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Der Fall Amstetten: Wie Josef Fritzl die Behörden täuschte

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Ein durchtriebener Verbrecher, gutgläubige Behörden - Josef Fritzl hatte leichtes Spiel. Niemand wurde stutzig, als der Inzest-Täter drei seiner im Verlies gezeugten Kinder offiziell zu sich nahm. Amtsakten belegen: Die Jugendwohlfahrt begleitete Fritzls Machenschaften verständnisvoll.

Amstetten - Der Mann, der am 19. Mai 1993 bei der Jugendwohlfahrt in Amstetten vorsprach, ist heute weltberühmt, bekannt als Meister der Täuschung, als vermutlicher Täter in einem der ungeheuerlichsten Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte.

Es war ein gewisser Josef Fritzl, geboren am 9.4.1935, Elektrotechniker, der da im Amt erschienen war - und er erzählte ein verrückte Geschichte: "Heute um 06.20 Uhr fand unsere Tochter Doris vor unserer Wohnungstür in einer ausgepolsterten Schachtel einen Säugling", gab er zu Protokoll, das Kind sei "ordentlich bekleidet" gewesen, "sonstige Kleidungsstücke zum Wechseln fehlen". Ein Brief habe neben dem Kind gelegen und daraus gehe hervor, dass "meine Gattin und ich die mütterlichen Großeltern des Mädchens seien."

Heute weiß man, dass Josef Fritzl nicht nur der Großvater der kleinen Lisa ist, sondern auch ihr Vater. Dass er sie mit seiner Tochter Elisabeth zeugte, die er 24 Jahre lang in einem engen, dunklen Verlies unter seinem Haus eingesperrt hatte, die er immer wieder vergewaltigte und die sieben Kinder von ihm gebar.

Natürlich wusste Fritzl, wer das Mädchen war, das da aufgetaucht war, natürlich wusste er, wo sich dessen vermeintlich verschwundene Mutter befand und natürlich wusste er auch, dass der Brief, der beigelegt war, in Wahrheit von seiner Tochter Elisabeth stammte - schließlich hatte er sie ja gezwungen, ihn zu schreiben.

"Untersuchung, dass wir tatsächlich die Großeltern sind"

Aber vor den Behörden spielte Fritzl seine Rolle perfekt - die Rolle des bedauernswerten Vaters, dem die Tochter weggelaufen war, womöglich zu einer Sekte, und die ihm nun ihr Kind vor die Haustür gelegt hatte. Die Rolle eines Mannes, der alles genau überprüft haben möchte und der sich langsam an den Gedanken gewöhnt, ein weiteres Enkelkind zu haben.

Vorsichtig bemerkte er damals, er besitze, "noch Schulhefte unserer Tochter und habe vor, den dem Mädchen beigelegten Brief von einem Graphologen untersuchen zu lassen, ob er tatsächlich von unserer Tochter Elisabeth stammt", weiter würde er gerne von einem Arzt wissen, "wie weit eine Untersuchung möglich ist, dass wir tatsächlich die mütterlichen Großeltern sind".

Die zuständige Behörde, die Amstettener Jugendwohlfahrt, schöpfte keinen Moment lang Verdacht. Das legen zumindest die Akten aus jener Zeit nahe, die dem SPIEGEL vorliegen.

Hätten die Verantwortlichen merken müssen, dass da etwas nicht stimmen konnte?

Hätten sie den Vater, der im Dorf den Ruf hatte, ein Despot zu sein und seine Kinder zu tyrannisieren, kritischer betrachten müssen? Hätte sich noch jemand an seine gelöschten Vorstrafen wegen Sexualdelikten aus den sechziger Jahren erinnern müssen?

Aus heutiger Sicht lässt sich das schwer beantworten. Die Unterlagen zeigen jedoch, wie perfekt Fritzl die Behörden täuschte - und wie arglos diese das Ehepaar Fritzl betreuten. Mitfühlend und wohlwollend begleiteten sie die "Bemühungen" der Fritzls und lobten sie ausführlich in ihren Berichten.

Bisher verweist die zuständige Behörde, die Bezirkshauptmannschaft von Amstetten, immer nur auf die 21 "dokumentierten Kontakte", die es von 1993 bis 2007 zwischen den Behörden und den Fritzls gegeben habe - dass nur sechs davon Hausbesuche waren, der letzte davon 1997, sagen sie nicht. Denn meist sprachen die Pflegeeltern im Amt vor, oft lief der Kontakt auch nur telefonisch - und in den Jahren 2002 bis 2005 herrschte sogar absolute Funkstille zwischen Jugendwohlfahrt und Pflegeeltern.

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