Angriff gegen Deniz Naki Schüsse auf einen politischen Fußballer

Tatort Autobahn 4 bei Düren: Nachts treffen mehrere Schüsse das Auto des Fußballprofis Deniz Naki. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter Tötung - Naki vermutet einen politischen Hintergrund der Tat.

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Wenn ein Mitglied der kurdischen Community Probleme hat, dann klingelt manchmal Cansu Özdemirs Handy. Die Linken-Politikerin beschäftigt sich seit Jahren mit der Kurdenpolitik der Türkei - und Netzwerken der türkischen Regierungspartei AKP in Deutschland.

Auch am Sonntag gegen 23 Uhr rief jemand bei Özdemir an. Es war der Fußballprofi Deniz Naki. "Er wirkte gefasst", sagte Özdemir, Abgeordnete in der Hamburger Bürgerschaft.

Dabei waren kurz vorher mehrere Schüsse auf Nakis Wagen abgegeben worden. Die Staatsanwaltschaft Aachen ermittelt bereits wegen versuchter Tötung. Noch ist unklar, warum der 28-Jährige attackiert wurde. Er selbst hat bereits eine Vermutung: Es handle sich um eine politische Tat.

Was steckt hinter den Schüssen in der Nacht?

Am späten Sonntagabend ist aus einem fahrenden Wagen auf Nakis Auto geschossen worden. Der Vorfall trug sich gegen 23 Uhr auf der A4 nahe Nakis Geburtsstadt Düren zu. Naki besucht derzeit seine Familie in Deutschland.

Nach Angaben der Aachener Staatsanwaltschaft fielen die Schüsse auf Höhe der Ausfahrt Langerwehe. Der Fußballer wurde nicht verletzt. Die Staatsanwaltschaft Aachen hat ein Ermittlungsverfahren wegen eines versuchten Tötungsdelikts eingeleitet.

Özdemir hatte bei Twitter über den Vorfall berichtet.

Deniz Naki hat kurdische Wurzeln. Der 28-Jährige spielt derzeit beim kurdischen Verein Amed SK aus Diyarbakir in der dritten türkischen Liga. Von 2009 bis 2012 stand er beim FC St. Pauli unter Vertrag. Naki spielte auch für mehrere DFB-Jugendteams, zuletzt 2009 für die deutsche U21-Nationalmannschaft. 2013 wechselte er in die Türkei.

Was sagt Naki zu dem Angriff?

"Ich glaube, dass es hier um eine politische Sache geht", sagte der Fußballprofi zu bento. "Ich bin in der Türkei eine laufende Zielscheibe, weil ich mich prokurdisch äußere." Er wisse nicht, ob die Schüsse ein Mordanschlag oder eine Warnung gewesen seien.

Naki hat den Schützen nach eigenen Angaben nicht erkennen können. "Ich habe lediglich einen schwarzen Kombi neben mir gesehen", sagte er. Zwei Schüsse trafen die linke Fahrzeugseite, sagt Naki: Knapp über dem Hinterreifen und zwischen zwei Fenstern.

"Die Schüsse zeigen mir aber, dass ich nirgendwo wirklich sicher bin. Ich vermute, dass der Schütze entweder ein Agent der türkischen Regierung oder ein rechtsradikaler Türke gewesen ist", sagte Naki. Regelmäßig werde der Fußballer bei Facebook angefeindet, sagt die Politikerin Özdemir. Auch auf dem Fußallplatz in der Türkei sei er schon wegen seiner Ansichten angegriffen worden.

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Der politische Fußballer: Wer ist Deniz Naki?

Was sagen die Ermittler?

Einen politischen Hintergrund kann die Sprecherin der Aachener Staatsanwaltschaft nicht bestätigen. "Das sind Spekulationen", sagte Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts. Die Ermittlungen stünden noch am Anfang.

Die Aachener Polizei untersucht den Wagen. Schlenkermann-Pitts bestätigt, dass es mehrere Einschusslöcher gebe. Ob Naki jetzt unter Polizeischutz stehe, wollte sie nicht sagen. Auch seien ihr ähnliche Angriffe auf den Fußballprofi nicht bekannt.

Wie engagiert sich Deniz Naki politisch?

Naki hat sich in der Vergangenheit wiederholt pro-kurdisch geäußert und die türkische Regierung wegen des Einsatzes in den kurdischen Gebieten des Landes kritisiert. Das türkische Militär geht seit dem Scheitern eines Waffenstillstands im Sommer 2015 im Südosten des Landes gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vor.

Im April 2017 verurteilte ein Gericht in der Kurdenmetropole Diyarbakir im Südosten der Türkei Naki wegen "Terrorpropaganda" zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten und 22 Tagen, nachdem das Verfahren in der Vorinstanz eingestellt worden war. Naki wurde vorgeworfen, über soziale Netzwerke für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK geworben zu haben.

Unter anderem ging es in dem Verfahren um einen Facebook-Eintrag des Fußballers aus dem Januar 2016. Darin widmete Naki einen Sieg seines Vereins denen, "die bei den Grausamkeiten, die seit über 50 Tagen auf unserem Boden stattfinden, getötet oder verletzt wurden". Hintergrund war das Vorgehen des türkischen Militärs in den Kurdengebieten. Naki wies die Anschuldigungen im Prozess zurück und sprach mit Blick auf die Veröffentlichungen von Friedensbotschaften. Nakis Anwalt nannte das Urteil "willkürlich". Auch Prozessbeobachter kritisierten die Entscheidung scharf.

Die PKK wird nicht nur von der Türkei, sondern auch von den USA, der EU und Deutschland als terroristische Vereinigung eingestuft. Dennoch stieß das Vorgehen der türkischen Armee international auf Kritik: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warf der türkischen Armee im Januar 2016 vor, die Bewohner des Kurdengebiets kollektiv zu bestrafen.



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