Der Fall Dennis J. Sechs Kugeln, ein Toter, viele Fragen

Ein tödlicher Polizeieinsatz bewegt Brandenburg: Am Silvesterabend erschoss ein Polizist den Straftäter Dennis J. - aus Notwehr, schien es zunächst. Doch nun werden Zweifel laut: Kannte der Beamte sein Opfer, wieso wurde sechsmal gefeuert, und warum war einer der drei Fahnder unbewaffnet?

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Hamburg - Es geschah am Silvesterabend um kurz nach 18 Uhr, in einer Sackgasse in Schönfließ, einem Nest in Brandenburg. Drei Berliner Zivilbeamte des Abschnitts 25 stellten den mit zwei Haftbefehlen gesuchten Straftäter Dennis J. in einem gestohlenen Jaguar. Nach offiziellen Angaben hatten sie einen Tipp bekommen. Doch anstatt sich festnehmen zu lassen, drückte der 26-Jährige aufs Gas, verletzte einen Fahnder am Bein und rammte den Dienstwagen.

Daraufhin zog der Kommissar Reinhard R., 34, seine Dienstwaffe vom Typ Sig Sauer P 6 und gab sechs Schüsse auf J. ab. Der unbewaffnete Mann wurde nach Erkenntnissen der "Berliner Zeitung" oberhalb des Herzens getroffen und erlag schließlich einem Lungensteckschuss. Laut Polizei flüchtete J. jedoch zunächst noch einige hundert Meter weit und krachte schließlich in ein parkendes Auto.

Ein gesuchter Krimineller mit einem ellenlangen Vorstrafenregister, 160 Straftaten soll er begangen haben, noch dazu in einer gestohlenen Luxuskarosse unterwegs, flüchtet vor Polizisten und verletzt sie mit seinem PS-starken Gefährt - zunächst sah alles nach einem zwar tragischen, aber eindeutigen Fall aus.

Kannten sich Schütze und Täter?

Doch inzwischen muss selbst die Neuruppiner Oberstaatsanwältin einräumen, dass das von ihr zu untersuchende Tötungsdelikt mehr Fragen aufwirft als zunächst vermutet: "Es gibt viele Ungereimtheiten", sagte Lolita Lodenkämper. So prüfe man derzeit, ob der Schütze R. nicht sogar mit seinem Opfer bekannt war.

Die "Berliner Zeitung" hatte nämlich in einem Artikel mit der markigen Überschrift "War es ein Racheakt?" berichtet, Dennis J. habe eine Beziehung zu der Ex-Freundin des Polizisten Reinhard R. unterhalten, weshalb dieser eifersüchtig auf ihn gewesen sei.

Polizeisprecher Bernhard Schodrowski bestritt das am heutigen Mittwoch sehr entschieden: "Es gibt absolut keine Anzeichen dafür", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Die beteiligten Beamten dementieren das nachdrücklich." Auch zitierte der "Tagesspiegel" den Berliner Polizeipräsidenten Dieter Glietsch mit den deutlichen Worten: "Für eine Beziehung gibt es nicht den geringsten Hinweis."

Ungewiss ist indes, ob das Opfer durch einen gezielten Schuss getötet oder von einem Querschläger getroffen wurde. Nach offiziellen Angaben war das entsprechende Projektil zwar stärker verformt als anzunehmen gewesen wäre, dies kann aber auch darauf zurückzuführen sein, dass es die Windschutzscheibe durchschlug, ehe es Dennis J. traf.

"Der Beschuldigte schweigt zu den Vorwürfen"

Von dem Schützen, gegen den wegen des Verdachts des Totschlags ermittelt wird, erhalten die Ermittler vorerst keine Antworten auf die vielen Fragen. "Der Beschuldigte schweigt zu den Vorwürfen", so Lodenkämper. Daher hatte die Oberstaatsanwältin, die auch für politisch-motivierte Kriminalität zuständig ist, am heutigen Mittwoch einen Ortstermin in Schönfließ anberaumt.

Fachleute des Brandenburger Landeskriminalamt sollten dort unter Einsatz moderner Lasertechnik klären, woher und wohin geschossen wurde. Der Tatort wurde zu diesem Zweck weiträumig abgesperrt. Sowohl der beschuldigte Reinhard R. als auch seine beiden Kollegen nahmen an der fünfstündigen Rekonstruktion des Geschehens teil. Oberstaatsanwältin Lodenkämper erhofft sich von der aufwendigen Maßnahme, zu der auch der demolierte Jaguar herangekarrt wurde, "objektive Beweise".

Die scheinen angesichts der vielen Theorien, die inzwischen zu dem tödlichen Zugriff kursieren, auch dringend nötig. So hatte auch die "Bild"-Zeitung eine neue Deutung des Geschehens präsentiert. Das Blatt zitierte einen namentlich nicht genannten Ermittler mit den Worten: "Für die Kollegen war es eine Frage der Ehre, den Gesuchten zu verhaften. Zweimal war er der Polizei schon entwischt."

Deshalb hätten die Zivilfahnder am Silvesterabend noch einen unbewaffneten Kollegen von zu Hause abgeholt, weil dieser Karate könne. Lodenkämper bezeichnete das als Spekulationen und bestätigte lediglich, dass einer der Beamten keine Pistole getragen habe.

Ein ganz normaler Einsatz

Andere Berliner Zeitungen rätselten darüber, warum die Polizisten zu dritt ausgerückt waren. Üblich seien schon aus Gründen der Personalknappheit lediglich zwei Beamte, hieß es. Polizeisprecher Schodrowski erklärte hingegen, es sei "nicht ungewöhnlich", dass ein Drei-Mann-Team einen solchen Einsatz übernehme.

Der Abschnitt 25 sei vom Landeskriminalamt Wochen zuvor mit der Vollstreckung des Haftbefehls gegen Dennis J. beauftragt worden, das Trio damit "vollkommen zurecht unterwegs gewesen", sagte Schodrowski. Demnach waren auch die Brandenburger Kollegen über den Einsatz informiert.

Auch sei ein Zugriff zwischen Weihnachten und Neujahr nicht weiter bemerkenswert. Zwar gebe es Haftbefehle, die von der Justiz mit entsprechenden Vermerken versehen und deshalb nicht über die Feiertage vollstreckt würden. In den Akten gegen J. sei jedoch keine zeitliche Einschränkungen notiert worden.

Nach dem Straftäter wurde gefahndet, weil er laut Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und einem Monat unter anderem wegen Verkehrsdelikten nicht angetreten hatte. Die drei an der Verhaftung beteiligten Polizisten sind nicht suspendiert, wie Schodrowski sagte. Sie werden derzeit sozialmedizinisch betreut.

Mit Material von dpa und AP



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