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Demjanjuk-Prozess: "Die Menschen sollen nicht vergessen"

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Im Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann John Demjanjuk treten mehr jüdische Nebenkläger auf als bei jedem Verfahren zuvor. Ihre Angehörigen starben im KZ Sobibór, sie selbst entkamen nur durch Glück oder Zufall der Deportation. SPIEGEL ONLINE schildert das Schicksal von drei Überlebenden.

Blick durch das Haupttor des Konzentrationslagers Auschwitz Zur Großansicht
ddp

Blick durch das Haupttor des Konzentrationslagers Auschwitz

Mindestens 35 Nebenkläger hat die Strafkammer für den Prozess gegen den mutmaßlichen SS-Gehilfen John Demjanjuk zugelassen. Das sind mehr als im Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965, dem bislang größten NS-Verfahren in Deutschland. Es könnten noch mehr werden, denn der Vorsitzende Richter Ralph Alt darf noch während des laufenden Verfahrens zusätzliche Nebenkläger zulassen.

19 der Nebenkläger sind als Zeugen geladen und wollen zu Prozessbeginn nach München reisen. Sie sollen bei planmäßigem Verlauf innerhalb der ersten drei Prozesstage gehört werden.

Andere verfolgen den Prozess aus der Ferne, in den Niederlanden, in den USA, der Schweiz oder Israel. Alle Nebenkläger haben enge Angehörige verloren, Eltern, Geschwister oder Ehegatten, zum Teil die komplette Familie. Sie starben laut erhaltener Transportlisten im Vernichtungslager Sobibór im besetzten Polen, ermordet in jenen Monaten des Jahres 1943, als Demjanjuk dort mutmaßlich von der SS als Wachmann eingesetzt wurde.

SPIEGEL ONLINE zeichnet stellvertretend das Schicksal dreier Nebenkläger nach, die in New York leben. Die Biografien beruhen auf Gesprächen, die der Kölner Strafrechtsprofessors Cornelius Nestler mit seinen Mandanten geführt hat.

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1. Frage
amarildo 29.11.2009
Zitat von sysopIm Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann John Demjanjuk treten mehr jüdische Nebenkläger auf als bei jedem Verfahren zuvor. Ihre Angehörigen starben im KZ Sobibor, sie selbst entkamen nur durch Glück oder Zufall der Deportation. SPIEGEL ONLINE schildert das Schicksal von drei Überlebenden. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,663930,00.html
Wo ist der Prozess gegen alle dieser Schergen die im Nachkriegs-Deutschland (BDR, DDR) untergetaucht sind und ein unbesorgtes Leben gefuehrt habe. Der JD war nur ein Wachmann und die Justiz brauchte 65 Jahre um ihn vor Gericht zu stellen . Es scheint das die Schuld einer Nation auf einen unwichtigen alten Mann abgewaelzt wird. Er wird wohl im Gefaengnis sterben und die Nation wird sich dann besser fuehlen.
2. Es ist ja schon soo lange her....
MonaM 29.11.2009
Zitat von amarildoWo ist der Prozess gegen alle dieser Schergen die im Nachkriegs-Deutschland (BDR, DDR) untergetaucht sind und ein unbesorgtes Leben gefuehrt habe. Der JD war nur ein Wachmann und die Justiz brauchte 65 Jahre um ihn vor Gericht zu stellen . Es scheint das die Schuld einer Nation auf einen unwichtigen alten Mann abgewaelzt wird. Er wird wohl im Gefaengnis sterben und die Nation wird sich dann besser fuehlen.
Das ist eine berechtigte Frage, oder besser: ein berechtigter Vorwurf. Die Schuld des Angeklagten D. muss das Gericht ja erst in dem kommenden Prozess feststellen. Warten wir ab, was dabei herauskommt. Aber Sie haben recht, zahllose Täter der mittleren und oberen NS-Funktionärsebenen konnten im Nachkriegsdeutschland unbehelligt leben und oft als geachtete Bürger in Freiheit sterben. Niemand sah sie als Verbrecher. Ich fürchte, die Nation (jedenfalls ein Teil davon) hat überhaupt das Gespür für Schuld und Verantwortung verloren, was die NS-Verbrechen angeht. Es ist ja "schon soo lange her"...
3. Demjanjuk Prozess
ernstjüngerfan 29.11.2009
Zitat von sysopIm Prozess gegen den mutmaßlichen KZ-Wachmann John Demjanjuk treten mehr jüdische Nebenkläger auf als bei jedem Verfahren zuvor. Ihre Angehörigen starben im KZ Sobibor, sie selbst entkamen nur durch Glück oder Zufall der Deportation. SPIEGEL ONLINE schildert das Schicksal von drei Überlebenden. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,663930,00.html
Wenn man bei Demjanjuk die gleichen rechtlichen Kriterien und die gleiche Sorgfalt anwendet wie es beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gegenüber den jugoslawischen Kriegsverbrechern der Fall ,dann ist dieser Prozess zu begrüßen. Es gibt aber die Befürchtung, daß trotz der fragwürdigen Beweislage im Falle des Ukrainers ein schrilles Mediengetöse den Prozessverlauf steuert.
4. !
alfredoneuman 29.11.2009
Der Angeklagte heißt nicht mölle oder Deutschland, sondern Demjanjuk.
5. Bitte keine selbstgerechte Weinerlichkeit!
MonaM 29.11.2009
Hat jemand gesagt, SIE seien schuldig? Sie trägt aber Verantwortung für den Umgang mit ihrer Vergangenheit, insbesondere mit denen in ihrem Verantwortungsbereich, die Verbrechen begangen haben. Und darum geht es hier.
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John Demjanjuk: Ringen um Gerechtigkeit

Das Vernichtungslager Sobibor
Sobibor
Im Herbst 1941 beauftragte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler , den SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin im Generalgouvernement , Odilo Globocnik , im Rahmen der Endlösung der Judenfrage mit der Ermordung der dort lebenden Juden. Als Belzec , das erste Vernichtungslager der Aktion Reinhardt , zur Erfüllung des Mordprogramms nicht ausreichend erschien, begann die SS im Frühjahr 1942 mit dem Bau eines zweiten Vernichtungslagers in der Nähe von Sobibor . Seit Juli 1943 betrieb Himmler die Umwandlung von Sobibor in ein KZ . Am 14. Oktober 1943 wagten die Häftlinge einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde, aber die Auflösung des Lagers zur Folge hatte. 47 der ausgebrochenen Häftlinge überlebten das Kriegsende und konnten Zeugnis ablegen vom Massenmord in Sobibor – einer von ihnen ist Thomas Blatt .
Opfer
Im Vernichtungslager Sobibor töteten zwei Dutzend SS -Männer und ihre Schergen zwischen April 1942 und November 1943 etwa 250.000 Juden – unter anderem aus dem Distrikt Lublin , dem Deutschen Reich, der Slowakei sowie Frankreich und den Niederlanden. Häufig wurden in Sobibor mehr als 2000 Menschen am Tag ermordet, Zehntausende im Monat.
Täter
Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor war SS -Obersturmführer Franz Stangl . Ihm waren etwa 30 deutsche oder österreichische SS-Männer unterstellt – meist Organisatoren und Mitarbeiter der Aktion T 4 . Als Wach- und Sicherheitspersonal setzte die SS rund 120 Trawniki -Männer ein, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene überwiegend ukrainischer Herkunft. Vermutlich war einer dieser Trawniki John Demjanjuk .
Anlage
Das Vernichtungslager Sobibor nahm etwa eine Fläche von 600 x 400 Meter ein, die von Stacheldraht umzäunt und gut getarnt war. Das Lager lag an der Station Sobibor der Bahnlinie Chelm-Wlodawa und war in drei verschiedene Bereiche eingeteilt, die jeweils durch einen Zaun voneinander getrennt waren.
Die erste Zone umfasste das Vorlager mit der Eisenbahnrampe und den Unterkunftsbaracken für das deutsche und ukrainische Personal sowie das Lager I mit Unterkünften für die jüdischen Häftlinge und mehrere Werkstätten.
Das Lager II diente als Aufnahmebereich für die eintreffenden Juden. Hier mussten sie ihren Besitz und ihre Kleider abgeben. Im Lager III wurden die Juden getötet, in Massengräbern verscharrt und dann von jüdischen Sonderkommandos ab Sommer 1943 auf Scheiterhaufen verbrannt. An den Gaskammern prangten Blumen, ein Davidstern und die Inschrift „Badehaus“.
Die Lager II und III waren über einen schmalen, von Stacheldrahtzaun gesäumten Weg („Schlauch“) verbunden. Über diesen trieben die Trawnikis täglich mehrere hundert nackte Menschen in die Gaskammern. Im Motorraum sorgte ein 200-PS-Motor für die kohlenmonoxydhaltigen Abgase, die durch ein Leitungssystem in die Kammern strömten. Anfangs waren drei Gaskammern in Betrieb, ab September 1942 sechs.
Täuschungsmethoden
Den deportierten Juden wurde nach ihrer Ankunft in Sobibor in einer beruhigenden Ansprache ihre Umsiedlung angekündigt. Vor der Weiterreise müssten sie jedoch ein Bad nehmen, ihre Haare schneiden lassen und sollten ihre Kleidung und Wertsachen abgeben, hieß es.
Unter diesem Vorwand wurden die Juden gruppenweise in die mit kohlenmonoxydhaltigen Abgasen eines Dieselmotors betriebenen, jedoch als Duschen getarnten Gaskammern getrieben. Der Todeskampf der Opfer dauerte bis zu einer halben Stunde.
Vernichtungslager und KZ
Vernichtungslager sind von der SS während des Zweiten Weltkrieges errichtete Lager, die im Unterschied zu den Konzentrationslagern (KZ) von vornherein für die Massentötung der europäischen Juden als letzte Konsequenz der nationalsozialistischen Judenverfolgung bestimmt waren. Aus Geheimhaltungsgründen wurden sie im besetzten Polen eingerichtet. Zwischen Ende 1941 und 1944 bestanden Vernichtungslager in Chelmno , Belzec , Sobibor , Treblinka , Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek , wobei Auschwitz und Majdanek gleichzeitig als Konzentrationslager dienten. Mehr als die Hälfte der nahezu sechs Millionen Holocaust -Opfer kamen in Vernichtungslagern um.

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