklage nicht nachweisen, was er dort genau getan hat?

Nestler: Wir wissen aus Zeugenaussagen und durch die historische Forschung recht genau, was die Aufgabe der Wachmänner im Lager war. Und die Wachmänner selbst wussten es auch. Deshalb ist alles, was Demjanjuk in Sobibor getan hat, als Beihilfe zum Massenmord zu werten.

SPIEGEL ONLINE: Wird er damit nicht für etwas angeklagt, was womöglich andere begangen haben?

Nestler: Ein Beispiel aus einem anderen Bereich der Strafjustiz: Angeklagt ist ein Mann, der mit Komplizen eine Bank überfallen hat, dabei aber eine Sturmhaube trug, wie auch seine Komplizen. Es ist also nicht genau nachzuvollziehen, wer aus der Gruppe den Eingang überwachte, wer die Kunden in Schach hielt und wer das Geld in die Tasche stopfte. Dennoch wird ein Gericht jeden der Angeklagten zumindest wegen Beihilfe verurteilen. Dieses Modell lässt sich auf das Vernichtungslager Sobibor übertragen.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn belegt, dass Demjanjuk am Massenmord mitgewirkt hat?

Nestler: Ein ehemaliger Kamerad Demjanjuks, der Wachmann Ignat Daniltschenko, hat das nach dem Krieg in der ehemaligen Sowjetunion ausgesagt. Der Zeuge kann nur nicht mehr vernommen werden, weil er verstorben ist.

SPIEGEL ONLINE: Reicht eine Aussage eines verstorbenen Zeugen für eine Verurteilung?

Nestler: Entscheidend ist etwas anderes: Demjanjuks Dienstausweis, der ihm im SS-Ausbildungslager Trawniki ausgestellt wurde und die Verlegungslisten beweisen, dass Demjanjuk von März 1943 an mehrere Monate Wachmann in Sobibor war. Im fraglichen Zeitraum wurden dort mindestens 29.000 Juden ermordet. Es waren tatsächlich viel mehr, doch für diese Zahl von Opfern haben die beiden Ermittler Thomas Walther und Kirsten Goetze von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg die Deportation nach Sobibor nachweisen können. Die Staatsanwaltschaft München hat daraus eine schlüssige Anklage geformt.

SPIEGEL ONLINE: Rein hypothetisch könnte Demjanjuk auch nur für Patrouillengänge eingesetzt worden sein.

Nestler: Der alleinige Daseinszweck der Trawniki-Männer im Lager Sobibor war es, möglichst reibungslos eine große Anzahl von Juden umzubringen. Die Männer bewachten das Lager, sie hinderten Gefangene an der Flucht, sie prügelten die Menschen aus den Transportzügen, sie trieben sie in die Gaskammern. Selbst ein Patrouillengang zur Außensicherung ist in einem reinen Vernichtungslager vom Strafrecht als Beihilfe zum Mord zu bewerten.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten die Konstruktion der Anklage also für schlüssig?

Nestler: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Müsste nach diesen Grundsätzen nicht auch der Zugführer jedes Zuges, mit dem Juden in ein Vernichtungslager deportiert wurden, der Beihilfe zum Mord angeklagt werden?

Nestler: Ja, selbstverständlich. Allerdings setzt das voraus, dass diesen Männern bekannt war, unter welchen Umständen die Menschen am Zielort umgebracht wurden. Für die Gehilfen vor Ort im Vernichtungslager ist dieser Nachweis viel leichter zu führen.

SPIEGEL ONLINE: In früheren NS-Prozessen fasste die Justiz den Täter-Begriff sehr eng und ließ selbst hochrangige Organisatoren laufen, weil ihnen keine individuelle Tat nachgewiesen werden konnte. Den Kommandanten des Ausbildungslagers Trawniki, SS-Sturmbannführer Karl Streibel, sprach das Landgericht Hamburg im Jahr 1976 frei. Warum soll nun sein Befehlsempfänger Demjanjuk verurteilt werden?

Nestler: Mir ist unverständlich, warum damals der Nachweis nicht geführt werden konnte, dass Streibel vom späteren Einsatz der von ihm ausgebildeten Männer beim Massenmord wusste. Aber unabhängig von dieser Analyse eines alten Verfahrens sind doch Versäumnisse der Justiz in der Vergangenheit kein Grund, heute jemanden unbehelligt zu lassen, der nach den ganz allgemein geltenden Regeln des Strafrechts der Beihilfe am Massenmord verdächtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie vertreten im Prozess die Angehörigen ermordeter Juden. Trauen diese Menschen überhaupt der bundesdeutschen Strafjustiz angesichts der bisher eher unbefriedigenden Ahndung der Verbrechen?

Nestler: Es gab Mängel in der Strafverfolgung, doch daraus folgt noch nicht, dass die deutsche Justiz in diesem Verfahren ein Legitimationsproblem hätte. Meine Mandanten sind mit Sorgen und Ängsten nach München gekommen. Aber sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie als Opfer vom Gericht gehört und respektiert werden. Das war für viele eine Erfahrung, von der sie sagen, dass sich damit ihr Leben verändert hat. Und wenn am Ende des Verfahrens feststeht, dass Demjanjuk daran mitgewirkt hat, ihre Angehörigen zu ermorden, dann wollen sie, dass er dafür zur Verantwortung gezogen wird.

Das Interview führte Jan Friedmann

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Forum - Demjanjuk - Täter oder Opfer?
insgesamt 374 Beiträge
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1.
immerfreundlich 30.11.2009
Zitat von sysopAm ersten Tag seines Prozesses in München versuchten John Demjanjuks Anwälte, den mutmaßlichen KZ-Wächter als Opfer zu inszenieren - und sorgten für Empörung. Der medizinische Gutachter erklärte den 89-Jährigen für verhandlungsfähig. Ist der Angeklagte eher Täter oder Opfer?
Was soll die Frage? Wenn Demjanjuk der ist für den die Kläger ihn halten und wenn dieser Prozess zur Schuld des Angeklagten führt ist dieser Täter Wenn er eben NICHT Täter ist dann ist er Opfer,. Dann wurde ein uralter Mann aus politischen Gründen (um eben ein NS-Verbrecher unbedingt verurteilen zu wollen) vorgeführt. Doch genau dafür ist das Gericht da - herausfinden ob ein angeklagter Mensch schuldig ist. Die Frage des sysop macht also überhaupt keinen Sinn
2. Opfer und Täter
Palmstroem, 30.11.2009
Zitat von sysopAm ersten Tag seines Prozesses in München versuchten John Demjanjuks Anwälte, den mutmaßlichen KZ-Wächter als Opfer zu inszenieren - und sorgten für Empörung. Der medizinische Gutachter erklärte den 89-Jährigen für verhandlungsfähig. Ist der Angeklagte eher Täter oder Opfer?
Vermutlich beides! Wen man bedenkt, unter welchen Umständen über 3,3 Millionen russische Kriegsgefangene in deutschen Lagern umgekommen sind, ist Demjanjuks Haltung zu verstehen. Aber dennoch hat er an der Ermordung von zehntausenden Juden mitgewirkt. Nur ihn als NS-Verbrecher abzustempeln ist voll daneben - viele seiner Vorgesetzten hat man laufen lassen - wegen Befehlsnotstand! Das aber waren aber die wahren NS-Verbrecher!
3. Was Wunder
freivogel, 30.11.2009
Zitat von PalmstroemVermutlich beides! Wen man bedenkt, unter welchen Umständen über 3,3 Millionen russische Kriegsgefangene in deutschen Lagern umgekommen sind, ist Demjanjuks Haltung zu verstehen. Aber dennoch hat er an der Ermordung von zehntausenden Juden mitgewirkt. Nur ihn als NS-Verbrecher abzustempeln ist voll daneben - viele seiner Vorgesetzten hat man laufen lassen - wegen Befehlsnotstand! Das aber waren aber die wahren NS-Verbrecher!
Stimmt. Die hatten noch eine durch die zeitliche Nähe befangene Juristengeneration als "Verbündete".
4. Zahlenspiele
ernstjüngerfan 30.11.2009
Zitat von PalmstroemVermutlich beides! Wen man bedenkt, unter welchen Umständen über 3,3 Millionen russische Kriegsgefangene in deutschen Lagern umgekommen sind, ist Demjanjuks Haltung zu verstehen. Aber dennoch hat er an der Ermordung von zehntausenden Juden mitgewirkt. Nur ihn als NS-Verbrecher abzustempeln ist voll daneben - viele seiner Vorgesetzten hat man laufen lassen - wegen Befehlsnotstand! Das aber waren aber die wahren NS-Verbrecher!
Deutschen Wehrmachtsgefangenen ist es in russischen Lagern nicht besser ergangen. Allein von den 90 000 deutschen Stalingradüberlebenden sind gerademal 5000 zurückgekehrt.Von der noch größeren Zahl der anderen deutschen Gefangenen mal ganz zu schweigen.
5. peinlich für unser Land dieser Anwalt
mischamai 30.11.2009
Wenn ein Anwalt,der anscheinend nichts aus der Geschichte gelernt hat schützend die Hand über einen der größten Verbrecher hält,dann erkenne ich einfach Hohn für alle Opfer solcher Unmenschen.Diese Taten verjähren nicht,jeder Mensch trägt immer und überall seine eigene Verantwortung.Ein"er hat nur gehandelt was andere befehlen" gibt es nicht.Dies gilt für alle Verbrechen,egal im Krieg,oder in der DDR oder anderswo.
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Zur Person
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Cornelius Nestler, 54, ist Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht an der Universität Köln. Im Verfahren gegen John Demjanjuk vertritt Nestler elf Nachkommen ermordeter Juden, die meisten von ihnen aus den Niederlanden und den USA.

Fotostrecke
KZ-Prozess: John Demjanjuk vor Gericht
Das Vernichtungslager Sobibor
Sobibor
Im Herbst 1941 beauftragte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler , den SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin im Generalgouvernement , Odilo Globocnik , im Rahmen der Endlösung der Judenfrage mit der Ermordung der dort lebenden Juden. Als Belzec , das erste Vernichtungslager der Aktion Reinhardt , zur Erfüllung des Mordprogramms nicht ausreichend erschien, begann die SS im Frühjahr 1942 mit dem Bau eines zweiten Vernichtungslagers in der Nähe von Sobibor . Seit Juli 1943 betrieb Himmler die Umwandlung von Sobibor in ein KZ . Am 14. Oktober 1943 wagten die Häftlinge einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde, aber die Auflösung des Lagers zur Folge hatte. 47 der ausgebrochenen Häftlinge überlebten das Kriegsende und konnten Zeugnis ablegen vom Massenmord in Sobibor – einer von ihnen ist Thomas Blatt .
Opfer
Im Vernichtungslager Sobibor töteten zwei Dutzend SS -Männer und ihre Schergen zwischen April 1942 und November 1943 etwa 250.000 Juden – unter anderem aus dem Distrikt Lublin , dem Deutschen Reich, der Slowakei sowie Frankreich und den Niederlanden. Häufig wurden in Sobibor mehr als 2000 Menschen am Tag ermordet, Zehntausende im Monat.
Täter
Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor war SS -Obersturmführer Franz Stangl . Ihm waren etwa 30 deutsche oder österreichische SS-Männer unterstellt – meist Organisatoren und Mitarbeiter der Aktion T 4 . Als Wach- und Sicherheitspersonal setzte die SS rund 120 Trawniki -Männer ein, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene überwiegend ukrainischer Herkunft. Vermutlich war einer dieser Trawniki John Demjanjuk .
Anlage
Das Vernichtungslager Sobibor nahm etwa eine Fläche von 600 x 400 Meter ein, die von Stacheldraht umzäunt und gut getarnt war. Das Lager lag an der Station Sobibor der Bahnlinie Chelm-Wlodawa und war in drei verschiedene Bereiche eingeteilt, die jeweils durch einen Zaun voneinander getrennt waren.
Die erste Zone umfasste das Vorlager mit der Eisenbahnrampe und den Unterkunftsbaracken für das deutsche und ukrainische Personal sowie das Lager I mit Unterkünften für die jüdischen Häftlinge und mehrere Werkstätten.
Das Lager II diente als Aufnahmebereich für die eintreffenden Juden. Hier mussten sie ihren Besitz und ihre Kleider abgeben. Im Lager III wurden die Juden getötet, in Massengräbern verscharrt und dann von jüdischen Sonderkommandos ab Sommer 1943 auf Scheiterhaufen verbrannt. An den Gaskammern prangten Blumen, ein Davidstern und die Inschrift „Badehaus“.
Die Lager II und III waren über einen schmalen, von Stacheldrahtzaun gesäumten Weg („Schlauch“) verbunden. Über diesen trieben die Trawnikis täglich mehrere hundert nackte Menschen in die Gaskammern. Im Motorraum sorgte ein 200-PS-Motor für die kohlenmonoxydhaltigen Abgase, die durch ein Leitungssystem in die Kammern strömten. Anfangs waren drei Gaskammern in Betrieb, ab September 1942 sechs.
Täuschungsmethoden
Den deportierten Juden wurde nach ihrer Ankunft in Sobibor in einer beruhigenden Ansprache ihre Umsiedlung angekündigt. Vor der Weiterreise müssten sie jedoch ein Bad nehmen, ihre Haare schneiden lassen und sollten ihre Kleidung und Wertsachen abgeben, hieß es.
Unter diesem Vorwand wurden die Juden gruppenweise in die mit kohlenmonoxydhaltigen Abgasen eines Dieselmotors betriebenen, jedoch als Duschen getarnten Gaskammern getrieben. Der Todeskampf der Opfer dauerte bis zu einer halben Stunde.
Vernichtungslager und KZ
Vernichtungslager sind von der SS während des Zweiten Weltkrieges errichtete Lager, die im Unterschied zu den Konzentrationslagern (KZ) von vornherein für die Massentötung der europäischen Juden als letzte Konsequenz der nationalsozialistischen Judenverfolgung bestimmt waren. Aus Geheimhaltungsgründen wurden sie im besetzten Polen eingerichtet. Zwischen Ende 1941 und 1944 bestanden Vernichtungslager in Chelmno , Belzec , Sobibor , Treblinka , Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek , wobei Auschwitz und Majdanek gleichzeitig als Konzentrationslager dienten. Mehr als die Hälfte der nahezu sechs Millionen Holocaust -Opfer kamen in Vernichtungslagern um.

Fotostrecke
John Demjanjuk: Ringen um Gerechtigkeit

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