Der Fall des "Oma-Mörders" "Jungchen, nimm das Geld und geh"

Diese Mordserie gilt als einmalig in der deutschen Kriminalgeschichte: Der Altenpfleger Olaf Däter tötete binnen zehn Tagen fünf Rentnerinnen. In einem TV-Film äußert sich nun ein Opfer, das überlebte - ohne ihre Aussagen wäre der "Oma-Mörder" wohl nie gefasst worden.

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Hamburg - Olaf Däter ekelte sich vor alten Frauen. Anmerken ließ sich der Altenpfleger das nicht. In Gesundheitsschuhen stampfte der 1,93 Meter große und 130 Kilogramm schwere Mann in die Wohnungen seiner Klienten. Viele mochten ihn, einige nannten ihn "Teddy". Ihre Arglosigkeit nutzte Olaf Däter aus - und ermordete im Juni 2001 fünf hochbetagte Frauen innerhalb von nur zehn Tagen. Eine weitere Rentnerin überlebte schwerverletzt. Nur aufgrund ihrer Aussage konnte der Serienmörder schließlich verhaftet werden.

Martha N. ist heute 89 Jahre alt. Sie sitzt im Rollstuhl, hat Erinnerungslücken. Doch den brutalen Überfall hat sie auch nach sieben Jahren nicht vergessen. Als Olaf Däter an jenem 12. Juni 2001 bei ihr klingelte - angeblich, weil er überprüfen wollte, ob ihr Badezimmer behindertengerecht eingerichtet sei - öffnete sie ihm vertrauensselig die Tür.

In der Wohnung überfiel sie der übergewichtige Mann von hinten, zerrte sie zu ihrem Bett im Schlafzimmer, drückte dort ihr Gesicht tief ins Kopfkissen. "Was wollen Sie von mir?", fragte die Rentnerin und schnappte nach Luft - "Geld!", zischte der 32-Jährige. "Ich sagte: 'Jungchen, nimm' das Geld und geh'! Du tust mir ja so weh!'", erinnert sich Martha N. in der ARD-Dokumentation "Der Oma-Mörder von Bremerhaven", die Montagabend ausgestrahlt wird (siehe Kasten).

Martha N. verliert während des Übergriffes das Bewusstsein. Däter nimmt 700 Mark an sich und bricht zudem eine Geldkassette auf, in der er 3000 Mark findet. Der Altenpfleger stürzt aus der Wohnung. Martha N. wird kurz darauf von ihrem Sohn gefunden. Sie erleidet drei Rippenbrüche, eine Schädelprellung, Platzwunden und massive Hämatome. Trotzdem kann sie der Polizei erklären, wer sie so zugerichtet und beraubt hat. Olaf Däter wird kurz darauf festgenommen.

Ohne Martha N. wären die Taten des Serienmörders vielleicht für immer unentdeckt geblieben. Ohne Martha N. hätte er vielleicht noch weiter gemordet. Davon gehen zumindest die Ermittler und eine Gutachterin aus. "Er hat die Tötung der alten Frauen als neue Erwerbsquelle für sich erkannt", sagt Nahlah Saimeh SPIEGEL ONLINE. Sie ist Direktorin des LWL Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt, begutachtete Olaf Däter und erklärte ihn im Prozess für voll schuldfähig.

"Ich habe nicht erkennen können, dass es für Herrn Däter Gründe gegeben hätte, mit den Taten aufzuhören. Insofern wäre durchaus mit weiteren Taten zu rechnen gewesen", konstatiert Saimeh.

"Seine Taten waren gut überlegt und raffiniert eingefädelt"

Däter habe sich ihr gegenüber höflich, zuvorkommend, fast gesellig gezeigt, sagt die Psychiaterin. Ihrer Meinung nach hat Däter den Beruf des Pflegers gewählt, um sein großes Machtbedürfnis gegenüber Menschen auszuleben, die ihm ausgeliefert sind. "Hochbetagte, alleinstehende Frauen, die sich in häuslicher Pflegesituation befinden, sind einsam, aufgeschlossen und freuen sich über Besuch. Seine Taten waren gut überlegt und raffiniert eingefädelt", so Nahlah Saimeh.

Olaf Däter fuhr von Tatort zu Tatort: Vom 5. bis zum 14. Juni 2001 tötete er kaltblütig fünf Menschen - als Mitarbeiter des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) konnte er sich leicht Zugang zu den Wohnungen seiner Opfer beschaffen. Die kannten ihn gut. Was sie nicht wussten: Der so hilfsbereit wirkende Pfleger war längst fristlos entlassen worden, weil er Geld unterschlagen hatte.

Olaf Däter, wuchtig, mit teigigem Teint und Doppelkinn, stülpte sich vor jedem Mord eine Frotteesocke über die rechte Hand: Der Speichel alter Menschen widerte ihn an.

Systematisch überfiel der Altenpfleger seine Opfer und erbeutete insgesamt rund 5000 Mark: Am 5. Juni 2001 ermordete er die 87-jährige Lisbeth N., eine verwitwete Bankangestellte; zwei Tage später Margarethe M., 85, die ihm um ihr Leben fürchtend freiwillig 850 Mark aushändigte; am 10. Juni überwältigte er die 1,51 Meter große und nur 45 Kilogramm schwere Helene K., 83; zwei Tage darauf tötete er Lieselotte S., der er die Wirbelsäule mehrfach brach.

Am 14. Juni schließlich erstickte er Anneliese K., 89, und fuhr direkt von deren Wohnung zu Martha N. Die von ihm verübte Mordserie ist bisher einmalig in der deutschen Kriminalgeschichte. "Er hätte weitergemordet", sagt Martin Hohmeyer von der Kripo Bremerhaven.

Die Hausärzte attestierten allen Opfern einen natürlichen Tod

Olaf Däter ging systematisch und sehr geschickt vor. Seine Opfer drapierte er nach der Tat im Bett, als seien sie ohne Fremdeinwirkung ums Leben gekommen - in allen Fällen stellten die Ärzte einen "natürlichen Tod" fest. Das könne passieren, sagt Rechtsmediziner Klaus Püschel, der nach Däters Festnahme dessen Opfer obduzierte. Über einen der Ärzte sagt Püschel: "Er hat die Grundregeln der äußeren Leichenschau nicht beachtet."

Martha N., so ist zu vermuten, hat durch ihr Überleben anderen Frauen das Leben gerettet.

Denn Olaf Däter hatte in einer Prostituierten eine neue Bezugsperson gefunden, die er mit noch mehr Geld beeindrucken wollte. Nach seiner letzten Tat schenkte er ihr 1500 Mark, spendierte ihr eine Pediküre und einen Rundflug nach Helgoland.

Er phantasierte sich die 29-Jährige zur Freundin. Ihr Auftritt vor Gericht - denkwürdig. Die Prostituierte verfiel in schallendes Gelächter, als sie hörte, dass Däter ihre Wärme und Zuneigung zu ihm schätzte. "Wenn ein Kerl mit 1000 Mark kommt, spiel' ich für den die Krankenschwester, die Mama, die Domina. Ich mach' genau das, was er will." Die alleinerziehende Mutter nahm Däter regelrecht aus.

Ohne sie, so vermutet Däters Verteidiger Thomas Domanski, hätte der vielleicht nie mit dem Morden begonnen. Der übergewichtige Pfleger habe sich nach Nähe und Zärtlichkeit gesehnt und der attraktiven Frau mit finanzieller Großzügigkeit imponieren wollen. Als sie ihn vor Gericht ausgelacht habe, sei er "sehr enttäuscht" gewesen.

Domanski steht mit dem Langinhaftierten in regelmäßigem Kontakt. "Er ist über die Ausstrahlung des Films nicht glücklich. Er wollte für sich, aber auch im Hinblick auf die Hinterbliebenen, den Fall nicht noch einmal aufrollen", sagt Domanski SPIEGEL ONLINE. Ein entsprechender Antrag scheiterte vor dem Landgericht Bremen.

Mit dem Leben im Gefängnis habe sich Däter arrangiert. "Er engagiert sich im Rahmen der Insassenvertretung, arbeitet bei der JVA-Zeitung mit und unterstützt die kirchliche Einrichtung in der Haft." Domanski, seit 15 Jahren Strafverteidiger, betont Däters umgängliches Verhalten, seine sympathische Art. Er unterscheide sich auffällig von anderen Schwerverbrechern.

"Er hat sich so verhalten, als ob nichts gewesen wäre"

"Er dürfte nicht mehr herauskommen", sagt dagegen der Adoptivvater Däters. Alfred Däter ist ein schmächtiger Mann mit grauem Bart und traurigem Blick. Er heiratete Olafs Mutter kurz nach dessen Geburt im Herbst 1969. Seinen leiblichen Vater hat Olaf Däter nie kennengelernt.

Die Eltern bescherten dem groß gewachsenen Jungen eine sorgenfreie Kindheit in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Olaf Däter wollte bereits nach der Schule Krankenpfleger werden. Als er keinen Ausbildungsplatz fand, verpflichtete er sich bei der Bundeswehr in Cuxhaven und ließ sich dort zum Sanitäter ausbilden. Nach acht Jahren trat er den Job beim ASB an. Däter hatte immer Geldprobleme, woran auch seine Ehe scheiterte.

Seine Eltern beglichen seine Mietschulden, halfen ihm, wenn ihm der Strom abgestellt wurde, aber ahnten nichts von seinem mörderischen Doppelleben. "Er hat sich so verhalten, als ob nichts gewesen wäre", sagt sein herzkranker Vater. Olaf habe die Mordtaten "gut verbergen" können, habe weder unruhig noch auffällig anders gewirkt. Heute sind sich Alfred Däter und seine durch Multiple Sklerose erblindete Frau Veronika sicher: "Wahrscheinlich wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, wann wir dran gewesen wären."

"Ich wollte sie nicht töten", sagte Däter vor Gericht tonlos. Das Landgericht Bremen verurteilte ihn zu einer lebenslangen Haft unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

"Ich gehe davon aus, dass er 30 Jahre absitzen wird", sagt Richter Harald Schmacke in dem ARD-Film. Dann wird Olaf Däter 62 Jahre alt sein - und Gutachter werden entscheiden müssen, ob er noch immer rückfallgefährdet ist.



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